Amazonas-Tagebuch: Freitag, 30. November 2012 Oberster Amazonas ist bezwungen

Autor: Nils,Sepp,Flo,Pirmin
07.12.2012
0 / 0

Freitag, 30. November 2012:

Es ist geschafft, der oberste Amazonas ist endlich erstbefahren!

Absolute Verzweiflung und totale Erschöpfung sind in unseren Gesichtern erkennbar…
Der gesamte Bach verschwindet unter einem riesigen Felssturz - keine Möglichkeit die Fahrt mit dem Kajak fortzusetzen. Anfangs sind wir noch motiviert unsere Boote den ersten großen Absatz mit einem Flaschenzug aufzuseilen. Das gesamte Ausmaß der Blockade ist kaum erkennbar und es kommen Zweifel auf, ob es denn Sinn macht die Fahrt fortzuführen.
Wie wird es weiter gehen?

img_0257_500.
 
die Crew mit Local Alonso in Cusco

 img_0264_500.
 
giftige Nachbarn

Unser Local und Ansprechpartner, Alonso, hat uns für unsere Expedition an der Oberlauf des Amazonas ein Auto organisiert.

Was vor dem Haus steht, ist ein Taxi vom Typ "Toyota Probox". Ein geräumiges Fahrzeug mit Platz für vier Personen mit Gepäck. Nur bei der Geländegängigkeit sind wir noch etwas skeptisch.

Dennoch machen wir uns auf den Weg Richtung Norden zur Laguna Lauricocha.

img_2082_500.


Insgesamt 56 Stunden dauert die Fahrt von Cusco an die Laguna Lauricocha, unserem Ausgangspunkt für die Befahrung des Rio Lauricocha. Nach 21 Polizeikontrollen und unzähligen Kilometern "dirtroad" finden wir uns in dem kleinen Indianerdorf Yanahuanca wieder wo wir ein letztes mal in den Genuss einer Polleria kommen.

Gegrilltes Hühnchen mit Pommes, Suppe und Salat für gerade mal umgerechnet 3 Euro. Nach einem kurzen Einkauf der wichtigsten Lebensmitten für 7 Tage geht es weiter in Richtung Laguna Lauricocha.

Die Straßenkarte gibt uns einen kleinen Hinweis auf den Zustand der Straße: die bisher wirklich schlechten Straßen waren weiß eingezeichnet. Die jetzt vor uns liegende ist etwa halb so dick eingezeichnet und grau.

Auch die Abzweigung auf diese Straße ist nur nach mehrmaligem Nachfragen zu finden. Eine dünne, steile Lehmstraße, gerade so breit wie ein Auto schlängelt sich zwischen Häusern hoch bis in die Hochebenen der Codillera Raura - eine Straße die in unseren Straßenkarten eingetragen ist, in den topographischen Militärkarten jedoch nur als Fußweg.

ndw_1765_500.
Nachtlager auf 4720m


Nach Anfänglicher Skepsis ob wir die Straße ohne Allrad mit unserem Toyota Probox Taxi Bewältigen können, zeigt wie geländegängig auch ein einfaches Straßenfahrzeug sein kann.

 Voller Motivation lassen wir uns viel Zeit mit filmen, fotografieren und einfach mit dem genießen der einmaligen Landschaft. Es sind ja laut Karte nur noch etwa 10km.

Unsere Freude wendet sich sehr schnell zu einer erneuten Skepsis als ein entgegenkommender Geländewagen uns versichert, dass wir auf den folgenden Kilometern keine Chance haben ohne einem Allradfahrzeug.

Des weiteren liegen wohl noch ca. 30km vor uns, welche von einem Geländewagen in etwa 3-5 Stunden bewältigt werden können. Absolute Ratlosigkeit ist in unseren Gesichtern zu erkennen.

 

img_2087_500.

Nichtsdestotrotz wären die letzten 50 Stunden Fahrt umsonst gewesen, wenn wir es nicht wenigstens versuchen würden.

Im Schneckentempo geht es dann über extreme Steigungen, über hohe Steine und durch tiefe Schlammbäder. Bis zu einem Punkt wo wir die Lagune erwartet hatten. Später stellt sich heraus, dass wir noch weit entfernt waren.

Erneut diskutierten wir über fortsetzen oder aufgeben und umdrehen. Das Auto war an seinen Grenzen was die Geländegängigkeit angeht und wir mit den Nerven am Ende. Die Entscheidung fällt ein letztes mal auf fortsetzen, mit der Bedingung, beim Auftreten erneuter Schwierigkeiten und Probleme, aufzugeben. 

