Das Ötztal ganz persönlich oder der schönste misslungene Event seit langem

Autor: Nils Kagel
01.11.2007
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Es ist jetzt schon beinahe vier Wochen her, aber ich erinnere mich noch gerne an die fünf Tage, die ich Anfang Oktober im Ötztal verbrachte und die sich so ganz anders gestalteten, als ich es mir ausgemalt hatte.

Als ich Dienstagabend zum „Adidas-Sickline-Race“ in Ötz anreiste, war es bereits zu spät zum trainieren. Ich hörte lediglich, dass eine Reihe von Paddlern mit unterschiedlichem Erfolg auf der Wellerbrücke unterwegs gewesen seien. Es war somit klar, dass ein Rennen hier wohl sehr selektiv ausfallen würde. Die Vorfreude auf den nächsten Tag war also groß und so störte es auch nicht, dass ich an meinem ersten Abend lediglich Plastiktäschchen für die Mitpaddler mit allen möglichen Zettelchen, Büchern, Broschüren und Werbematerial füllen durfte. Es folgte eine harte, wenig komfortable Nacht im Auto.

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Am nächsten Morgen erhielt mein Enthusiasmus ersteinmal einen gewaltigen Dämpfer. In den Tagen zuvor war es wohl zu einer Reihe von Beinaheunfällen gekommen, so dass sich die Rennleitung gezwungen sah, der Selbstüberschätzung einiger Fahrer einen Riegel vorzuschieben und die Wellerbrücke für alle potenziellen Teilnehmer zu sperren. „Das fängt ja gut an!“, dachte ich mir. „Jetzt bin ich 900 Kilometer von Hamburg in den Süden gefahren und muss mit null Vorbereitung an den Start gehen!“ Wenigstens war die Qualistrecke am „Schießstandkatarakt“ der Mittleren Ötz noch offen. Allerdings hatte ich mich schon Wochen zuvor bereit erklärt, ein paar Führungsfahrten im Rahmen der Veranstaltung zu machen. Also konnte ich den Tag ganz entspannt angehen und mich auf die Suche nach dem „Sickline-Center“ machen, dass ich nach einer kleinen Odyssee durch Ötz auch fand. Stolz konnte ich als einer der ersten meine Startnummer in Empfang nehmen, nicht wissend, dass ich sie nie brauchen würde.

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Zusammen mit Franz Puckl, Markus Hummel und Olaf „Big O“ Obsommer gingen wir in zwei Gruppen die Obere Ötz an. Das Wetter war spitze, die Stimmung gut und alle machten sich prima. Im Anschluss ging es deshalb gleich auf die Mittlere und hier zeigte sich, dass mit ihr auch bei herbstlichen Wasserständen nicht zu spaßen ist. Die Ötz ist eben kein Eiskanal und ihre langen Blockparcours, gespickt mit scharfkantigen Felsen brachten bekanntlich schon so manchen Helden zu Fall. Letztendlich kamen jedoch alle Teilnehmer unserer Fahrt heil an der Brücke nach Köfels an. Nach diesem erfolgreichen Start ließ ich den Abend zusammen mit vielen anderen Paddlern im Café Heiner ausklingen. Zum Glück fand ich dann noch eine angemessene Unterkunft, allerdings erst nachdem ich hoch und heilig versichert hatte, nicht zu schnarchen.

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Der Donnerstag bestätigte das, was der Mittwoch schon angekündigt hatte: Das Wetter entwickelte sich prächtig, ebenso die Wasserstände. Der Pegel in Tumpen bewegte sich bedrohlich in Richtung der 1,90 Marke, was bedeuten würde, dass das Rennen nicht stattfinden dürfte, hatte man sich doch zuvor mit den Behörden auf diesen Wert als Obergrenze geeignet. Alles hoffte also auf einen Kälteeinbruch - oder auch nicht.

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Bis auf einen Paddler waren an diesem Tag noch alle Teilnehmer bei den Führungsfahrten dabei. Zunächst war Sicherheitstraining beim „Expo-Center“ angesagt. Unter der fachkundigen Anleitung von Experten, wie Wolfram Bock und Jutta Kaiser, wurden Wiederbelebungs- und Bergetechniken geübt. Danach konnte es gut gewappnet auf den Bach gehen.

