| Tirol im Doppelpack - Interview mit den Mauracher-Buam
Es ist der 29.12.2003, abends. Wir sitzen in der Küche der Familie Mauracher in Zell am Ziller im Zillertal, Tirol. "Mauracher?" werden jetzt die meisten von euch fragen. Nun ja, zugegeben, bis vor einem Jahr sagte uns der Name auch nix. Dann aber hörten wir von zwei Brüdern aus dem wildwassereichen Nachbarland, die sich aufgemacht hatten, die Ehre des österreichischen Kajakalpinimus zu retten. Bernhard und Benjamin Mauracher gehören zu den wenigen Tirolern, die es verstehen, die Flüsse ihrer Heimat sinnvoll zu nutzen. Lassen wir uns also von den beiden erzählen, wie sie zum Paddeln kamen, was ihr Lieblingsrevier ist und wie ihre Zukunftspläne aussehen.
Soulboater: Hallo Bernhard, hallo Benjamin! Ihr seid Zwillinge. Wer von euch ist der Ältere? Wann seid ihr geboren? Bernhard: Der wo jünger aussieht und unvernünftig ist. Benjamin: 31.03.1979.
Soulboater: Also erst nach der Rißbacherstbefahrung. Seit wann sitzt ihr im Boot? Bernhard: Jetzt die zehnte Saison, also 1994.
Soulboater: Wie seid ihr zum Paddeln gekommen? Bernhard: Wir sind über unseren Vater dazu gekommen. Der kommt aus der Ecke der Brandenberger Ache und dort haben wir an den Wochenenden Kajakfahrer gesehen. Die Paddler sind immer bei Niederwasser vorbeigeschrubbt und wir wollten das dann auch machen. Wir haben uns Boote zum Geburtstag gewünscht und haben aufblasbare Kanus bekommen, Bernhard seins dann aber zurückgeschickt, weil die Mutter uns im richtigen Boot sehen wollte.
 Bernhard, zum ersten Mal im Boot
Soulboater: Habt ihr euch das Paddeln selbst beigebracht? Bernhard: Ja, das erste Jahr sind wir immer gemeinsam gepaddelt und haben uns das Paddeln selbst beigebracht. Erst seit kurzem paddeln wir auch öfters getrennt. Soulboater: Liegt das an den Frauen? Simone, Freundin von Benjamin: Kann sein ... Bernhard: ... Benjamin: Ich muss unbedingt noch was erzählen. Als wir das erste Kajak bekommen haben, hat der Bernhard seine komplette Ausrüstung angezogen und sich in die Badewanne voll kaltem Wasser gelegt (allgemeines Gelächter).
 In der Zemm Schlucht fing 1994 alles an
Soulboater: Euer erster Bach? Bernhard: Angefangen haben wir an der Zemmschlucht im Zillertal, sind jedesmal über die zwei Wehranlagen gefahren. Soulboater: Sind die nicht ungesund? Bernhard: Die sind sehr gesundheitsschädlich...und... Simone (grinst): Anfängerfreundlich! Soulboater: Wie seid ihr da heil runtergekommen? Bernhard: Wir kannten die Gefahr nicht und hatten Glück, dass das Kraftwerk kein Wasser abgelassen hat. Ich sagte immer dass dies eine gute Übung für Hochwasser ist. Unsere Eltern haben da auch immer zugeschaut, nur kannten wir die Gefahr nicht. Benjamin: Ich hab immer zu meinem Bruder gesagt, dass er rückwärts runterfahren soll und ich wollte dann zuschauen. Mein Bruder ist mein großes Vorbild. Bernhard: Eines Tages haben wir einen Kajakfahrer aus Mayrhofen kennengelernt, welcher uns über die ganzen Gefahren von Wehren aufgeklärt hat. Danach sind wir nicht mehr gefahren.
 Sehr ungesund - aber die Brüder sind froh dass damals alles gut ging
Soulboater: Bernhard, du warst doch mal großer Volksmusikant, Tiroler Alpensound oder so. Ist Volksmusik eine gute Inspiration fürs Paddeln? Bernhard: Eigentlich nicht, denn man hat keine Zeit mehr zum Paddeln. Benjamin (lacht): Woaß i ned. Bernhard: Er hat Schlagzeug gespielt und Ärger von den Nachbarn bekommen.