Ein kleiner Ort mit fünf Häusern markiert eine enorme Verbesserung des Straßenzustandes. Wir befinden uns noch immer auf einer Dirtroad, nun jedoch mit Straßenschildern, weniger Schlaglöchern und befestigter Bankette.

Bis zum Einbruch der Dunkelheit geht es auf dieser Straße weiter, bis wir unser Lager auf ca. 4500m Meereshöhe errichten. Nach einer kalten, regenreichen Nacht sind wir am nächten Morgen nach nur 45min Fahrt am ersten Ziel angekommen.

Wir stehen an der Laguna Lauricocha auf über 3800m Höhe.

img_2101_750.

Hier werden wir noch heute unsere Kajakexpedition starten. Das Wetter ist bewölkt aber trocken und der Ausfluss aus dem See führt genügend Wasser um mit dem Kajak befahren zu werden.

 ndw_1732_500.
traditionelle Indianerhäuser auf dem Weg zur Laguna Lauricocha

  ndw_1770_500.
Einstieg: Laguna Lauricocha

  ndw_1772_500.
Yeah, der Wasserstand ist perfekt!

 ndw_1832_500.
Die Teletubbies erobern die Welt  Hier mit interessierten Einheimischen an der Laguna
 
 img_2154_500.
langsamer Start auf dem Rio Lauricocha

 img_2165_500.

 img_2172_500.

An diesem Punkt, an dem Herbert Rittlinger 76 Jahre zuvor bereits sein Faltboot zu Wasser lassen wollte, aufgrund des zu geringen Wasserstandes sein Vorhaben jedoch umdisponieren musste, packen wir nun unsere Boote und lassen sie zu Wasser.

Essen für drei Tage, Kocher, Wasserfilter, Kameras und allerhand persönliche Gegenstände füllen die Boote bis auf ca. 40kg.

Nach einer herzlichen Verabschiedung der einheimischen Quechuas verlassen wir die Laguna Lauricocha als erste Menschen auf dem Wasserweg um den Oberlauf des wasserreichsten Flusses der Erde zu befahren - den Amazonas.

img_2243_750.

Durch fantastische Berglandschaft schlängelt sich der Fluss zunächst durch die Hochebenen der Cordillera Raura. Leichtes Wildwasser im II. und III. Schwierigkeitsgrad lässt uns diese atemberaubende Kulisse genießen. 

 
 ndw_1920_500.
einer der größeren Syphone

Ein großer Siphon, der für etwa 10 Meter den gesamten Bach verschwinden lässt markiert einen Anstieg der Schwierigkeiten. Auf den folgenden Kilometern wechselt sich Wildwasser III-IV mit häufigen Stellen im Schwierigkeitsgrad IV+ ab.

Eine weitere Umtrage ist nötig als der Bach plötzlich nur noch die Hälfte der Wassermenge führt und kurz darauf für 200m komplett unter einem Steinmeer verschwindet.

Bis wir die Stadt Cauri erreichen verändert sich der Flusscharakter nur wenig, das Wetter jedoch gewaltig. Starker Regen, Gewitter und Gegenwind erschweren die Weiterfahrt und zehren an den Kräften.

In Cauri angekommen endet unsere Erstbefahrung der ersten 30km des Rio Lauricocha.

Die verbleibenden 20km wurden bereits drei Monate zuvor von Rocky Contos erstbefahren. Wir setzen die Fahrt dennoch fort.

Unser Ziel ist die Mündung des Rio Maranon mit dem Rio Vizcara. Ab diesem Punkt besteht eine ausführliche Beschreibung des Rio Maranon. Oberhalb ist er jedoch noch unbefahren.

Bis zur Mündung des Rio Lauricocha mit dem Rio Nupe erwarten uns noch 20km Wildwasser im IV. Grad durch tief eingeschnittene Schluchten und gespickt mit unzähligen Siphonen und Unterspülungen, welche erhöhte Vorsicht erfordern.

 img_2372_500.

ndw_1956_500.
 
Nachtlager No. 1

 ndw_1968_750.
die weniger schöne Seite Perus

 ndw_2059_500.
Rio Maranon

An der Mündung mit dem Rio Nupe angekommen sind wir glücklich die erste Etappe geschafft zu haben. Die ersten 50km des Amazonas Oberlaufes liegen hinter uns.

Um das Risiko nicht einzugehen, seinen Flug zu verpassen, verlässt Sepp an diesem Punkt die Gruppe und macht sich auf den Weg nach Lima um seinen Flug zurück nach Deutschland anzutreten.


Von hier aus benötigen wir einen gesamten Tag um unser Auto nachzuholen. Mit Bussen und Taxis geht es wieder zurück zur Laguna Lauricocha, um anschließend drei Stunden wieder zum Camp zurückzukommen.

