Interview mit Olaf Obsommer

Autor: Martina
12.11.2022
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Schon bevor Olaf Obsommer als erfolgreicher Buchautor und Veranstaltungsredner zum Paddelpromi avancierte, begleitete Soulboater.com ihn schon in seinen Aktivitäten.

Hier ein Interview, das Soulboaterreporterin Martina alias MPE schon zu Beginn diesen Jahrtausends mit ihm führte:

 - "Big-O" Olaf Obsommer tourt zur Zeit mit seinen aktuellen Filmen durch Deutschland und die anliegenden Länder. Soulboaterin Martina traf ihn vor seinem Auftritt bei "Blackfoot" in Köln und interviewte ihn zu Themen, die der Paddlergemeinde gerade auf dem Herzen liegen. Wenn ihr nach diesem Artikel Lust darauf bekommen habt, auch zu Olafs Show zu gehen, findet ihr die aktuellen Tourdaten hier.

Und jetzt beginnt die Wiedergabe des spannenden Live-Interviews:

- Hallo Olaf! Super, daß Du uns ein Interview zu Deinem Film über Pakistan gibst!

Was unterscheidet denn den Indus von den anderen Bächen, die Du bisher schon gefahren bist?

Einmal ist der Fluß im Himalaya, also auf dem asiatischen Kontinent, wo ich bisher noch nicht war. Also Neuland vom Wildwasser her, vom Land, den Leuten, vom kulturellen Erlebnis.
Ist halt auch eine atemberaubende Szenerie, alleine 5 Achttausender, der K2, der nackte Berg Nanga Parbat, der zwar weiter östlich liegt, aber Du paddelst quasi an allen vorbei.
Das Besondere ist, daß es derartig große Flüsse in Europa so gar nicht gibt, bei denen auch dann der Unterschied von der Wassermenge bei Niederwasser zu Normalwasser und Hochwasser so groß ist.

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Im Vergleich zum Sambesi zum Beispiel?

Der ist noch größer. Aber die Höhenunterschiede von Niederwasser zu Hochwasser betragen am Indus auch schon 20 Meter. Zum Beispiel der Wasserfall von Astak, der im Kanumagazin zu sehen ist: Da war der Dave Manby 1990 bei der Erstbefahrung mit dabei. Die haben an dem Wasserfall aufgehört und waren zur gleichen Zeit wie wir dort. Der Dave ist dann noch mit seinem Boot da geblieben und an der Rondu-Schlucht langgereist und da war der Wasserfall weg – nur noch eine Riesenwelle. Das kann man sich gar nicht vorstellen, wenn man es nicht gesehen hat.

Die Steine da sind ja auch Kingsize, wenn man die Bilder im Kanumagazin sieht

Ja, es gibt halt in ganz Europa solche Flüsse nicht, vielleicht in Südamerika oder Nordamerika, aber wenn Du bedenkst, daß er am Ende 40.000 Kubik hat und der Rhein bei viel Wasser glaub ich um 2000...
Also 700 ist eigentlich ein hoher Wasserstand bei den Rheinfällen und in Köln glaub ich 1000.

Ist denn dann der Rheinfall nicht ein Klacks im Vergleich mit dem Indus?

Na, das kann man so nicht sagen. Der Rheinfall baut 23 Höhenmeter auf einer recht kurzen Distanz ab.

Und das gibt es da nicht?

Nee. Der Wasserfall von Astak, den wir umtragen haben, hat ca. 20 Meter, wäre aber total unfahrbar gewesen. Der große Unterschied ist, daß der Rhein sehr breit ist, da streut die Wassermenge unheimlich. Die Befahrungen beim Rheinfall sind alle so zwischen 180 und 230 Kubik gewesen.
Wir hatten auf dem Indus als wir eingestiegen sind 400 und am Ende waren es ungefähr 700...
Fast doppelt so viel wie zu Beginn.
Aber es ist natürlich ein ganz anderes Flußbett. Alles ist einfach größer. Kingsize.

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Ist man denn bei so einem Bach nervöser?

