| Drei Wochen Indien - Paddeln auf dem Dach der Welt!
-Der Grand Canyon Asiens

- Endlich! Endlich waren wir auf dem Wasser. Vergessen waren die Torturen der letzten Tage. Immer wieder Taxi fahren, Sachen packen, von einem Hotel zum nächsten. Und dann auch noch die neunstündige Busfahrt über die holprige Pass-Straße. Aber wir haben es geschafft.
Am 14. August saßen wir mittags in unserem Booten auf dem Tsarap Chu, dem recht Quellfluss des Zanskar.
Auf knapp 4200 m spürten wir die dünne Luft. Weniger beim ruhigen dahin gleiten auf dem Fluss als viel mehr beim Besichtigen oder Foto machen am Land. Nach wenigen Schritten blieb einem einfach die Luft weg.

Für den ersten Tag hatten wir uns nicht allzuviel vorgenommen. Ein bis zwei Stunden paddeln sollten reichen. Zu mal die ersten Kilometer recht mühsam sind, da sich der Tsarap Chu stark verzweigt und teilweise sehr flach wird.
Das Wetter wollte noch nicht so recht mitspielen, leichter Regen und bewölkter Himmel konnten der Landschaft jedoch nicht ihre Atemberaubende Schönheit und Einzigartigkeit nehmen.
Nach dem wir im Bus nur wenig gegessen haben, verspürten wir früh Hunger und entschlossen uns nach einem geeignetem Schlafplatz Ausschau zu halten. Kurz nach einer langgezogenen Linkskurve fanden wir dann eine schöne Wiese mit kleineren Bäumen. Perfekt um unser Tarp zu spannen.

Noch ein wenig unbeholfen probierten wir mehrere Varianten aus, das Tarp optimal auszurichten. Als es dann endlich abgespannt war, wurden Schlafsäcke und Kocher aus dem Booten gekramt und Wasser gekocht. Für unser leibliches Wohl verließen wir uns auf das Fertigessen von Travellunch.

Zufrieden und sehr müde schliefen Flo und ich ein. Als ich am nächsten Morgen mit den ersten Sonnenstrahlen aufwachte, stürmte Flo grade panisch aus dem Schlafsack und rannte davon. Verwundert richtete ich mich auf und lauschte. Bis mir klar war, was Flo so aufgeschreckte. Unsere letzte Mahlzeit in Leh muss Flo ziemlich auf den Magen geschlagen haben. Nichtsdestotrotz waren wir gut gelaunt und packten unsere Boote.
In den kommenden Tagen gewannen wir in dieser Hinsicht immer mehr Routine. Wir waren gespannt war der Fluss uns heute bieten würde. Unserer Informationen nach sollte die erste Portage auf dem heutigem Abschnitt liegen. Müssen wir wirklich umtragen oder lässt sich die Stelle vielleicht doch fahren?

Zunächst ging es in eine enge Klamm, wo sich der hundert Meter breite Fluss auf wenige zusammen staucht. Die Schwierigkeiten erreichten jedoch maximal den dritten Grad. Jedoch mussten wir schon hier feststellen, dass es etwas ganz anderes ist, mit knapp 10 Kg Gepäck im Boot zu paddeln. Einfache und schnelle Richtungsänderungen sind kaum möglich, weil man die ganze Zeit mit Konterschlägen darum bemüht ist das Heck grade zuhalten.
Also immer schön vorausschauend fahren. Mit einem schummrigen Gefühl fuhren wir in den nächsten Boxcanyon ein. Wir konnten ihn nicht voll überblicken und scouten war ebenso wenig möglich.
Wir wussten, dass wir mit leichtem Hochwasser unterwegs waren und das heute die erste Portage kommen sollte. Doch ohne wirkliche Schwierigkeiten fuhren wir wieder aus der Klamm heraus.

