| Gabun – Kajakabenteuer in Zentral Afrika
- “Muss das denn sein?” fragte meine Mama, nachdem ich ihr von der Expedition nach Gabun erzählte. “Und, wo ist das überhaupt?” war die nächste Frage. Diese Frage bekam ich noch oft zu hören, gefolgt von der Anmerkung, das sei doch sehr gefährlich!

Gabun grenzt an Kamerun, Äquatorialguinea und die Republik Kongo, sowie an den Golf von Guinea. Der Äquator verläuft quer durch das Land. Gabun ist einer der rohstoffreichsten Staaten Afrikas, mit erheblichen Erdölreserven vor der Küste. Dementsprechend zählen zu seinen Hauptexportgütern Rohöl und Erdölprodukte. Im Landesinneren werden Mangan, Uran und Gold gefördert.
Weiterhin gehört Gabun zu den größten Tropenholz-Exportländern Afrikas – ca. 80 % der Landesfläche sind von tropischem Regenwald bedeckt. Für den Export werden Kaffee, Kakao, Gummi, Palmöl und Zucker angebaut. Kurz gesagt, Gabun zählt zu den reichsten Ländern Zentral Afrikas, ist ein sicheres Reiseland mit wenig Kriminalität im Verhältnis zu seinen Nachbarländern. Diese Informationen haben meine Mama allerdings nicht wirklich beruhigt.
Zu der Expedition wurde ich von Deb Pinniger

und Nico Chassing eingeladen.

Ich war sofort begeistert von der Idee. Afrika ist meine heimlich Liebe. Ein wunderbares und traumhaftes Land. Auge in Auge mit Elefanten, Hippos, Giraffen, Nashörner und, und, und…

Unser Ziel war den Invindo und den Ogooue zu erkunden. Von Makokou bis Booue sind es 180 Km. Von dort sind es weitere 150 km bis Ndjole und nochmals 250 bis zum Mündungsdelta in den Atlantik. Der Ivindo Fluss erstreckt sich vom Nordosten Gabuns bis in den Südwesten. Dabei führt sein Lauf durch eine der wildesten und schönsten Regenwaldregionen Afrikas. Außerdem befinden sich hier einige der größten Wasserfälle Zentral Afrikas mit einer Höhe von 30-50m. Der Fluss durchquert den neu gegründeten “Ivindo National Park”, ein Gebiet reich an exotischer Flora und Fauna, Vögeln und Säugetieren. Der Invido mündet dann in den 1200 km langen Ogooue River.
In der Hauptstadt Libreville, Ausgangspunkt der Expedition, haben wir die letzten Besorgungen getätigt. Macheten, Topographische Karten, Malaria Medikamente und andere Kleinigkeiten standen auf dem Einkaufszettel. Vorort wurden wir von der Wildlife Conservancy unterstützt. Neben logistischer Hilfe waren wir vor allem dankbar über den Transfer von 450Km zum Einstieg nach Makoukou.
(Tipp: Oft ist es leichter, topographische Karten im jeweiligen Land zu bekommen, als sie umständlich daheim zu besorgen.)
Nach 12 Stunden Autofahrt sind wir abends in Makoukou eingetroffen. Unser Plan war am nächsten Morgen um 6 Uhr einzubooten. Für eine sorglose Nachtruhe fehlte uns noch das Benzin für den Kocher. Keine leichte Aufgabe, wie sich herausstellte. Die Einheimischen kaufen immer die Tankstellen leer und bieten dann das Benzin auf dem Schwarzmarkt an, und der war ausverkauft. Petroleum war das einzigste, was wir bekommen konnten. Nach einigen Tests mochte unser Multibrenner auch Petroleum und wir konnten beruhigt einschlafen.
Die Nacht war unruhig. Die beunruhigende Aussagen der Einheimischen, der Fluss werde zu wenig Wasser führen und wir würden teilweise mit unseren Kajaks treideln müssen, ließ mich nicht los. Dies würde bedeuten, daß wir evtl. viel länger benötigen würden, als geplant. Wir haben aber nur für 14 Tage Essen dabei. Eine amerikanische Raftexpedition hat einst für die ersten 180 Km 14 Tage benötigt, also einen Tagesdurchschnitt von 12,9 km. Nicht sehr viel, was wird sie wohl aufgehalten haben?
Am nächsten Morgen sind wir voller Erwartungen eingebootet. Meine Gedanken waren bei den Hippos und Krokodilen. Nervös schaute ich die Ufer ab und beobachtete das Wasser. Sind vielleicht doch ein paar Augen zu sehen? So ganz konnte ich den Einheimischen nicht glauben. “Keine Hippos und Krokos bis Nodjole und von dort evtl. nur ein oder zwei...” Ehrlich gesagt eine Aussage, der ich kein Vertrauen schenken konnte. Nur all zu gut erinnerte ich mich an die Befahrung des Shire 1996 in Malawi. Bei der Erinnerung an die Krokodile, die uns verfolgt hatten und den Herden von Hippos im Wasser, stellten sich meine Nackenhaare auf. Zum Glück wurden meine Sorgen nicht bestätigt, wir haben während der ganzen Befahrung keine einzigen Hippos oder Kroks gesehen!
1. Tag Mittwoch 5. September 2007.
Wir sind 50 Km Flachwasser mit einigen kleinen Stromschnellen gepaddelt und haben nach 10 Stunden unser Tagesziel erreicht: die Kongoue Wasserfälle. 47m hoch und 1 Km breit. Dort sind auch zugleich die letzten Anzeichen von Zivilisation zu sehen. Eine Lodge für Touristen, allerdings zur Zeit außer Betrieb, und so waren wir ganz für uns allein.