 Simone, Benjamin, Bernhard als Foamie und Bernhard himself
Soulboater: Was sind eure Lieblingsbäche? Benjamin: Die Ötztaler Ache, Obere Ötz und Mittlere Ötz. Simone: Bei viel Wasser. Soulboater: Gibts auch noch andere Bäche als die Ötz? Benjamin: Die Brandenberger Ache. Soulboater: Ihr wart aber auch mal wo anders Paddeln als in Tirol? Bernhard: Korsika im Trockenen. Soulboater: Was ist mit Norwegen? Bernhard: Da waren wir erst letztes Jahr, in der achten Saison. Oben in Norwegen ist ´s generell super. Soulboater: Welche Bäche würdet ihr noch gern kennenlernen? Bernhard: Bäche im Aostatal, Südtirol, Frankreich wär noch super - und die Loisach. Da war ich noch nie. Kennt jeder Paddler, aber gefahren sind wir noch nie.
 Die Boote hatten sie immer mit dabei - Benjamin beim Abseilen
Soulboater: Man hat schon viel von eurer Sicherheitsphilosophie gehört. Erläutert das mal näher. Benjamin: Ah, mein Bruder sagte zu mir: "Häng dir dein Boot und das Paddel an der Schwimmweste ein." Bernhard: Mein Bruder war neidisch, weil er keinen Cowtail besaß und sein Boot auch einhängen wollte. Soulboater: Das macht ihr immer noch? Bernhard: Jetzt machen wir das nicht mehr, haben Kurse bei der Wasserrettungbesucht, uns Lehrbücher gekauft und viel gelernt. Mittlerweile besitzen wir eine spezielle Canyoningausbildungen. Wir sind bei der Wasserrettung und haben unseren Tauchmeister gemacht. Benjamin: Wir sind beide ausgebildetete Wildwasserretter. Bernhard: Wir sind unzählige Male zum Training im Wildwasser geschwommen, Schwimmtraining an der Unteren Ötz im Hochsommer. Das sind super Übungen im Wildwasser.
 Bernhard am Saugraben der Brandy im Jahre 1995
Soulboater: Was waren eure haarigsten Situationen? Bernhard: Auf der Brandenberger Ache in der erste Saison sind wir in der Wiesklamm geschwommen. Das war kurz nach dem Rifflkatarakt. Wir hatten echt Schiß und sind kerzengerade aus der Schlucht bei Schneetreiben raus, haben uns in den Schnee gesetzt und zitternd auf unsere Eltern gewartet. Benjamin: In der dritten Saison bin ich im Mayergumpen geschwommen, hab mir den Ellenbogen stark gestoßen und musste sofort am Ellenbogen operiert werden. Am Lockenwickler des Rettenbach ist mir die Spritzdecke aufgegangen, habe mit dem vollen Boot öfters gerollt, bin die nächste Stufe runtergeschwommen und links durch die komplette Unterspülung durch und danach im ruhigen Tumpf mit blutender Nase wieder aufgetaucht. Soulboater: Du liebst es also schmerzhaft? Benjamin: Ja natürlich, ich sage nur "Schädelklamm" (oberster Laerdalselva, Norwegen). Soulboater: Da hast du die Anfahrt nicht richtig erwischt. Benjamin: Ja, in der Walze hat ´s mich umgedreht und bevor ich rollen konnte, bekam ich eine am Kopf verpasst. Bernhard: Er kam richtig schreiend am Kehrwasser an, wo ich gerade gefilmt hatte, war total fassungslos und verwirrt. Ich packte ihn an der Schwimmweste und zog ihn raus.
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Soulboater: Wer macht sich mehr Sorgen über den Anderen? Benjamin: Ich mach mir mehr Sorgen über ihn als über mich selbst, weil er ´n bissl draufgängerisch ist. Ich hab schon so viel mit meinem Zwillingsbruder erlebt und weiß, zu was er fähig ist. Bernhard (Arme verschränkt, am Grummeln): Ich mach mir mehr Sorgen über ihn, was sonst. Das ist eine leichte Frage. Ich fahre ja ständig vor, gebe ihm die Route vor und Benjamin kommt mir nicht immer ganz hinterher. |
Ich bin froh, dass ich die Stelle heil runtergekommen bin und muss dann noch zusehen, wie mein Bruder hinterherkommt. Mehr Gedanken macht sich ein Paddler, der vorfährt und zusehen muss, wie und ob die anderen die Stelle gut hinterherkommen.
Soulboater: Mittlerweile fahrt ihr schon ziemlich hartes Wildwasser. Was waren so eure Highlights? Benjamin: Mittlere Ötz bei 290cm Tumpen. Soulboater: Das ist doch mittlerweile Standard bei euch? Benjamin: Die Wellerbrücke bei 220cm Tumpen. Soulboater: Warst du da mit deinem Bruder unterwegs? Benjamin (zögert): Nein, da war ich alleine unterwegs. Alleine bist du viel besser konzentriert als wenn man in der Gruppe paddelt. Soulboater: Was hält da dein Bruder davon? Bernhard (sichtlich gereizt): Grundsätzlich ist das dumm, aber manchmal gehts eben nicht anders. Soulboater: Was waren deine Highlights, Bernhard? Bernhard: Die Kühtrain Schlucht bei gut Wasser. Soulboater: Du hast auch schon einige Befahrungen im Zillertal gemacht. Erzähl mal davon. Bernhard: Den Gerlosbach bin ich zum Beispiel komplett durchgegurkt. Soulboater: Du meinst auch den Durchbruch? Bernhard: Ja, komplett bis Zell am Ziller. Jedoch zwei Wochen später zusammen mit Nils Kagel, um das ganze auf Video zu dokumentieren und weil ich einmal einem richtigen Hamburger das Zillertal zeigen wollte (grinst).
