| Highhouse Creek kurz vor der Sperrung
Soll man interessante Bäche noch der Allgemeinheit zugänglich
machen oder soll man seine Geheimtipps lieber für sich behalten? Diese Frage
stellte sich uns nicht nach der Erstbefahrung des Highhouse Creeks vor einigen
Monaten. Wir veröffentlichten. Und was ist jetzt draus geworden? Das steile
Treppenhaus steht kurz vor der Sperrung für den Paddelsport! Was ist passiert?
Nach einigen weiteren erfolgreichen Befahrungen durch uns und
andere Kurzbootfahrer hielt eines Freitagnachmittags ein Kleinbus mit einem
Bootsanhänger voller Wanderboote und mehrere PKWs mit Wildwasserkajaks auf den
Dachträgern vor der Mietskaserne, natürlich auf den für die Bewohner reservierten
Parkplätzen.
Auf dem Anhänger stand in großen Buchstaben der Name eines Kanuvereins,
der hier aus verständlichen Gründen nicht genannt werden soll.

Ungefähr 20 Paddler strömten lautstark johlend in das Gebäude,
vorbei an dem sprachlosen Pförtner und hinauf ging es mit dem Fahrstuhl in den
6. Stock. Während die ausgeblichenen Gattinos noch diagonal in den Fahrstuhl
passten, wurden die längeren Taifuns und K3x rücksichtslos durchs Treppenhaus
bis in den 4. Stock gezogen. Selbst ein alter teilbarer Appel Eski war für diese
Befahrung aus der hintersten Ecke des Bootshauses wieder hervorgekramt worden.
Die ersten 3 Stockwerke wurden erfolgreich bewältigt, erst im 4. Stock verhinderte
die verschlossene Tür einer Büroetage das Weiterkommen.
Laut schwatzend machten es sich derweil die Paddlerfrauen in
ihren modischen blauen Trainingsanzügen mit 2 Streifen und Gummistiefeln an
den Füßen auf der Wiese vor dem Haus und hinter dem Jägerzaun bequem. Das Schild,
nach dem das Betreten des gepflegten Rasens und Spielen auf der Wiese verboten
ist, nahmen sie wohl nicht wahr. Ein rotblauer Stander mit den Buchstaben "D
K W" (oder ähnlich?!?) wurde an einem mitgebrachten Fahnenmast unter großem
Applaus der umstehenden Paddler emporgezogen. Kuchen und Getränkedosen wurden
verteilt, eine holte ihre Klampfe hervor, eine andere die Mundharmonika und
im Kreis der nicht paddelnden Begleiterinnen wurden lauthals alte Fahrtenlieder
angestimmt.
Derweil bahnte sich im 5. Stock eine brisante Situation an:
Nachdem die Gattinofahrer den Absatz vom 6. in den 5. Stock unter permanenter
Absicherung durch eine begleitende Landmannschaft und nach eingehender Besichtigung
nach 2 Stunden endlich bewältigt hatten, fand sich im 4. Stock eine verschlossene
Tür, die sich auch mit den wohlweislich mitgeführten Brecheisen (der gute Vereinspaddler
hat immer eine umfangreiche Werkzeugsammlung in seinem Boot) nicht öffnen ließ.
Jetzt war guter Rat teuer. Anstelle den geordneten Rückzug anzutreten, wurde
lautstark gegen die angeblichen Bachsperrer angepöbelt, dabei verließen einige
im Treppenhaus nistende Tauben fluchtartig das Haus durch ein offenes Fenster.
Natürlich waren wieder die Naturschützer und Angler Schuld daran, daß es nicht
weiterging. Man wolle sogleich die Verbandsgeschäftsstelle in Duisburg davon
in Kenntnis setzen, daß schon wieder harmlose Kanufahrer an der Fortsetzung
ihrer Fahrt auf freien Flüssen gehindert würden. Schließlich erschien der Hausmeister,
der von der im verschlossenen Büro putzenden völlig verstörten Raumpflegerin
über das Nottelefon herbeigerufen worden war und erteilte den bedrohlich mit
ihren Gattinos in voller Wildwasserausrüstung mit vergittertem Helm und Alupaddeln
im Treppenhaus stehenden Kanuten Hausverbot.
Unterdessen waren aber die im 4. Stock unterhalb der Hauptschwierigkeiten
einsetzenden Langschifffahrer auch nicht viel weiter gekommen. Ein älterer Taifunfahrer
hatte auf einem Treppenabsatz das letzte Kehrwasser nehmen wollen und war dabei
so unglücklich quergekommen, daß der nachfolgende Seekajakfahrer aufgrund des
heruntergeklappten Heckruders keine Chance mehr zum Ausweichen hatte und dem
Taifun derart in die Seite fuhr, daß das Boot eine große Schramme bekam.
So etwas war dem Taifunpaddler im ganzen Leben noch nicht widerfahren,
hatte er sein Boot doch nach jeder Paddeltour sorgsam mit dem Lederlappen poliert
und trockengerieben und dabei natürlich auf eventuell aufgetreten Schäden begutachtet.