Für die Übernachtung wählten wir die Aussichtsplattform der Lodge. Mit Blick auf die Wasserfälle bereiteten wir das Lager vor und verschwanden bereits um 19 Uhr unter den Moskitonetzen.

2. Tag Donnerstag 6. September 2007
Den Vormittag nutzten wir um die Wasserfälle zu erkunden. Über zwei bzw. drei Stufen bauen die Kongoue Wasserfälle ihr Gefälle ab. Wir konnten für uns keine fahrbare Linie entdecken und sind nach 6 Stunden unterhalb der Wasserfälle wieder eingebootet.

Das Umtragen stellte sich als recht mühsam heraus, und so langsam wurde mir klar, warum die Raftexpedition so lange benötigt hatte.

Das Hauptproblem ist die Orientierung. Der Fluss sucht sich seinen Weg durch einen Irrgarten von Inseln und Kanälen. Einmal falsch abgebogen und gleich muss die doppelte Strecke bewältigt werden.

Nach 15 km paddeln konnten wir kurz vor der Dunkelheit Camp 2 errichten. Eine felsige Insel mit unebenem Untergrund, aber immerhin besser, als eine Nacht im dichten Dschungel. Ein unbequeme Nacht offenbarte sich.
3. Tag Freitag 7. September 2007
Um 5 Uhr sind wir aufgebrochen. Die Mingouli Wasserfälle waren unser Ziel. Der Fluss fächert noch mehr auf als zuvor, man kann schnell das Gefühl bekommen, im Kreis zu paddeln. Das GPS verhinderte dies zum Glück, trotzdem haben wir uns manchmal verirrt.

Die Mingouli Wasserfälle beginnen mit einem mächtigen WW V Katarakt. Auf einer Strecke von 300m presst sich das Wasser durch ein Grundgesteins Flussbett. Presswasser, Walzen und mächtige Whirlpools versperren den Weg. Die Line wäre einfach, weitestgehend in der Flussmitte verweilen. Wir entscheiden uns zu umtragen.

Ein dummer Fehler, eine Kenterung, kann das Aus bedeuten. Selbst wenn man den Schwimmer überleben würde, der einzig mögliche Weg aus dem Urwald ist der Fluss, ohne Kajak wäre dies nicht zu schaffen. Denn 250 km querfeldein durch den Busch zu stapfen, ist keine verlockende Alternative.

Beim Scouten der Stromschnelle tritt Nico beinahe auf eine Kobra. Grade noch kann er auf einen nahliegenden größeren Stein springen. Die Kobra selbst, ebenfalls erschrocken, verschwindet unter einem Stein. Aber es dauert nicht lange, da schießt sie unter dem Stein hervor um anzugreifen. Nico steht zum Glück unerreichbar auf dem großen Stein. Von dem Zeitpunkt aus an nehmen wir nun immer unsere Paddel mit zum Besichtigen, um wenigstens eine Verteidigungsmöglichkeit zu haben.

Letztendlich benötigen wir 6 Stunden zum Umtragen der Wasserfälle. Nach der Hälfte verpaddeln wir uns in einem Seitenkanal. Das Wasser verschwindet unter Bäumen und Büschen. Wir müssen zurück zum Hauptstrom. Bei einer Passage müssen wir die Kajaks umseilen. Die Fälle selber erscheinen uns wieder zu gewaltig. Theoretische ist eine fahrbare Linie zu erkennen, uns fehlt jedoch der nötige Optimismus und Mut um uns der Herausforderung zu stellen. Während wir umtragen können wir schon unseren dritten Übernachtungsplatz sichten. Eine Sandinsel mitten im Fluss, kurz unterhalb der Wasserfälle.

4. Tag Samstag der 8. September

Es ist noch dunkel, als wir von Geräuschen im Urwald geweckt werden. Wahrscheinlich ein paar Elefanten. Wir entschließen uns aufzustehen. Das Tagesziel sind die Kuete-Mango Wasserfälle.