 Bernhard beim Canyaking
Soulboater: Was bietet das Zillertal sonst noch? Bernhard: Es gibt ziemlich viele Park & Huck Bäche, z.B. die Tuxbachklamm, die lange Zeit als unfahrbar galt, aber ein "lohnendes" Teilstück hat. Soulboater: Wie ist der Charakter dieser Bäche? Bernhard: Eigentlich ziemlich eng, steinig, sehr viele Bäume und ziemlich fiese Umtragestellen. Es gibt noch einige Bäche, die ich aber noch nicht näher erläutern werde, da ich noch eine lange To-do-Liste habe.
 
Soulboater: Was sagen eure Freundinnen zu dem, was ihr so treibt? Simone (näht sich gerade einen Paddelhandschuh): Doofheit, bei 220cm die Wellerbrücke zu fahren. Bevor wir zusammenkamen hat er mir versprechen müssen, dass er sowas nicht mehr macht, genauso wie das Versprechen nicht mehr Solo die Mittlere bei Hochwasser zu fahren. Bernhard: Meine Freundin hat mich so kennengelernt..... Simone: Sie weiß von nix! Bernhard: Sie ist natürlich überglücklich, dass ich solche Unternehmungen wage - Blödsinn, sie hat natürlich große Angst um mich. Das weiß ich zu schätzen. Es ist eben um meine Selbstzufriedenheit zu stillen und ich bin immer froh, wenn ich am Wochenende heim komme und sie in den Arm nehmen kann. Soulboater: Selbstbestätigung ist für dich also sehr wichtig? Bernhard: Jedes mal wenn ich paddele, muss ich mein Inneres zufriedenstellen. Wenn das nicht so ist und ich nicht paddeln kann, bin ich die ganze Woche fies drauf, obwohl ich eine Woche Soca mit meiner Freundin auch liebe. Soulboater: Socaschlucht also ? (Gelächter) Bernhard (grinst): Nein, Friedhofstrecke im Topo-Duo.
 
Benjamin begutachtet derweil argwöhnisch Simones neu erstellten Handschuh.
Soulboater: Kommen wir zu einem umverfänglichen Thema: Eure Lieblingsgerichte? Benjamin: Das was es dauernd gibt: Hendl und Spatzln und Spatzln und Spatzln. Bernhard: Nudelgerichte im Urlaub, ansonsten die abwechslungsreiche Küche von meiner Freundin. Soulboater: Nudeln? Bernhard: Gemüse mit Fleisch, Reis, Hendl. Als Nachtisch einen heißen Kuß.
Soulboater: Was macht ihr, wenn ihr nicht paddelt? Bernhard: Ich verbringe sehr viel Zeit im Skigebiet. Ich bin angestellt bei der Zillertalarena, im Sommer als Betriebsmaler und im Winter als Pistenmään. Benjamin: Kuscheln und Hendl essen. Soulboater: Davon kann man seinen Lebensunterhalt bestreiten? Simone: Kommt auf die Frau an. Benjamin: Sonst bin i a Firmenjugo. Soulboater: Wat is datt denn zur Hölle? Benjamin: Des isch a ... (lacht). Ähm, habe Zimmerer gelernt und bin zur Zeit Maschinenbautechniker. Nebenberuflich bin ich als Hundeführer unterwegs. Soviel zum Thema Firmenjugo.
 Benjamin auf seinem Lieblingsbach, der Mittleren Ötz
Soulboater: Habt ihr sonst noch Hobbys? Bernhard: Canyoning, Snowboard und Ski fahren. Benjamin (grinst): Schnackseln was das Zeug hält! Simone geht ihm an den Kragen.
Soulboater: Habt ihr schon Sponsoren? Bernhard: Ja, von Blueandwhite bekomme ich Paddel von Rough-Stuff und komplette Ausrüstung. Von B-Productions Helme und bei Dagger bin ich im Team-D International. Soulboater: Was fährst du für Boote? Bernhard: Einen GTX und Nomad. Soulboater: Fährst du auch Rodeo? Bernhard: Ich bevorzuge Riverplaying, Park & Play mag ich nicht. Benjamin (grinst): Ja, ich habe gerade einen Soulboater Sticker bekommen, hab aber bisher keine Sponsoren. Soulboater: Was fährst du für Material? Benjamin: Einen Necky Blunt und paddeln tu ich mit einem Robson Stud.
