Die Erstbefahrung des Highhousecreeks und ihre Folgen

Autor: Jan-Peter
14.01.2017
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In den letzten Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren Befahrungen von sehr hohen Wasserfällen mit über 10 Metern Fallhöhe eher die Ausnahme. Man paddelte entweder auf extremem Wuchtwasser wie der unteren Ötztaler Ache oder auf steinigen steilen Kleinflüssen, heutzutage würde man neumodisch "Creekboating" dazu sagen.

Immer aber gab es Paddler, denen schon eine "feuchte Kellertreppe" zur Befahrung reichte. Im Freiburger Raum in der Nähe zur Schweiz hatten diese Befahrungen einen eigenen Namen, man nannte diese Art des Paddelns kurz und prägnant "bespilkern". Es blieb daher nicht aus, dass Bäche mit immer weniger Wasserführung erfolgreich befahren wurden, was schliesslich auch zur Befahrung einer hohen Stufenkombination ganz ohne Wasser führte.

Von der Befahrung des Highhousecreeks und ihren Konsequenzen erzählt der folgende Bericht aus dem Jahr 2001, der ursprünglich eine Serie von drei aufeinander folgenden Artikeln bei Soulboater war:

Eine typisch norddeutsche Erstbefahrung: Urban Creekboating in Northern Germany

Anläßlich des 20jährigen Topo-Jubiläums beschlossen auch die Extremfahrer von "Team Skamrei", in der Norddeutschen Tiefebene eine spektakuläre Erstbefahrung durchzuführen.

Nachdem nach wochenlanger intensiver Suche immer noch kein geeigneter Wasserfall gefunden wurde, der den teaminternen Vorgaben "irre hoch und brutal spektakulär" entsprach, ging man schließlich nach dem Motto "Der Eiskanal ist schließlich auch nur ne künstliche Rinne" vor.

Und siehe da, der ultimative künstliche Sturzbach war denn auch schnell gefunden, nämlich eine steile Rutsche mit Namen "Highhousecreek".

Leider fehlte das wesentliche, nämlich das Wasser, aber das kann den echten Hardcore-Topolinisten nun überhaupt nicht mehr erschüttern. Dafür sind die äußeren Bedingungen wesentlich besser als in der Natur: Zum Einstieg geht es nämlich erst einmal ganz bequem mit dem Lift.

Jan-Peter beim Einfahren in den ersten Katarakt

Und auch die Sicherung gestaltet sich einfach und durchaus effizient. Kurze Fußtritte der Begleitmannschaft aus den Fensterkehrwassern am Rand der Rinne befördern den runterstürzenden Kajaker immer wieder in die richtige Spur und damit optimale Linie.

Das Gefälle ist enorm und der Creek fällt auf kürzester Distanz um mehr als 40 Meter. Fast wie das altehrwürdige Treppenhaus, nur viel steiler und steiniger als auf der Loisach.

Immerhin 7 Stockwerke hoch mit nur wenigen Möglichkeiten, auf den Zwischenfluren ins Kehrwasser zu schwingen und Atem zu holen. Dafür extrem wenig Wasser, das aus den Feudeleimern der vorausgewanderten Putzkolonne stammt.

Aber genug Flüssigkeit, um mit hohem Tempo um die Ecken zu schießen und die hochaufragenden Wände der engen Klamm mit brachialer Gewalt zu touchieren.

Das stabile Eskimo-Akrobatpaddel bewährt sich wieder einmal bei Ziehschlägen und Verklemmungen am Geländer. Und der Integralhelm ist hier kein billiger Showeffekt sondern bitter nötig, um nicht vom Hausmeister erkannt zu werden.

Alles in allem eine erfolgreiche und spektakuläre Befahrung, die auf ihre Nachahmer wartet.

Jan-Peter beim Befahren des "Steilen Ecks" mit Unterstützung durch die aufmerksame Landmannschaft. Gewohnt souverän hier mit im Bild: Sicherungsposten Sven Grimpe

Bachinfo:

- jedes beliebige Hochhaus in der Stadt als Creek möglich

- möglichst mit geräumigem Fahrstuhl, um anstrengende Portagen zum Einstieg zu vermeiden

- mit dem Bootswagen zum Einstieg zu kommen ist sehr beschwerlich und daher nicht sinnvoll

- Vorsicht vor unsauberen Unterwassern und Hindernissen im Bach in Form von abgestellten Fahrrädern und Kinderwagen besonders im unteren Streckenabschnitt

- Strecke vorher unbedingt besichtigen, ob sich keine gläsernen Zwischentüren in der Sturzrinne befinden, daraus können sich schnell (besonders bei der Erstbefahrung) gefährliche Siphone bilden

