Mittlere Ötz
Die Mittlere Ötz ist der Prüfstein für jeden guten Wildwasserfahrer. Landschaftlich ist dieser Abschnitt zwar nicht gerade eine Offenbarung, jedoch in fahrtechnischer Hinsicht allemal. Schwere, klemmgefährliche Katarakte und hohe Wasserwucht vereinen sich zu außerordentlichen Schwierigkeiten. Hier muß jeder Paddelschlag und vor allen Dingen die Rolle sitzen. Ansonsten droht Paddel- und Bootsverlust oder Schlimmeres. Dieser Abschnitt erfordert etwas Zeit, denn die eine oder andere Stelle sollte gut abgesichert werden. Beginnen kann man die Fahrt bei einem Picknickplatz am Ortsende von Au. Zunächst bleiben die Schwierigkeiten mäßig, man bekommt jedoch schon die Wucht der Ötz zu spüren.
 Bernhard Mauracher bei Hochwasser an der Schrägen Platte
 Mittlere Ötz bei gut Wasser
Wenn rechts eine seltsame Skulptur am Ufer erscheint, hat man die erste Kernstelle, die sogenannte "Schräge Platte" erreicht. Wer sich diesen Katarakt nicht zutraut sollte bei der nächsten Gelegenheit sein Boot zur Straße tragen, denn hinter der nächsten Kurve beginnen die eigentlichen Schwierigkeiten. Unter der ersten Straßenbrücke befindet sich ein hohes Schrägwehr, daß mittig leidlich gut fahrbar ist. Danach beginnt die kurze "Zwischenbrückenstrecke" mit einigen kniffeligen Passagen. Hinter der nächsten Brücke wartet noch das Finale, die sogenannte "Hühnerleiter". Diese und andere Stellen können sehr klemmgefährlich sein.
 Der Eingang zur Zwischenbrückenstrecke - Benjamin Mauracher bei Hochwasser
 Mittlere Ötz bei gut Wasser
 Benjamin Mauracher auf der Zwischenbrückenstrecke
Auch Schwimmen ist hier nicht angesagt. Schließlich hat die Mittlere schon mehrere Tote gefordert, also Achtung! An der Brücke nach Köfels lassen die Schwierigkeiten nach, und an der Brücke von Umhausen endet dieser Abschnitt schließlich. Eine erste Befahrung der Mittleren sollte im Herbst bei Niedrigwasser stattfinden. Bei Mittelwasser wird´s schon verdammt wuchtig und bei Hochwasser sollte der klar denkende Paddler nur noch die Strecke ab der Straßenbrücke nach Köfels befahren.
Eine herbstliche Begegnung der feuchtfröhlichen Art Es ist ein sonniger Mittwoch Vormittag im Herbst. Ich stehe auf dem Parkplatz in Ötz und kämpfe mit meiner Trockenjacke. Endlich ist es geschafft und das Boot wird geschultert. Eine Wanderung zum Aufwärmen ist gar nicht mal so schlecht, denke ich mir. Außerdem kann man dabei ja auch den einen oder anderen Blick auf den Bach werfen. Auf der Hälfte angekommen wird ersteinmal ein Blick von der Wellerbrücke geworfen. Links oder rechts ist hier die Frage. Ich entscheide mich aufgrund des doch noch recht üppigen Wasserstandes für links. Ein wenig entgeistert werde ich von einem in grünes Loden gehüllten Menschen gefragt, ob ich gedenke hier Kajak zu fahren. Als ich bejahe, ruft er seiner Partnerin, die derweil mit dem Bändigen ihrer Dackel beschäftigt ist, zu: "Martha, komm schnell. Da will einer mit dem Boot den Wasserfall runterfahren!" Sogleich hat eine Meute von sensationshungrigen Videoamateueren ihre Kameras gezückt und harrt der Dinge, die da kommen mögen. Ein paar AKCler haben sich ebenfalls eingefunden und führen fachkundige Gespräche im Trockenen. Ich lasse mir Zeit und setze schließlich ein wenig höher ein. Arrrgh! Verdammt. Ich habe vergessen, bei dem geliehenen Topo die Prallplatte zu verstellen. Aber wat solls. Eng ist eh besser, von wegen Bootskontakt und so. Frohen Mutes gehe ich ans Werk. An der Stufe vor der Kernstelle kugelt es mich. Scheiße! Dies ist definitiv nicht der ideale Playspot für das nächste Ötz-Rodeo. Also lieber einige kräftige Paddelzüge gemacht und auf in Richtung Wellerbrücke. Vor lauter Gischt und Geschwindigkeitsrausch kriege ich gar nicht richtig mit, wie es mich durch den Schlitz preßt. Offenbar ist aber alles gut gegangen, denn ich treibe unversehrt im ruhigen Kehrwasser. Wunderschöner Tag, wenn da nicht noch der "unbedeutende" Rest der Tour du Mort wäre. Die wehrartige Stufe und der kleine Katarakt danach verursachen nicht allzu viel Herzklopfen (Hab ja auch den Chickenchannel genommen). Der Schlußkatarakt ist irgendwie wuchtiger als sonst. Ich komme zu der Erkenntnis, daß ich es hier mit mehr als 7cbm/sec. zu tun habe. Der Siphon will mich haben, aber ich entkomme zur rechten Seite und plumpse die letzte Stufe hinunter. Die Zeit der Entspannung ist gekommen. Doch hoppla! Was ist das? Am linker Ufer treibt seelenruhig eine volle Kiste mit Stieglbräu im Kehrwasser. Schnell wird ein Großteil der Flaschen ins Topo verladen. Mit extremem Tiefgang schlingere ich sodann gen Ötz. Auf dem Parkplatz drücke ich die Bierausbeute meinem Begleitpersonal in die Hand. Die verbleibenden Tage des Urlaubs liegt es deshalb in permanentem Koma und kann nur noch undeutiche Konversation mit mir führen. Herrlich, was man bei einer Ötz-Befahrung so alles erleben kann. Auf den Trubel, der mit dem AKC-Treffen einhergeht, habe ich trotzdem kein Bock mehr und fliehe zum Rißbach. Dort kann ich in aller Stille über den Bach sinnieren und versuchen meinen Neopren wieder auszubekommen.
Nils Kagel
Mittlere Ötz Einsatz: Picknickplatz unterhalb von Längenfeld Aussatz: Brücke nach Köfels Fahrstrecke: 2 km Schwierigkeiten: WW 5
Beschreibung: Nils Kagel Photos: Nils Kagel, Bernhard & Benjamin Mauracher |