 Bernhard an der Schrägen Platte der Mittleren Ötz
Soulboater: Wieviel Material habt ihr schon zerstört? Bernhard: Drei Boote und etliche Paddel. Benjamin (denkt lange nach): Das Material ist beständiger als ich. Einmal mit dem Zahn ein Loch in den Paddelschaft gestoßen. Jetzt fahr ich das fünfte Boot.
Soulboater: Was sind eure Zukunftspläne beim Paddeln? Benjamin: Kanadier fahren möcht i mol, wenn i 70 Joar oid bin. Simone: Ich nicht! Benjamin: Meine Zukunft ist sicher die Wellerbrücke bei Hochwasser zu befahren. Ob´s mal soweit kommt, ist eine andere Frage. Da muss ich aber noch mit meiner Freundin wegen der Sicherung reden. Simone (grinst): Ja, ich nehm einen Fotoapparat mit. Benjamin: Sicher noch viel nach Norwegen und ich hoffe, dass ich mit meiner Freundin viel Paddelurlaub machen kann. Soulboater: Alles eher etwas relaxter als dein Bruder? Benjamin: Ja, kann man auch überleben. Bernhard: Zur Zeit bin ich dabei einige Erstbefahrungen in Österreich zu meistern. Soulboater: Näheres dazu? Bernhard (grinst): Hm, nö, aber es wird eine ziemlich wuchtige Angelegenheit. Soulboater: Willst du dich in den nächsten Jahren noch steigern oder bist du schon am Limit angelangt? Bernhard: Zur Zeit bin ich noch dabei eine Menge herzugeben und am Limit bin ich noch nicht angelangt. Ich versuche einige für mich wichtige Befahrungen zu meistern und hoffe dabei, dass ich stets die richtige Entscheidung treffe. Jedoch ist für mich das Wichtigste, dass ich lange Zeit mit meinen Freunden paddeln kann.
 Zwischenbrückenstrecke der Mittleren
Soulboater: Deutsche und österreichische Paddler? Bernhard: Dachte nie, dass man mit den Deutschen solche waghalsigen Unternehmungen machen kann... Ich habe unter den Deutschen großartige Kajakfahrer kennengelernt. Benjamin: Wusste nicht, dass ein Deutscher ein Kajak kennt. Soulboater: Ähem.....! Benjamin: Es ist schön, dass man mit Deutschen oftmals besser Paddeln kann als mit den Österreichern. Soulboater: Der Puckl Franz, ist das kein Ösi? Benjamin: Der lebt auf der neutralen Grenze.
Soulboater: Bernhard, mit welchen Paddlern bist du so unterwegs? Bernhard: Die ganzen Leute vom Kanuclub Kramsach, meinem Bruder, jedoch bin ich auch oft mit dem Puckl Franz zusammen unterwegs, dazu kommen jedoch noch jede Menge Paddler aus Deutschland dazu.
 Nosebreaker in Norwegen, Bernhard in seinem Element
Soulboater: Du hast in diesem Jahr ein Video gedreht, dass bereits auf einige Veranstaltungen zu sehen war. Willst du dich in Zukunft verstärkt mit dem Filmen beschäftigen? Bernhard: Ich kaufte mir vor zwei Jahren eine Kamera, um mich selber stundenlang in Walzen zu filmen (Videoanalyse), aber irgendwie war mir das alles zu langweilig und so begann ich, auch auf meinen Touren die Kamera mitzunehmen. Ich habe bereits zwei Filme gemacht, einen Film für meinen Kajak-Klub und einen kleinen Streifen von unserem ersten Norwegen-Urlaub. Ich entdeckte das Schneiden von Videos als eine neue Herausforderung für mich und so plante ich den Film "Desolate ways". Im nächsten Jahr werde ich natürlich auch was machen, so was mit viel Wasser, na ja, ihr wisst schon.
Soulboater: Jungs, wir bedanken uns recht herzlich für das ausführliche Interview und wünschen euch weiterhin viel Erfolg bei euren zukünftigen Paddelprojekten. Bernhard & Benjamin: Danke für das Gespräch. Hat uns sehr gefreut, dass ihr uns im Zillertal besucht habt und würden uns sehr freuen......ach egal, man sieht sich auf dem Bach.
Interview geführt von Nils & Darko
Wir danken Simone Junker für die freundliche Unterstützung bei der Übersetzung vom doch recht schwierig verständlichen Zillertalerischen ins Deutsche. |