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Trotz des höheren Wasserstandes setzten wir erneut an der Mittleren ein und erwartungsgemäß präsentierte sich die Ötz im Vergleich zum Vortag etwas sportlicher. Bis zur ersten Straßenbrücke schafften es alle irgendwie unbeschadet hinunter zu kommen. Bereits zum Ende der Zwischenbrückenstrecke ließen jedoch Kraft und Konzentration deutlich nach und der erste WW-V-Aspirant musste sein Boot verlassen, das sich sogleich auf und davon machte. Nur hundert Meter später erwischte es den zweiten in der Hühnerleiter und Franz und ich hatten alle Hände voll zu tun, Mann und Material ans rettende Ufer zu bugsieren. Bis auf den Schreck und ein paar blaue Flecken waren jedoch glücklicherweise keine weiteren Verluste zu beklagen.

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Den aktiven Teil des Tages wollte ich eigentlich mit zwei Trainingsfahrten durch den „Schießstandkatarakt“ beschließen. Es kam dann doch ganz anders. Gerade war ich dabei, mich umzuziehen, als ein Anruf von Bernhard kam. Aufgeregt schilderte er mir, dass sein Adidas-Teamkollege Tim Weinmann in der Heiligkreuz-Schlucht verunglückt sei und er fragte mich, ob ich bereit sei, die Strecke noch mal mit ihm abzufahren. Ohne lange zu zögern sagte ich zu und ließ mich umgehend ins Venter-Tal fahren. Dort waren bereits mehrere Angehörige des AKC und die Bergwacht auf der Suche nach dem Vermissten. Boot und Paddel waren geborgen worden. Obwohl der Wasserstand stark gestiegen war und sich die Venter-Ache bereits braun verfärbt hatte, rangen wir uns doch noch zu einer Befahrung durch. Die Hoffnung stirbt schließlich zuletzt, auch wenn das Unternehmen von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Mittlerweile machten sich bei mir erste Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Ein kleiner Fahrfehler führte schließlich dazu, dass ich mir zu allem Überdruss die Schulter zerrte.

Das „Carboloading“ verpasste ich. Die Eröffnungsfeier fiel aufgrund der Vorkommnisse eh flach. Glücklicherweise ergatterte ich dann doch noch was Essbares im Alpenhotel. So recht schmecken wollte mir das wirklich gute Schnitzel jedoch nicht und auch im Café Heiner drehte sich an diesem Abend alles nur um ein Thema. Es konnte also alles nur besser werden.

Der Freitag sah die Zweimetermarke kontinuierlich näher rücken. Jetzt musste sogar der Schießstandkatarakt offiziell gesperrt werden. Ein Rennstart rückte in weite Ferne. Mit Berni, Arnd, Markus und Stefan machte ich mich zur Venter auf, um weiter zu suchen. Mit Lawinensonden tasteten wir im Abschnitt nach der hohen Straßenbrücke den Flussgrund ab. Dabei wusste ich eigentlich nicht, ob ich überhaupt etwas finden wollte. Weiter unten entdeckten wir schließlich in einem Kehrwasser die völlig unbeschädigte Schwimmweste von Tim. Sogar die daran befestigte Uhr funktionierte noch einwandfrei. Welche Ironie! Der Fund bestätigte uns in der Annahme, dass sich der Gesuchte irgendwo in der Schlucht befinden müsste. Alle Beteiligten und insbesondere die mittlerweile im Ötztal eingetroffenen Angehörigen konnten nur auf einen niedrigeren Wasserstand hoffen.