Der entscheidende Unterschied ist eigentlich, daß Du bei Wuchtwasser – grade wenn eine kritische Wassermenge überschritten wird, ab dieser kritischen Wassermenge einfach nicht mehr fahren kannst. Das muß jetzt nicht mal ein Mordskatarakt oder Gefälle sein, denn da bilden sich dann derartige Kehrwasserzonen, da würdest Du gar nicht mehr reinwollen, weil die sich so drehen und du genau weißt, daß es, wenn du kenterst, da unheimlich schwer ist zu rollen und du weißt auch, daß es wenn du aussteigst echt gefährlich wird. Ab da wird die Wassermenge an sich lebensgefährlich.

Ihr hattet ja da so eine Situation mit dem Bernhard (Mauracher)?

Ja, zwei: Der Bernie hat halt eine Stelle...unterschätzt..., nicht richtig angeschaut. Sah auch von oben gar nicht so spektakulär aus...
Das war der 5. Tag in der Rondu-Schlucht, wo der Manuel und ich nicht mitgefahren sind, das war dann eigentlich die Erstbefahrung nach dem Wasserfall, wobei uns – das ist jetzt eine gute Ausrede – klar war, daß wir da nicht durchkommen werden...weil zu dem Zeitpunkt waren es dann 70 km gewesen und wir sind ja schon lang gefahren und wußten halt, was noch für Schwierigkeiten kommen. Uns war ganz klar, daß wir zwei auf keinen Fall weiterkommen werden. Vom Können her.
Gut und die anderen wollten halt auf alle Fälle noch einmal einen Tag versuchen und uns fehlten halt auch die ganzen Aufnahmen von oben, um in die Schlucht reinzuschauen, um auch (für den Film) die Perspektive von oben zu haben.
Da wir uns also schon gedacht haben, daß das der letzte Tag sein wird an dem wir paddeln werden, haben wir dann gesagt ok, wir fahren heute nicht mit und filmen halt ein tolles Team.
Um zum Bernhard zu kommen: Zuerst hatten wir gar nicht großartig gefilmt. Ich stand da oben mit dem Manuel und hab die Kamera einfach laufenlassen, weil ich mittlerweile gelernt hab, daß man die Kamera immer laufenlassen soll..
Im Verhältnis zu den anderen Stellen sah diese unspektakulär aus und daher hab ich mich mit dem Manuel unterhalten und die Kamera lief einfach durch und bei einer Einstellung – das wirst du im Film dann auch sehen – da mußt du beim Schnitt auch ein bißchen tricksen, da meint der Manuel auf einmal:“He, guck mal, der Bernie schwimmt!“ und da mußte ich irgendwie ranzoomen und die Einstellung der Kamera verändern und als wir dann nachher an die Stelle rangegangen sind, haben wir erst gesehen, wie groß die Walze eigentlich war.
Glück für den Bernhard war, daß es nur eine kurze Stelle war, sonst waren die Katarakte immer ein Stückchen länger und daß das ruhige Stück bis zum nächsten Katarakt doch relativ weit war. Er wurde dann mit seinem Kajak an den Rand getrieben.

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War die Situation kritsch?

Nee, nee, auf keinen Fall. Uns war schon klar, daß dahinter die Strömung schwach war, keine Whirlpools, also keine gemeinen Kehrwasserströmungen waren und deswegen war’s nicht ganz so dramatisch. Ich mein, der war schon lange weg.
30 Sekunden oder 20 Sekunden sind ja schon wahnsinnig lange. Das merkst Du ja auch, wenn Du es selber miterlebst in so einer Walze, 20 Sekunden ohne Luft...
Schlimmer war eigentlich der Schwimmer vom Pit. Der zweite Schwimmer. Wir haben dann danach erst mal fünf Kilometer umfahren, weil in den 5 Kilometern drei Stellen waren, die ganz klar nicht fahrbar waren.
Und bevor du die dann aufwendig umträgst – die Stellen waren auch noch canyonmäßig – und die hättest du alle sehr umständlich umtragen müssen und einmal auch noch wieder hochseilen müssen, haben wir dann einfach gesagt ok, wir umfahren diese Kilometer.
Wir sind dann wieder unterhalb eingestiegen und dann ist der Pit ziemlich bald gekentert, war auch eine relativ unspektakuläre Stelle, aber da ging’s halt direkt weiter in einen ganz mächtigen Katarakt.
Der Pit ist aber dann zielstrebig – hat die Situation auch direkt erkannt und hat gewußt was er machen muß – an Land geschwommen.