Noch im Boot sitzend forderte er Schadenersatz von dem Seekajaker, schließlich
sei der Taifun auch nach 20 Jahren noch in einem völlig neuwertigen Zustand
und durch die Schramme eine erhebliche Wertminderung eingetreten. Er weigerte
sich, auch nur einen Meter mit seinem nach seiner Meinung schwer beschädigten
Kajak weiterzufahren und holte aus dem Heck den zusammengefalteten Bootswagen
hervor, um sich zu Fuß nach unten ins Erdgeschoß zu begeben. Die nachfolgenden
Paddler verließ nun auch der Mut, als sie ihren Wanderwart die Fahrt beenden
sahen. Auch sie trugen ihre Boote wieder auf dem gleichen Weg zurück, auf dem
sie mühsam heraufgetragen hatten.
Nur ein mit allen Wassern gewaschener Ruhrgebietsexpeditionspaddler
mit seinem K3x war so pfiffig, an der nächsten Tür im 3. Obergeschoß zu klingeln,
sich an dem verdutzten Bewohner mit dem Boot vorbei durch den
Flur und das Wohnzimmer bis auf den Balkon durchzuschlagen, um es mittels des
mitgebrachten Wurfsacks auf die Wiese vor dem Haus abzuseilen. Jetzt wußte er
endlich, wozu er dieses Ding jahrelang hinter dem Sitz auf allen möglichen Extremwildwassern
wie Ammer, Lech und Isar bei sich gehabt hatte. Unten hatten die Ufermäuschen
derweil ein Lagerfeuer aus Teilen des Jägerzauns entfacht und fingen an, Würstchen
zu grillen, Brot zu backen und auf ihre Helden zu warten.

Als diese endlich wieder unten angelangt waren, gab es enttäuschte
Kommentare:
"So ein Mistbach, viel zu kurz, das gibt ja gar keinen Flußpunkt"
oder auch
"Ist ja klar, daß der Bach gesperrt wird, aber das liegt wie
immer an dem unmöglichen Verhalten von diesen wilden Paddlern, die nicht in
unserem Kanuverband sind und trotzdem alle Vorteile einer Mitgliedschaft haben
wollen. Die sind garantiert in wilden Horden ohne Vereinsaufkleber und ordnungsgemäße
Bootsbeschriftung den Highhouse Creek unter dem empfohlenen Mindestpegelstand
runtergefahren und haben wie immer ein schlechtes Beispiel für den Kanusport
gegeben. Und wir organisierte Kanufahrer sind die Leidtragenden und müssen alles
wieder durch vorbildliches Verhalten ausbügeln."
Nach 2 Stunden hatten sie dann genug und ließen eine noch schwelende
Feuerstelle sowie leere Getränkedosen und zerknülltes Bonbonpapier auf dem Rasen
zurück. Deutlich waren noch die PE-Fetzen auf dem Jägerzaun zu sehen, über den
einige ihre Boote bis hin zum Bootsanhänger geschleift hatten.
Als am selben Abend ein Spielbootfahrer, der zufällig im 1.
Stock des Hochhauses wohnt, von seinem nachmittäglichen Park n Play Spot kommend
mit dem Boot auf dem Dach in die Tiefgarage fuhr, wurde er von einem grimmig
blickenden Hausmeister schon erwartet. Dieser kündigte ihm an, daß er in Zukunft
jedem potentiellen Hausbewohner die Frage stellen würde, ob er Kanufahrer sei.
Es würde eine Klausel in den Mietvertrag gesetzt werden, daß das Betreten des
Hauses mit Paddelbooten die sofortige Auflösung des Mietverhältnisses und die
fristlose Kündigung zur Folge hätte.
Der Spielbootfahrer war völlig verstört, hatte er doch gerade
einen neuen Move, das Double-Ender-Screw-Around -Wave-Blast-Wheel perfektioniert
und wurde jetzt so abrupt auf den Boden der Tatsachen zurückgerissen.
Was sollte er jetzt tun? Wohin mit dem Boot?
Die rettende Idee: Ein Schließfach auf dem Bahnhof. Immer noch
besser, als einem Verein beizutreten und mit grölenden Horden Flußpunkte für
den Wanderfahrerwettbewerb sammeln zu müssen. Außerdem bekommt das Boot im Schließfach
keinen Staub von den im Bootshaus darüber und daneben liegenden Faltbootleichen
ab
Wie es jetzt weitergeht, weiß keiner so genau. Beim Kanuverband
wird sicherlich eine Beschwerde des Vereins auflaufen, mit der dringenden Bitte,
sich mit der Wohnungsbaugesellschaft in Verbindung zu setzen und einen Kompromiß
auszuhandeln, der organisierten Kanuten weiterhin eine Befahrung des Highhouse
Creek ermöglicht.
Ist das der richtige Weg?
Wir wissen es nicht, aber es gibt ja immer noch die Möglichkeit
von Bandit Runs.
Die Erstbefahrer des Highhouse Creeks
Story by Jan-Peter
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