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Während die Suche im Venter-Tal fortgesetzt wurde, paddelte ich mir den Frust auf der Mittleren Ötz von der Seele. Mochte die gezerrte Schultern auch noch so schmerzen, mir war´s egal. Die Sonne schien und allerorten traf man fröhliche Paddler. So voll hatte ich das Ötztal noch nie erlebte. Warum also nicht die dunklen Gedanken verdrängen und ein wenig Spaß haben? Der Abend war dann wieder recht kurzweilig. Olaf zeigte einige seiner Filmchen und auch der eine oder andere Amateurstreifen verirrte sich ins Programm. An der Bar des Alpenhotel entwickelte sich im Anschluss noch eine nette Session, bei der Matze Brustmann, zeitweise mit tatkräftiger Unterstützung von Hans Maier und dem leibhaftigen Robson, seine südgermanischen Gesangsqualitäten unter Beweis stellen konnte. Dass dabei nicht jeder Ton exakt getroffen wurde, war eher nebensächlich. Die Stimmung war auf jeden Fall super!

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Nachdem die Qualirennen am Freitag bereits buchstäblich ins Wasser gefallen waren, zeigte sich der Sonnabend nicht gnädiger. Zwar wurde von der Veranstaltungsleitung gebetsmühlenartig versichert, dass es immer noch kälter werden könne und man sich keinesfalls geschlagen gebe, aber das Gros der Anwesenden hatte sich insgeheim schon damit abgefunden, dass nix passieren würde. So verstrich der Tag ohne besondere Vorkommnisse. Die Obere, Mittlere und Untere Ötz sahen jede Menge kontrollierte und weniger kontrollierte Befahrungen, während zwei allgemein bekannte Stürzer es nicht mehr aushalten konnten und die Wellerbrückenblockade durchbrachen. Ich drückte mich erfolgreich vor dem Paddeln und ließ mir stattdessen die Sonne ins Gesicht scheinen. Zwischendurch spielte ich das Shuttlebunny - auch mal ne nette Beschäftigung, wenn´s anders nicht geht. An dieser Stelle sei die erfolgreiche Arbeit des „Reload Centers“ erwähnt. Das von Adidas engagierte Team aus professionellen Physiotherapeuten wirkte Wunder und zu guter letzt konnte ich mir deshalb doch noch ´ne nette Wanderpartie auf der Unteren Ötz geben.

Der Höhepunkt der ganzen Veranstaltung war definitiv die abendliche Party im „Sickline Center“ alias Volksschule von Ötz. Nach der obligatorischen Fressorgie, bei der Chefkoch Knittel wieder einmal sein bestes gab und ich mal wieder (fast) zu spät gekommen wäre, folgte nach einer kurzen Umbauaktion der mit Spannung erwartete Auftritt von Orange but Green. Und eines sei hier mal festgehalten: Die Jungs rocken wirklich! Natürlich gab ´s jede Menge Langweiler, die nur mit der Pulle in der Hand rumstanden und teilnahmslos in die Gegend starrten, dies wurde jedoch von einer umso aktiveren Crowd vor der Bühne locker wett gemacht. Im Anschluss an den Waterfall Kick gab ´s dann noch Mucke aus der Dose, was aber der Stimmung keinen Abbruch tat und die Meute weiter feiern ließ, als gebe es kein morgen mehr. Die reichlich fließende Hopfenkaltschale und andere Narkotika trübten die Sinne und Koordinationsfähigkeit manch eines Anwesenden, was zu der einen oder anderen unfreiwilligen Showeinlage führte. Sehr amüsant!

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Der nächste Morgen sah viele verkaterte Gestalten und übernächtige Mitglieder des Orgateams, zu denen ich im Übrigen nicht gehörte. Die Veranstaltung endete wie sie angefangen hatte. Die Sonne lachte vom Himmel und zusammen mit den anderen schlabberte ich auf der Terrasse des Café Heiner meinen letzten Latte Macchiato, bevor es auf die lange Rückreise ging. Kurz vor der Abfahrt erfuhr ich, dass die Rettungskräfte Tim gefunden hatten. Tja, irgendwie waren die fünf Tage im Ötztal verrückt, ein wahres Wechselbad der Gefühle, und doch blieben mir überwiegend positive Eindrücke im Gedächtnis, so dass ich zumindest für mich sagen kann, dass es sich tatsächlich um die schönste misslungene Veranstaltung seit langem gehandelt hat.

Text: Nils Kagel / Fotos: Peter Lintner 

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