Von Haarnadelkurven und Siphonen - Die Achstürze en detail

Autor: Nils Kagel
15.07.2017
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Von Haarnadelkurven und Siphonen
Die Achstürze en detail


1984 schrieb einer der Erstbefahrer der Achstürze im AKC-Tip: „Vielleicht wird auch diese Strecke der Ötz irgendwann einmal jedes Wochenende heruntergeeiert.“ Wer hätte damals ahnen können, dass sich diese Worte eines Tages bewahrheiten würden. Zwar gehören die Achstürze längst noch nicht zum Standardrepertoire der Neoprenritterschaft, es lässt sich jedoch feststellen, dass die Anzahl der herbstlichen Befahrungen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat.. Zu dieser Entwicklung dürften vor allem die verbesserte Ausrüstung und die fortgeschrittene Fahrtechnik beigetragen haben. Darüber hinaus sind die Geschiebeverhältnisse auf den Achstürzen derzeit so günstig wie selten zuvor. Musste man früher bisweilen mehrere Stellen umtragen, so ist heute eine durchgehende Befahrung „problemlos“ möglich, vorausgesetzt man trifft den richtigen Wasserstand an. Momentan liegt der Idealpegel bei etwa 1,60 bis 1,70 m in Tumpen.

Für diejenigen, die dem demnächst ihr Glück versuchen wollen und denen bislang der Mut fehlte, sei die folgende Beschreibung ans Herz gelegt. Für alle anderen dürfte sie immerhin genügend Diskussionsstoff liefern. Zunächst ein paar grundsätzliche Dinge: Die Achstürze sind der steilste Abschnitt der Ötztaler Ache. Auf 830 Metern überwindet sie hier eine Höhendifferenz von 80 Metern. Dies bedeutet ein Durchschnittsgefälle von gut 90 Promille, im Kernstück beträgt es sogar über 150 Promille! Zur Hochschmelze im Sommer ist deshalb an eine Befahrung erst gar nicht zu denken. Hinzu kommen die extrem verwinkelten und teilweise sehr engen Durchfahrten, die höchste technische Anforderungen an den Fahrer stellen. Die größte Gefahr liegt zweifellos in den lose aufeinandergetürmten Felsbrocken. Fast jeder Katarakt und jede Stufe weist lebensgefährliche Siphone und Unterspülungen auf. Glücklicherweise lassen sich alle Stellen relativ gut besichtigen, absichern und gegebenenfalls umtragen. Dennoch ist die Strecke nichts für einen Sonntagsnachmittagsausflug, auch wenn durch die Berichterstattung in letzter Zeit ein entsprechender Eindruck entstanden sein sollte. Aber genug der warnenden Worte, schreiten wir zur Tat! Der Einfachheit halber habe ich die einzelnen Stellen durchnummeriert, wobei ich mir durchaus bewusst bin, dass meine Einteilung teilweise recht willkürlich erfolgt ist. 

1. Eingangskatarakt
  
Nach dem Einbooten an der Brücke in Tumpen und den ersten Metern trügerischer Ruhe steigern sich die Schwierigkeiten zunächst nur langsam. Ein längerer, durchaus noch übersichtlicher Katarakt, gefolgt von einer kleinen verwinkelten Stufe leitet die Befahrung ein. Im Anschluss an dieses „Aufwärmprogramm“ beginnt der Ernst des Lebens.

2. Siphon

Gleich hinter der nächsten Ecke wartet schon die erste Gemeinheit. Das Wasser schiebt sich in einem engen Kanal an einem überhängenden Felsblock vorbei und fällt danach in einen Schlitz, der zum größten Teil in einen Siphon entwässert. Um heil vorbeizukommen, muss man das Kehrwasser unmittelbar hinter dem Felsblock erwischen, was technisch zwar nicht allzu schwer ist, aber ordentlich an der Psyche nagt.

3. Erste Dreierkombination

Dieser Katarakt ist die erste große Schwierigkeit. Nach einer verzwickten Anfahrt, die man am besten mit mehreren Hilfsschlingen bewältigt, muss eine rückläufige Stufe unter einem Felsdach sauber gebooft werden, um die beiden anderen, gleich darauf folgenden Stufen kontrolliert anfahren zu können.

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4. S-Katarakt

Diese Stelle wird von einer Stufe eingeleitet, die am besten rechts von der Mitte befahren wird. Sofort danach prallt das Wasser frontal gegen einen großen Felsblock in Flussmitte, der es über eine weitere Stufe nach rechts schiebt. Die Unterspülung am rechten Ufer ist bei normalen Wasserständen relativ harmlos. Nach kurzem Halt im dahinter liegenden Kehrwasser geht ´s dann noch über eine Stufe mit verblocktem Unterwasser, die jedoch keine größeren Probleme bereitet. Bei entsprechendem Wasserstand lässt sich die gesamte Passage evt. auch über links fahren.

