Interview mit Tao Berman Teil 2

Autor: Jan-Peter
27.02.2019
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 - Im zweiten Teil des Interviews geht es um den Wettkämpfer Tao Berman bei Wildwasser-Extremrennen, seine Strategien und die weitere Planung seiner Karriere:

Soulboater: Ist es für dich nicht langweilig, auf der Ötz zu paddeln?

Tao: Nein, wenn ich bei einem Extremrennen mitmache, versuche ich auf der ganzen Strecke die perfekte Linie mit der grössten Geschwindigkeit zu fahren. Wenn ich hohe Wasserfälle oder schwere Stromschnellen fahre, messe ich mich mit dem Fluss, wenn ich Wildwasserrennen fahre, habe ich als Konkurrenten alle anderen Extrempaddler, die an dem Rennen teilnehmen. Es ist ganz anders, macht aber auch viel Spass.

Bei diesem Rennen ist es noch wieder anders: Es sind unheimlich viele talentierte Paddler hier. Bisher habe ich in den vergangenen zwei Jahren alle Extremrennen bis auf ein einziges gewonnen, an denen ich teilgenommen habe, aber meine persönliche Statistik hilft mir hier gar nichts.

Wenn ich glaube, ich kann mir hier einen Fehler erlauben, der mich 2 Sekunden Zeit kostet und dann immer noch gewinnen, wird das nicht funktionieren. Wenn ich am Start in mein Kajak steige und losfahre, muss ich die nächste Minute absolut perfekt paddeln, wenn ich gewinnen will.

Das ist genau das gleiche Gefühl, wenn ich einen hohen Wasserfall fahren will. Ich weiss, dass ich perfekt sein muss, um mich nicht zu verletzen. Das ist der Kick dabei...

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Soulboater: Wie bereitest du dich auf Extremrennen vor? Bei den Qualifikationsrennen bist du in beiden Läufen nicht auf dem ersten Platz gewesen. Welche Fehler hast du gemacht?

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Tao: Ja, ich habe ein paar kleine Fehler gemacht. Beim zweiten Durchgang habe ich kurz das Paddel losgelassen, als ich einen Stein touchiert habe, aber so ist das manchmal. Das wirklich wichtige Rennen ist morgen das Finale, das ist entscheidend... .

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Heute war nur die Qualifikation auf der mittleren Ötz, das ist egal, wichtig ist das Rennen auf der Wellerbrückenstrecke. Aber es sind wirklich ein paar schnelle Paddler dabei!

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Soulboater: Du hast heute schon mal die Wettkampfstrecke bei der Wellerbrücke befahren. Wie gefällt dir die Strecke?

Tao: Insgesamt ist sie ganz nett. Ich finde den Start nicht so gut. Man springt von einem Felsen ins Wasser und es ist reine Glücksache, wie das Boot auftaucht, ob es lange unter Wasser bleibt oder nach links oder rechts ausbricht. Das kann Zeit kosten und bei der Kürze der Strecke ist so eine Variable nicht gut kalkulierbar. Es ist eine super Rennstrecke nur der Start sollte verbessert werden.

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Soulboater: Welchen Teil der Rennstrecke findest du am schwierigsten?

Tao: Am schwierigsten ist immer die Stelle, die du gerade fährst. Denn egal, wo du einen Fehler machst, du kannst danach nicht mehr gewinnen. Du musst also überall perfekt durchkommen. Ich denke aber, der Kernkatarakt nach 2/3 der Strecke wird das Kriterium sein.

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Soulboater: In der letzten hohen Stufe vor dem Ziel habe ich heute einige Paddler mit Problemen gesehen, einer ist sogar geschwommen...

Tao: Ach wirklich (lacht) Klar kann das mal passieren, aber nach meinen Testfahrten heute fand ich den Schlussabfall wirklich leicht. Wenn du die letzte Stufe richtig anfährst, tauchst du kaum ein und es ist geht unglaublich schnell durch. Man muss einfach den letzten Schlag sehr spät machen und drüberboofen.

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Soulboater: Hast du eine bestimmte Strategie für das Rennen?

Tao: Die Strategie ist ganz einfach: Ich fahre perfekte Linien in den Abfällen und ziehe auf den ruhigeren Zwischenstücken richtig durch. Ich weiss genau, wo und wie ich meinen Körper belasten muss, um die Strecke mit ihren Hindernissen optimal zu bewältigen.

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Soulboater: Wie ernährst du dich vor den Rennen?

Tao: Jeden Morgen esse ich Grape-Nuts. Manchmal sehe ich andere Athleten, die essen einfach das, was gerade da ist, das ist für mich unverständlich. Für mich ist wichtig, genau das zu essen, was mir die meiste Energie gibt. Es darf vor einem Rennen keine Schwankungen geben, die durch unterschiedliches Essen entstehen und dich aus dem Rhythmus bringen können. Deshalb esse ich zum Frühstück als Vorbereitung auf den Tag immer Grape-Nuts, egal wo auf der Welt ich gerade bin.

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Soulboater: ...und einen Red Bull am Start?

Tao: Und einen Red Bull am Start, genau. Das ist mein Geheimrezept! Ich esse Grape-Nuts zum Frühstück und trinke einen Red Bull 30 Minuten vor dem Start. Immer!

