| Langzeiterfahrungen mit dem Prijon Hercules
- Nachdem ich nach Testfahrten mit dem Prototypen den frisch aus der Form geschlüpften Hercules in der Serienversion im Januar letzten Jahres bei Minusgraden Probe fahren konnte und meine ersten Eindrücke hier geschildert hatte, war ich das ganze Jahr über auf kleinen und grossen, verblockten und wuchtigen Bächen mit dem Boot unterwegs.

Das Spektrum reichte dabei von engverblockten Harzcreeks über wuchtiges Wildwasser in Osttirol und Slowenien bis hin zu technischen Grundgesteinskatarakten in Norwegen.

Mein erster Eindruck von dem Boot hat sich in der ganzen Zeit nicht verändert: Noch nie gab es ein Kajak mit soviel Platz und Volumen für grosse und schwere Paddler, das sich trotzdem aktiv und mit viel Spass fahren lässt.

Nach einigen individuellen Fittings im Bereich Schenkelstützen und Prallplatte sitzt das Boot wie angegossen, einschlafende Füsse wegen zu engem Fußraums wie bei anderen Booten gehören endlich der Vergangenheit an.

Der anfängliche Eindruck, das Boot würde in Abfällen zu stark bohren und hätte ein schlechtes Auftauchverhalten mit unfreiwilligem Kerzeffekt, konnte im Verlauf nicht mehr aufrecht gehalten werden.

Bei aktiver Fahrweise lässt sich der Hercules super boofen und taucht sauber ohne zu kerzen aus Abfällen und Walzen auf. Aufgrund des sehr hohen Volumens von 315 Litern schwimmt das Boot immer oben und ist kaum seitenwasserempfindlich.

Einige Paddler sprachen mich an, ob mir in diesem "Flugzeugträger" nicht der Kontakt zum Wasser fehlen würde und das ist in gewisser Weise natürlich richtig: Das Boot scheint über einige Walzen einfach hinüberzusegeln, in die Paddler mit anderen für den gleichen Einsatzzweck gedachten Booten bis zum Hals eintauchen.

Ich empfinde dies im schweren Wildwasser als sehr positiv, denn dadurch ist die Aktionsfähigkeit schneller wieder hergestellt und die Sicherheitsreserven werden noch lange nicht angegriffen.

Die etwas längere Form des Hercules im Gegensatz zu anderen neuen "Stummel-Creekern" finde ich sehr angenehm, weil das Boot dadurch besser beschleunigt und auch dahin fährt, wohin der Fahrer es haben will. Dies ist besonders wichtig, um bei grösseren Flüssen entfernte Kehrwasser noch sicher zu erreichen, an denen Kurzcreeker nur noch passiv vorbeitreiben.

Negativ fiel mir auf, dass sich die Zähne des Plastikbandes der Ratschenrückenlehne schon nach kurzer Zeit sehr stark abnutzen, so dass die Gefahr besteht, dass das Ratschenband irgendwann unter Belastung durchrutscht. Der Sitz ist materialmässig ziemlich dünn geblasen und fühlt sich wackelig an, dadurch schlagen Unterwassersteine bei der Befahrung von felsigen Rutschen voll auf das Hinterteil durch. Eine dickere Unterpolsterung mit Schaumteilen wäre hier eine sinnvolle Verbesserung.

Über das Material von Prijon braucht man wohl keine Worte zu verlieren, geblasenes HTP ist das robusteste und abriebfesteste Material, das aktuell im Wildwasserkajakbau Verwendung findet. Trotz Befahrung vieler Stufen und Abfälle aus scharfkantigem Schiefergestein hat die Bootshülle keine tiefen Riefen oder Einschnitte bekommen.
Fazit: Im Dauerbetrieb hat mich der Hercules nach meinen ersten Eindrücken im Winter 2006 weiterhin voll überzeugt. Ich glaube nicht, dass es aktuell ein Boot gibt, dass ihm von den Material- und Fahreigenschaften für die Zielgruppe der grossen und schweren Wildwasserfahrer das Wasser reichen kann.
Weitere Infos zum Hercules gibt es bei Prijon
Jan-Peter
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