- Mit etwas Schmierseife erhöhen sich die Schwierigkeiten und vor allem die Rutschweiten in den Zwischenflachstellen erheblich

- Steigerung des Funs und Adrenalinspiegels durch Befahrung zu Zeiten des Schichtwechsels in Bürotürmen oder zu Pausenzeiten in Schulzentren

- auch Banditruns bei Nacht möglich, aber Vorsicht vor wilden Hausmeistern und Wachdiensten

- Rekord steht zur Zeit bei 7 Stockwerken, mehr ist sicherlich möglich und auch erstrebenswert

- besonderes Highlight ist sicherlich die Befahrung von Leuchttürmen mit hölzernen Wendeltreppen aber hier bitte Rücksicht auf den Denkmalschutz nehmen, denn:

URBAN-CREEKER SIND WAHRE DENKMALSCHÜTZER!!!

Nach dieser extremen Expedition blieb es wochenlang still in der Szene, kein Paddler fand den Mut, es den Erstbefahrern gleichzutun, bis der nächste Anlauf startete und beinahe als Tragödie endete:

Zweitbefahrung des Highhousecreek endete mit dramatischem Steckunfall

Angeregt durch die Beschreibung in Soulboater.com machte sich Sebastian Müller auf zu einer Solo-Zweitbefahrung der steilen Rinne.

Die ersten 7 Stockwerke waren technisch aufgrund der ausführlichen Beschreibung der Erstbefahrer kein großes Problem und wurden zügig ohne großen Besichtigungsaufwand und aufwändiges Sichern bewältigt.

Erst im letzten Teil der gefällstarken Abfahrt kam es zu einer gefährlichen Situation. Nach Durchbrechen einer abgeschlossenen und in der Beschreibung nicht erwähnten Kellertür blieb Basti im Türrahmen stecken und konnte erst durch den angestrengten Bergeeinsatz des durch die Alarmanlage herbeigerufenen Hausmeisters aus der Stecksituation befreit werden.

Zu einem großen Teil basierte die mißliche Situation, in die sich Basti durch seine leichtsinnige Alleinbefahrung gebracht hatte, aber auch in der Wahl des falschen Materials: ein Micro 240 von Pyranha ist trotz seiner besseren Boof-Eigenschaften einfach 20 cm länger als ein Topolino und damit ganz einfach zu lang für die engen gedrehten Abfälle des Highhousecreek.

Die Stecksituation rührte nämlich nicht nur aus der Enge des Türrahmens sondern auch aus dem unsauberen Unterwasser hinter der Tür. Schließlich steckte Basti mit dem Bug in einem Stapel alter Zeitungen und anderem Wohlstandsmüll, wie auf Bächen in der Nähe von Großstädten leider immer häufiger zu beobachten ist.

Wegen des geringen Wasserdrucks konnte er aber schließlich doch aus dem Müllhaufen befreit und von den herbeigeeilten freundlichen jungen Männern in den weißen Kitteln nach Hause begleitet werden.

Was läßt sich aus dieser spektakulären Zweitbefahrung folgern?

Fahre nie alleine unbekannte steile Treppenhäuser hinab und benutze nicht den bequemen Aufzug zur oberflächlichen Besichtigung der Schwierigkeiten.

Vertraue nie gänzlich auf Flußbeschreibungen wie in Soulboater.com oder anderen Kanupublikationen. Nicht umsonst steht dieser Warnhinweis auf der Eingangsseite von Soulboater.com, den bestimmt die wenigsten für voll nehmen. Aber man lernt eben nie aus.

Und das Wichtigste: Habe immer dein DKV-Fahrtenbuch dabei, damit dir der Hausmeister die Befahrung mit seinem Stempel bestätigen kann. Denn jeder neu befahrene Bach zählt als Flußpunkt auf dem Weg zum goldenen Wanderfahrerabzeichen.

Und das ist doch das erstrebenswerte Ziel eines jeden Soulboaters oder habe ich da etwas falsch verstanden?

Einige Monate später wurde der Highhousecreek dann von der breiten Masse entdeckt::

Highhouse Creek kurz vor der Sperrung

Soll man interessante Bäche noch der Allgemeinheit zugänglich machen oder soll man seine Geheimtipps lieber für sich behalten? Diese Frage stellte sich uns nicht nach der Erstbefahrung des Highhouse Creeks vor einigen Monaten. Wir veröffentlichten. Und was ist jetzt draus geworden? Das steile Treppenhaus steht kurz vor der Sperrung für den Paddelsport! Was ist passiert?