Soulboater: Du hast vor kurzem ein Buch geschrieben, wovon handelt es?

Tao: Das Buch beschreibt mein Leben. Es beginnt in meiner Kindheit und geht über meine Jugend bis in die Zeit, wo ich ein professioneller Athlet geworden bin. Es erzählt, wie ich Profipaddler geworden bin, von meiner Karriere, meinen Sponsoren, meinen Freundinnen....

Es beschreibt einfach alles von mir, weil es eine Reihe von Missverständnissen über mich gibt, die ich hoffentlich damit richtig stellen kann. Wenn dir das Buch nicht gefällt, liegt das an meiner Ghostwriterin, und wenn es dir gefällt, dann liegt das auch an ihr :-)

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Soulboater: Zum Abschluss die Frage, wie geht es weiter? Was planst du in nächster Zeit? Wie lange glaubst du noch so extrem Kajak fahren zu können?

Tao: Ich fahre jetzt schon die Hälfte meines Lebens Kajak und es macht mir immer noch Spass. Ich trainiere viel, habe ein Gym in der Nähe und lebe 10 Minuten von guten Bächen entfernt.

Ich plane noch mindestens 5 Jahre lang professionell Kajak zu fahren, vielleicht sogar 10 Jahre. Zur Zeit gehe ich gerade als States Representative in die Politik, weil ich es müde bin, immer nur bei politischen Entscheidungen zuzuschauen.

Ich möchte lieber selbst aktiv mitgestalten und Lösungen finden. Wenn ich nicht gewählt werden sollte, kann ich mir wenigstens nicht vorwerfen, dass ich es nicht versucht habe.

Ansonsten mache ich noch ein paar andere geschäftliche Sachen. Meine Mutter hat niemals Geld fürs Alter zurückgelegt, sie ist jetzt 65 Jahre alt und ich muss sie bei der Rente unterstützen.

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Soulboater: Wo kommt dein Name Tao her?

Tao: Meine Mutter ist früher viel gereist, sie war aber nie in China und Nepal. Sie hat aber irgendwo den Namen Tao gehört und fand ihn gut. So nannte sie mich Tao. Viele Leute glauben, das wäre mein Künstlername, aber ich heisse wirklich seit meiner Geburt so.

Soulboater: Was sind deine nächsten Reiseziele zum Kajakfahren?

Tao; Ich glaube, als nächstes werde ich in Kolumbien paddeln gehen. Kolumbien ist interessant, weil es dort viele noch nicht befahrene Flüsse gibt und weil das Land politisch instabil ist. Das macht es interessant für mich.

Ich war vor einiger Zeit für die Zeitung Mens`s Journal in Afrika zum Motorradfahren und werde das wohl demnächst noch mal machen. Ich bin schon überall auf der Welt zum Kajakfahren gewesen und ich liebe das, aber manchmal ist es auch ganz schön, irgendwo hin zu fahren ohne zu paddeln. Ich fahre ja sonst schon immer Kajak...

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Soulboater: Du wirst von vielen Unternehmen gesponsert und wirst von ihnen dann auch zu den verschiedensten Events geschickt. Bist du hier an der Ötz privat oder im Auftrag einer Firma?

Tao: Die Firmen sponsern mich als Person, sie haben aber keinen Einfluss auf die Planungen in meinem Kalender. Ich fahre zu den Wildwasserrennen, die mich interessieren, ich werde nicht hierher geschickt.

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Klar gibt es ein paar Pflichtveranstaltungen, aber 90% meiner Zeit bestimme ich selbst. Ich komme gern zu dieser Weltmeisterschaft, ich weiss das es eine wichtige grosse Veranstaltung ist und adidas leistet eine hervorragende Arbeit, das alles hier zu organisieren und ich weiss auch, dass die Wellerbrückenstrecke der Ötz ein sehr anspruchsvolles Wildwasser ist.

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Soulboater: Was machst du im Winter?

Tao: Im Winter gehe ich auch oft paddeln, weil dann bei mir in der Gegend die Flüsse Hochwasser führen. Ansonsten gehe ich noch Skifahren und ab und zu Surfen in Gegenden, wo es warm ist.

Soulboater: Fährst du auch Snowkajak?

Tao: Nicht so viel. Ich habe das mal ausprobiert, sowohl im Tiefschnee wie auch auf der Piste. Es ist ganz lustig im Tiefschnee, aber ich fahre ja nun das ganze Jahr über Kajak, da fahre ich im Schnee lieber auf Skiern.

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Soulboater: Danke für das nette Interview!

Tao: Ich danke euch, eure Fragen fand ich wirklich gut!

Beim Finale der adidas-Sickline WM 2008 wurde Tao Berman Fünfter. Gewonnen wurde das Rennen von dem ehemaligen Slalompaddler Thilo Schmidt aus Deutschland vor dem Neuseeländer Sam Sutton und dem Italiener Michele Ragazza.

Das Interview führten Martina und Jan-Peter

Noch mehr Infos über Tao Berman gibt es auf seiner Website und ihn selbst auch noch "en miniature" als action figure zu kaufen.

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Text und Fotos: Jan-Peter

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