Nach einigen WW 4 Stromschnellen sahen wir nur noch ein Inferno aus weisser Gischt. Links und rechts tiefster Urwald. Und nun? Ok, wir müssen zurück. Den Hauptstrom finden. Es ist also genau das eingetreten, wovor wir uns gefürchtet hatten: einen Schritt in den Urwald zu tätigen und gesellige Freunde wie die Gabunviper, den schwarzen Skorpion und den Schimpansen Hallo zu sagen. Als wir in den Busch eintauchen können wir auf den Elefantenpfaden unseren Rückweg suchen. Welch freudige Überraschung! Die Elefanten wandern auf immer gleichen Pfaden am Fluss entlang und so waren diese Wege gut begehbar für uns. Einen mühsamen Kilometer mussten wir uns zurückarbeiten. Auf dem Wasser fühlten wir uns sicher, auf den Elefantenpfaden waren wir nervös. Zudem hatten wir zuvor eine Kuh mit ihrem Jungen passiert. Falls uns Elefanten auf den Wegen überraschen sollten, wollten wir alles liegen lassen und in den Fluss springen, so zumindestens unsere Theorie.

Am Hauptkanal angelangt konnten wir bis kurz zur Abrisskante der Kuete-Mango Wasserfälle paddeln. Durch Zufall entdeckte ich einen weiteren Elefantenpfad, der uns eine mühselig flussrechts Umtrage ersparte. Dies wäre sonst eine gefährliche und langwierige Angelegenheit geworden.

Nach weiteren 15 Km WW III lockte uns erneut eine paradiesische Sandinsel auf ihr unser viertes Nachtlager zu errichten. Unser erstes Lagerfeuer verzauberte uns und schnell waren wir im Lummerland.

5. Tag Sonntag der 09. September
Früher Morgennebel lauert um unser Camp. Spannung liegt in der Luft. Der letzte Wasserfall mit dem Namen Tsengue Leledi liegt irgendwo vor uns. Werden wir wieder Probleme haben uns in den zahlreichen Inseln und Kanälen zu orientieren? Vielleicht ist der Wasserfall ja fahrbar?! Nachdem das Lager abgebaut ist, tauchen wir in den Nebel ein.

Wasserbüffel beäugen uns skeptisch und wir treiben entspannt dahin. Der Ivindo kommt in Bewegung. WW IV Stromschnellen fordern unsere Aufmerksamkeit und kündigen zugleich die Tsengue Leledi Wasserfälle an. Wir sind erleichtert, kein Irrgarten an Inseln testet uns. Direkt an der Kante können wir ausbooten. Wir liegen gut in der Zeit und nutzen die wunderbare Aussicht auf die Wasserfälle.

Leider können wir für uns keine fahrbare Linie erkennen und entscheiden uns, über das Felsband zu umtragen. Unverhofft taucht eine Wasserkobra auf und versperrt uns den Weg. Ein Biss wäre tödlich, wir haben kein Antiserum im Gepäck. Beeindruckt von der Schnelligkeit und Eleganz der Schlange kehren wir um und wechseln die Seite des kleinen Kanals.

Im Tumpf treffen wir Jäger. Wir kommen ins Gespräch, der Mann ist vom Militär und macht hier mit seinen Kindern Urlaub. Wir fragen, ob wir sie filmen und fotografieren dürfen. Sie wollen jedoch bezahlt werden. Wir bieten ihnen gefrier-getrocknete Nahrung an, da wir nur 20€ Scheine bei uns haben. Sie freuen sich. Zum Schutz gegen die Gorillas tragen sie ein Gewehr.
Nach kurzem Plausch brechen wir auf, wir könnten es heute noch bis Booue schaffen. Aber dann können wir einer erneut verlockenden Sandbank nicht widerstehen und entschließen uns zu einem weiterem Camp im Dschungel. Unsere letzte Nacht bricht herein.
6. Tag Montag der 10. September

Wir schlafen aus und paddeln gemütlich die letzen Kilometer nach Booue. Nico muss nach Hause und Deb und ich haben uns ebenfalls entschlossen, nicht weiter nach Njodle oder bis ins Meer zu paddeln. Uns würde nicht viel Zeit bleiben, zudem wartet in Deutschland die Organisation der adidas sickline WM.

Resumé:
Das Gabun Abenteuer war eine besondere Zeit in einem wunderbaren Land! Die Schwierigkeiten im Wildwasser hielten sich in Grenzen, ganz anders die vier Wasserfälle. Wir konnten keinen bezwingen. Zu hoch erschien uns das Risiko und zu ausgemergelt waren unsere Körper. Selbst bei top Bedingungen wären die Wasserfälle für mich unfahrbar gewesen. Jeder, der einmal ein perfektes Dschungel Abenteuer erleben möchte, darf sich gerne bei mir melden! Die gesammelten GPS Daten sind Gold wert.

Olaf Obsommer, Nico Chassing und Deb Pinniger möchten sich bei folgenden Sponsoren für die freundliche Unterstützung dieses Projekts bedanken:
adidas
langer
wave sport
ty warp
care plus
globetrotter
alpkit
pacelog
Lee White und alle Mitarbeiter der WCS Office in Gabon für ihre Hilfe. Dr. Alex Milhailovic und Dr. Wolfram Bock für den medizinischen Rat.
Text: Olaf Obsommer
Fotos: Deborah Pinniger und Nico Chassing |