Nach einigen weiteren erfolgreichen Befahrungen durch uns und andere Kurzbootfahrer hielt eines Freitagnachmittags ein Kleinbus mit einem Bootsanhänger voller Wanderboote und mehrere PKWs mit Wildwasserkajaks auf den Dachträgern vor der Mietskaserne, natürlich auf den für die Bewohner reservierten Parkplätzen.

Auf dem Anhänger stand in großen Buchstaben der Name des Kanuvereins WSV?, der hier aus verständlichen Gründen nicht voll genannt werden soll.

Ungefähr 20 Paddler strömten lautstark johlend in das Gebäude, vorbei an dem sprachlosen Pförtner und hinauf ging es mit dem Fahrstuhl in den 6. Stock.

Während die ausgeblichenen Gattinos noch diagonal in den Fahrstuhl passten, wurden die längeren Taifuns und K3x rücksichtslos durchs Treppenhaus bis in den 4. Stock gezogen.

Selbst ein alter teilbarer Appel Eski war für diese Befahrung aus der hintersten Ecke des Bootshauses wieder hervorgekramt worden.

Die ersten 3 Stockwerke wurden erfolgreich bewältigt, erst im 4. Stock verhinderte die verschlossene Tür einer Büroetage das Weiterkommen.

Laut schwatzend machten es sich derweil die Paddlerfrauen in ihren modischen blauen Trainingsanzügen mit 2 Streifen und Gummistiefeln an den Füßen auf der Wiese vor dem Haus und hinter dem Jägerzaun bequem.

Das Schild, nach dem das Betreten des gepflegten Rasens und Spielen auf der Wiese verboten ist, nahmen sie wohl nicht wahr.

Ein rotblauer Stander mit den Buchstaben "D K W" (oder ähnlich?!?) wurde an einem mitgebrachten Fahnenmast unter großem Applaus der umstehenden Paddler emporgezogen.

Kuchen und Getränkedosen wurden verteilt, eine holte ihre Klampfe hervor, eine andere die Mundharmonika und im Kreis der nicht paddelnden Begleiterinnen wurden lauthals alte Fahrtenlieder angestimmt.

Derweil bahnte sich im 5. Stock eine brisante Situation an: Nachdem die Gattinofahrer den Absatz vom 6. in den 5. Stock unter permanenter Absicherung durch eine begleitende Landmannschaft und nach eingehender Besichtigung nach 2 Stunden endlich bewältigt hatten, fand sich im 4. Stock eine verschlossene Tür, die sich auch mit den wohlweislich mitgeführten Brecheisen (der gute Vereinspaddler hat immer eine umfangreiche Werkzeugsammlung in seinem Boot) nicht öffnen ließ.

Jetzt war guter Rat teuer. Anstelle den geordneten Rückzug anzutreten, wurde lautstark gegen die angeblichen Bachsperrer angepöbelt, dabei verließen einige im Treppenhaus nistende Tauben fluchtartig das Haus durch ein offenes Fenster.

Natürlich waren wieder die Naturschützer und Angler Schuld daran, daß es nicht weiterging. Man wolle sogleich die Verbandsgeschäftsstelle in Duisburg davon in Kenntnis setzen, daß schon wieder harmlose Kanufahrer an der Fortsetzung ihrer Fahrt auf freien Flüssen gehindert würden.

Schließlich erschien der Hausmeister, der von der im verschlossenen Büro putzenden völlig verstörten Raumpflegerin über das Nottelefon herbeigerufen worden war und erteilte den bedrohlich mit ihren Gattinos in voller Wildwasserausrüstung mit vergittertem Helm und Alupaddeln im Treppenhaus stehenden Kanuten Hausverbot.

Unterdessen waren aber die im 4. Stock unterhalb der Hauptschwierigkeiten einsetzenden Langschifffahrer auch nicht viel weiter gekommen.

Ein älterer Taifunfahrer hatte auf einem Treppenabsatz das letzte Kehrwasser nehmen wollen und war dabei so unglücklich quergekommen, daß der nachfolgende Seekajakfahrer aufgrund des heruntergeklappten Heckruders keine Chance mehr zum Ausweichen hatte und dem Taifun derart in die Seite fuhr, daß das Boot eine große Schramme bekam.

So etwas war dem Taifunpaddler im ganzen Leben noch nicht widerfahren, hatte er sein Boot doch nach jeder Paddeltour sorgsam mit dem Lederlappen poliert und trockengerieben und dabei natürlich auf eventuell aufgetreten Schäden begutachtet.

Noch im Boot sitzend forderte er Schadenersatz von dem Seekajaker, schließlich sei der Taifun auch nach 20 Jahren noch in einem völlig neuwertigen Zustand und durch die Schramme eine erhebliche Wertminderung eingetreten.