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5. Steiniger Weg

Direkt nach dem S-Katarakt verlässt man das Hauptwasser nach links in einen Seitenarm. Der sich dort befindliche Katarakt ist zwar kurz, kann jedoch bei wenig Wasser ziemlich steinig werden. Anschließend kehrt man über eine schmale Durchfahrt wieder ins Hauptwasser zurück und nimmt noch zwei schöne Zweimeterstufen mit. Als Alternative bietet sich der Viermeterfall auf der rechten Seite an, der jedoch aufgrund einer gefährlichen Hinterspülung nur bei wirklich wenig Wasser befahren werden sollte. Mehrere gute Fahrer haben hier bereits einschlägige Erfahrungen gemacht.

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6. Hoher Fall

In dieser Angelegenheit gibt es nur eine sinnvolle Route. Der fotogene Fall weist zwar auf der linken Seite ebenfalls eine wenig einladende Höhle auf, lässt sich jedoch trotz der engen Einfahrt mit einem gezielten Paddelschlag kontrolliert hinunterhüpfen.

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7. Platte

In diesem Katarakt sollte eine unübersehbare Platte in Flussmitte unbedingt nach links angeschnitten werden, um die Einfahrt zum Seitenarm in der Innenkurve zu erwischen. Folgt man unabsichtlich dem Hauptwasser auf der rechten Seite, wird es äußerst ungemütlich. Der richtige Weg erfordert zwar ein wenig Technik, ist aber wesentlich undramatischer.

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8. Zweite Dreierkombination

Die zweite Dreierkombination stellt einen weiteren Höhepunkt der Achstürze dar. Mit ordentlich Gefälle geht ´s zunächst eine Dreimeterstufe, dann eine Eineinhalbmeterstufe und eine Zweimeterstufe hinunter. Zum krönenden Abschluss presst sich das gesamte Wasser eine schlitzartige Stufe mit unsauberem Unterwasser hinab. Die erste Stufe muss präzise angefahren werden, sonst gibt ´s ordentlich Aua. Die schlitzartige Stufe am Ende sieht gerade bei wenig Wasser nicht gerade anheimelnd aus, ist aber im Prinzip gut zu paddeln, vorausgesetzt man kentert nicht.

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9. Bobbahn

Hinter der Dreierkombination nehmen die Schwierigkeiten spürbar ab. Der folgende Genusskatarakt mit schönen Prallpolstern und einer netten Abschlussstufe erfordert dennoch ein wenig Konzentration, zumal auf halber Strecke ein unterspülter Felsen am linken Ufer lauert.

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10. Schlitz

Die finale Blockstrecke wartet noch mit einer kleinen Überraschung in Form eines engen Schlitzes auf. Wer hier das Paddel quer hält, fährt entweder ohne Rührlöffel weiter oder hat am nächsten Tag einen Termin beim Zahnarzt. Ansonsten ist die Angelegenheit fahrtechnisch unproblematisch, zumal die Schwierigkeiten anschließend endgültig auf Loisachniveau fallen. Leute, die es nicht erwarten können, zu ihrem heißen Capuccino ins Café Heiner zu kommen, steigen an der überdachten Holzbrücke von Habichen aus. Alle anderen paddeln hinterher gleich noch die „gute alte Wellerbrücke“, die im Vergleich zum Vorhergehenden geradezu entspannend wirkt.                                    

Text: Nils Kagel
Fotos: Simone Junker, Benjamin Mauracher, Stefan Maier, Armin Auer, Robert Machacek  
Paddler: Benjamin Mauracher, Robert Machacek, Armin Auer, Bernhard Mauracher                   

Dieser Bericht wurde bereits 2006 zum ersten Mal auf Soulboater.com veröffentlicht und ist nicht mehr aktuell. Robert Machacek, der damals bei der Befahrung dabei war, merkt dazu an:

Die Achstürze sehen mittlerweile komplett anders aus und nur mehr 2-3 Stellen sind noch so wie 2006.
Mindestens 2 Stellen eher unfahrbar.
Die Erste schöne Dreierkombi verschwindet in der Einfahrt fast komplett unter einem Syphon der so gut wie nicht umfahren werden kann. Auch die Stelle selbst ist kaum mehr fahrbar. Katarakt nach hohen Fall eher auch nicht fahrbar. 2. 3erKombi sieht komplett anders.

Alles in allem eher unlohnend seit einigen Jahren..​.

Soulboater.com: Wenn man die Bilder betrachtet, finden wir es aber interessant, wie (wenig) sich die damaligen Boote vom heutigen Material unterscheiden!

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