Erst nach weiteren fünf Kilometern versperrten uns große Felsblöcke die Sicht. An linken Ufer konnten wir gut aussteigen und die Stelle einsehen. Unfahrbar ist die Stelle nicht, es gibt sogar eine „Actionline B“, aber mit vollen Booten und der dünnen Luft wollten wir kein Risiko eingehen und umtrugen.
Wenige Kilometer nach der ersten Portage soll eine Engstelle mit starken Unterspülungen aufwarten. Entsprechend vorsichtig fuhren wir so bald sich der Fluss verengte. Als wir die Stelle entdecken, stiegen wir zum Erkunden aus und fragten uns ob wir an der richtigen Stelle seien. Entweder hat das Hochwasser alle Schwierigkeiten geschluckt oder unser Informant lag völlig daneben.
Der Fluss verengt sich auf knapp einen Meter Breite. Der dortige Felsen mag auch unterspült sein, aber wirklich schwer konnte man die Stelle nicht nennen. Die nächsten 30 Kilometer waren eher schnell fließend im WW I-II Bereich, aber umrahmt von zahlreichen 5000ern.

Am Zufluss des Lumen schlugen wir an einer wunderbaren Kiesbank, mit genügend Treibholz für ein kleines Lagerfeuer unser Camp auf.

Tag 3
Der heutige Tag sollte der längster der Tour werden. Aber auch der technisch anspruchsvollste. Schon eine Kurve nach dem Start an der Lumen-Mündung, beginnt ein schöner WW III-IV Abschnitt, der uns ausgeruht richtig viel Spaß machte.

Am späten Vormittag erblickten wir am rechten Ufer das Phuktal Compa. Das wohl spektakulärste Kloster in Ladakh. Das Kolster schaut wie aus dem Fels gewachsen aus. Natürlich konnten wir es uns nicht nehmen lassen und machten uns an den Aufstieg um das Kloster aus der Nähe zu betrachten.

Nach einer ausgiebigen Erkundung, die schätzungsweise ein bis zwei Stunden gedauert hat, machten wir uns wieder auf den Weg. Der Fluss belohnte uns mit einem knackigem WW IV- Abschnitt. Angetrieben von diesem Genuss legten wir auch die darauf folgenden zwanzig Kilometer leichtes Wildwasser zurück.
Der Tag war nun schon lang und wir entschlossen uns, nach einem Schlafplatz Ausschau zu halten.
Völlig unverhofft sahen wir auf einmal Straßenbaumaschinen am linken Ufer. Sie kündigen die Reru-Falls an, die wohl schwerste Stelle auf dem Tsarap Chu.
Geplant hatten wir, diese erst am Folgetag zu erreichen. Denn laut unseren Informationen dauert das Umtragen mehrere Stunden. Und es war schon später Nachmittag.

Dran ändern konnten wir jedoch nichts. Also stiegen wir aus und kletterten fast eine Stunde am schwierigem Ufer (große, scharfkantige, z.t. lockere Felsbrocken) entlang um alle Möglichkeiten abzuwiegen.
Komplett umtragen? - Zu schwer und Zeit aufwändig. Fahren? - Nach langen Diskussionen zu gefährlich. Also blieb uns nur der Mittelweg.
Wir umtrugen die ersten hundert Meter, sehr mühsam am und durch den Fluss. Stiegen dann im Micro-Kehrwasser ein und fuhren nacheinander den unteren Teil der Reru-Falls. Prompt wurden wir auch von einem allseits bekanntem Sprichwort belehrt.

„Was von oben aussieht wie III ist meistens nicht leichter.“
Denn genauer angeschaut hatten wir uns nur den ersten Teil, der zweite sah von oben nicht so schwer aus. Eine klare Linie war zu sehen. Die ach so klare Linie war dann vom Boot aus jedoch schwer auszumachen, da man die drei Meter hohen Wellen und Walzen kaum überblicken konnte.

Mit viel Geschick und ein bisschen Glück ging dennoch alles gut und wir konnten uns freuen, zu mindestens einen Teil der Reru-Falls gefahren zu sein. Für die ganze Aktion ging viel Zeit drauf und noch hatten wir kein Schlafplatz erreicht. Aber dafür wurde das Wildwasser immer besser.
Gut 10 Kilometer sauberes und aller feinstes Wuchtwasser im viertem Schwierigkeitsgrad ließ unser Abenteuerherz höher schlagen. Mitten drin erblickten wir dann zum Glück doch noch eine gut aussehende Kiesbank. Um etwa 19 Uhr stiegen wir aus den Booten! Was für ein Tag! Gute neun Stunden waren wir heute unterwegs.

Im Dunkeln wurde noch das Essen zubereitet, bevor wir glücklich und zufrieden einschliefen.
Text: Thomashinkel.com /Fotos: florian Primetzhofer |