Er weigerte sich, auch nur einen Meter mit seinem nach seiner Meinung schwer beschädigten Kajak weiterzufahren und holte aus dem Heck den zusammengefalteten Bootswagen hervor, um sich zu Fuß nach unten ins Erdgeschoß zu begeben.

Die nachfolgenden Paddler verließ nun auch der Mut, als sie ihren Wanderwart die Fahrt beenden sahen. Auch sie trugen ihre Boote wieder auf dem gleichen Weg zurück, auf dem sie mühsam heraufgetragen hatten.

Nur ein mit allen Wassern gewaschener Ruhrgebietsexpeditionspaddler mit seinem K3x war so pfiffig, an der nächsten Tür im 3. Obergeschoß zu klingeln, sich an dem verdutzten Bewohner mit dem Boot vorbei durch den Flur und das Wohnzimmer bis auf den Balkon durchzuschlagen, um es mittels des mitgebrachten Wurfsacks auf die Wiese vor dem Haus abzuseilen. Jetzt wußte er endlich, wozu er dieses Ding jahrelang hinter dem Sitz auf allen möglichen Extremwildwassern wie Ammer, Lech und Isar bei sich gehabt hatte.

Unten hatten die Ufermäuschen derweil ein Lagerfeuer aus Teilen des Jägerzauns entfacht und fingen an, Würstchen zu grillen, Brot zu backen und auf ihre Helden zu warten.

Als diese endlich wieder unten angelangt waren, gab es enttäuschte Kommentare:

"So ein Mistbach, viel zu kurz, das gibt ja gar keinen Flußpunkt"

oder auch

"Ist ja klar, daß der Bach gesperrt wird, aber das liegt wie immer an dem unmöglichen Verhalten von diesen wilden Paddlern, die nicht in unserem Kanuverband sind und trotzdem alle Vorteile einer Mitgliedschaft haben wollen. Die sind garantiert in wilden Horden ohne Vereinsaufkleber und ordnungsgemäße Bootsbeschriftung den Highhouse Creek unter dem empfohlenen Mindestpegelstand runtergefahren und haben wie immer ein schlechtes Beispiel für den Kanusport gegeben. Und wir organisierte Kanufahrer sind die Leidtragenden und müssen alles wieder durch vorbildliches Verhalten ausbügeln."

Nach 2 Stunden hatten sie dann genug und ließen eine noch schwelende Feuerstelle sowie leere Getränkedosen und zerknülltes Bonbonpapier auf dem Rasen zurück. Deutlich waren noch die PE-Fetzen auf dem Jägerzaun zu sehen, über den einige ihre Boote bis hin zum Bootsanhänger geschleift hatten.

Als am selben Abend ein Spielbootfahrer, der zufällig im 1. Stock des Hochhauses wohnt, von seinem nachmittäglichen Park n Play Spot kommend mit dem Boot auf dem Dach seines Sportwagens in die Tiefgarage fuhr, wurde er von einem grimmig blickenden Hausmeister schon erwartet.

Dieser kündigte ihm an, daß er in Zukunft jedem potentiellen Hausbewohner die Frage stellen würde, ob er Kanufahrer sei. Es würde eine Klausel in den Mietvertrag gesetzt werden, daß das Betreten des Hauses mit Paddelbooten die sofortige Auflösung des Mietverhältnisses und die fristlose Kündigung zur Folge hätte.

Der Spielbootfahrer war völlig verstört, hatte er doch gerade einen neuen Move, das Double-Ender-Screw-Around -Wave-Blast-Wheel perfektioniert und wurde jetzt so abrupt auf den Boden der Tatsachen zurückgerissen.

Was sollte er jetzt tun? Wohin mit dem Boot?

Die rettende Idee: Ein Schließfach auf dem Bahnhof. Immer noch besser, als einem Verein beizutreten und mit grölenden Horden Flußpunkte für den Wanderfahrerwettbewerb sammeln zu müssen. Außerdem bekommt das Boot im Schließfach keinen Staub von den im Bootshaus darüber und daneben liegenden Faltbootleichen ab

Wie es jetzt weitergeht, weiß keiner so genau.

Beim Kanuverband wird sicherlich eine Beschwerde des Vereins auflaufen, mit der dringenden Bitte, sich mit der Wohnungsbaugesellschaft in Verbindung zu setzen und einen Kompromiß auszuhandeln, der organisierten Kanuten weiterhin eine Befahrung des Highhouse Creek ermöglicht.

Ist das der richtige Weg?

Wir wissen es nicht, aber es gibt ja immer noch die Möglichkeit von Bandit Runs.

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