Von unserem Camp am Beginn des Ro Maranon liegen nun 50 weitere Kilometer Ungewissheit vor uns.

Sehr viele Einheimische machen uns auf Gefahren aufmerksam:

"Der Fluss ist ein Mörder und verschwindet in wenigen Kilometern komplett unter der Erde"

Mit diesem Satz werden wir immer wieder mehr oder weniger verständlich in Zeichensprache konfrontiert. Die wenigsten Menschen in den Ländlichen Gegenden sprechen Spanisch. Quechua ist deren Muttersprache, welche von uns keiner beherrscht.

Der Start auf dem Rio Maranon gestaltet sich sehr einfach.

Viele Stellen im III. Schwierigkeitsgrad begleiten uns die ersten 5km, bis ein großer Felsblock die Weiterfahrt verhindert.

 "Das scheint der Siphon zu sein von dem die Einheimischen sprechen".

Nach dem Aufbau eines geeigneten Flaschenzuges seilen wir unsere Boote auf den gigantischen Felsblock hinauf. Doch erst als wir oben angekommen sind überblicken wir die gesamte Blockade und verstehen warum die Einheimischen uns darauf aufmerksam gemacht haben.

Wir stehen direkt im eingangs erwähnten Felssturz, welcher den Bach für etwa einen Kilometer lang unter sich begräbt. Wir zweifeln daran ob es Sinn macht zu umtragen oder die Boote 5km wieder zurück zur Straße zu tragen.

Wir entscheiden uns jedoch für die erstere Möglichkeit, räumen das gesamte Gepäck aus den Booten um alles einzeln zu tragen. Das ist in diesem Gelände erheblich einfacher als beladene Boote mit 40kg Gewicht zu tragen.

Sechs Stunden später entscheiden wir uns kurz vor dem Ende der Umtrage dafür unser Camp aufzuschlagen. Völlig erschöpft und froh das meiste geschafft zu haben kochen wir noch Nudeln mit Thunfisch und legen uns sehr bald schlafen.

 ndw_2020_500.
am Beginn der 6 stündigen Umtrage am Rio Maranon
 
 ndw_2051_500.
Nachtlager No. 4

Am nächsten Tag warten noch viele Kilometer Wildwasser auf uns. Der Plan war, die 50km in zwei Tagen zu befahren, das Steilstück, welches unter dem Felssturz begraben ist, war in den Karten erkennbar.

Hier erhofften wir uns interessantes und schweres Wildwasser. Dem ist leider nicht so.

Des weiteren vermuten wir die Höhle, in der Rittlinger einst Material deponiert hatte um sein Boot zu erleichtern, unter den Felsen begraben.

Dass wir nur etwa 6km am ersten Tag schaffen, damit hatten wir nicht gerechnet.

Den gestrigen Tag noch in den Knochen tragen wir unsere Boote eine weitere gute Stunde bis zum Fluss um unsere Fahrt auf dem Rio Maranon fortzusetzen.

Gute 45km liegen nun noch vor uns. Den uns vorliegenden topographischen Militärkarten zufolge erwarten uns nur noch wenige Höhenmeter auf dieser langen Strecke.

Dieser Höhenunterschied macht sich auch auf dem Bach bemerkbar. Die 45km Wildwasser im II. und III. Grad werden von nur wenigen Einzelstellen im IV. Grad unterbrochen.

Ein kurzer Canyon von etwa 1km Länge mit Wildwasser im Schwierigkeitsgrad IV+ erfreut unsere Paddlerherzen nochmals bevor es auf nahezu Flachwasser bis zur Mündung des Rio Vizcara weiter geht.

Hier, in der Nähe der Ortschaft Pachas beenden wir unsere Fahrt und sind glücklich die Expedition "oberster Amazonas" erfolgreich zu Ende gebracht zu haben.

img_0454_500.

Ähnlich wie zwei Tage zuvor kostet das Nachholen unseres Autos nochmals weitere sechs Stunden. Um ca. 22:00 machen wir uns nun auf den Weg über Lima zurück nach Cusco, wo wir etwa 36 Stunden und 7 Polizeikontrollen später glücklich ankommen.

Am selben Tag noch machen wir uns an das Sortieren und Sichten unseres Videomaterials und freuen uns nach der langen Autofahrt wieder in der Horizontalen zu schlafen.

 ndw_2084_500.
schöne Katarakte am Rio Maranon

 ndw_2093_500.
Kinder am Ausstieg des Rio Maranon

 img_0459_500.

 img_2010_500

 beschwerliche Abreise

Bericht und Bilder: Nils,Sepp,Flo,Pirmin

Fortsetzung folgt...

Voriger Artikel

Der Silber-Creeker

Nächster Artikel

neues Nasenklammer-Haltesystem von threewaves