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Was ja auch nicht so einfach ist bei so einem Bach..

Nee, es wäre auch nicht mehr so viel Zeit gewesen, um lange nachzudenken was zu tun ist. Das sieht man ja oft bei Leuten, die jetzt nicht so viel Routine haben und die kentern. Du mußt die echt anschreien, daß die an Land schwimmen..

...Lachen...

Doch, echt, die treiben da rum und man schreit „Mann, jetzt schwimm endlich!“.
Das ist echt so, weil die von der Situation einfach völlig überfordert sind. Wenn du halt weißt, daß du direkt nach dem Aussteigen mit den Schwimmzügen anfängst, wie’s der Pit auch gemacht hat, dann geht das auch.

Hat er auch alleine geschafft, also ohne security

Ja. Es war halt auch glücklich gelaufen. Er war Letzter, Dirk war schon direkt draußen, um noch einen Wurfsack zu schmeißen, obwohl er dann schon im Kehrwasser war.
Ist ja auch das Problem bei diesem Fluß, für Sicherheit zu sorgen. Wir sind ja immer zu zweit gefahren, um einfach das Risiko zu minimieren. Wenn einer kentert, daß dann immer der Zweite helfen kann – natürlich immer in der Hoffnung, daß nicht beide kentern..

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Genau die Sicherheit. Was hattet ihr denn für Sicherheitsvorkehrungen?

Das war die einzige Sicherheit. Auf diesem Fluß ist mit Wurfsack fast nichts zu machen.

Ja, höchstens mit einem 200m-Wurfsack..

Ja, genau.

Vor allem hatte es auch nach den Bildern keine Stellen, wo man so die standardmäßige Sicherung aufbauen konnte?

Ja, eben, es gab nur ganz wenige Stellen, wo wir das gemacht haben.
Ist ja auch manchmal nicht wirklich sinnvoll. Die meisten Wurfsacksicherungen sind im Wildwasser ja eher für...

die Katz?

Nee, um die Kajakfahrer zu beruhigen und mehr eigentlich nicht, wenn man ehrlich ist.

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Um noch mal auf Pit zurückzukommen. Nach welchen Kriterien suchst Du Dir denn Deine Mitpaddler/Teammitglieder aus?

Da gibt’s nachher einen netten Film drüber. Hab ich extra mal gemacht dieses Jahr.

So einen Eignungstest, wie der AKC das so macht?

Ja, genau.

· Kriterium 1 ist natürlich, wer mir am meisten Geld zahlt
· zum anderen natürlich, wer am mutigsten ist,
· dann mußt du natürlich auch stark sein,
· dann mußt du Style haben,
· Paddeln können,
· Coolness-Faktor brauchst du,
· mußt gruppenfähig sein,
· redegewandt und intelligent.

Oh, und das gibt’s so in dieser Kombination?

Olaf lacht...

Nö, das war natürlich jetzt alles nicht so ernst gemeint. Ist im Film auch nicht so ernst gemeint (Kommentar soulboater: Stimmt), wenn Du das nachher siehst. Nee, wichtig ist halt, daß das Leute sind, die ich kenne. Du kannst nicht so einfach 14 Tage Urlaub machen mit Leuten, die du nicht richtig kennst.

Es sei denn, du paddelst die Ardèche.

Ja gut, klar. Aber auch zwischenmenschlich sollte man auch so halbwegs auf einer Linie sein.
Vor allem muß man ja auch wissen, wie reagieren die anderen in Konflikt- oder Krisensituationen.
Und die Leute, die jetzt dabei waren, kennen sich alle untereinander und haben schon viele Touren zusammen gemacht.
Zum Beispiel mit dem Viktor bin ich schon 1988 gefahren. Aber 1988 war ja auch die Zeit vor Ruhm und Glorie...
Also ich kenne sie alle schon lange, außer Bernhard, der ist unser Jüngster.

Aber der hat sich ja wohl eindeutig qualifiziert durch seine Aktionen...

Jaja, klar.
Dieser kleine Film über die Wunsch-Teammitglieder ist schon teilweise auf Kritik gestoßen. Da wird einem Selbstbeweihräucherung vorgeworfen, das ist immer gefährlich, zumindest bei den Deutschen, aber ich hab das einfach mal gemacht. Einfach weil die Frage oft aufkommt. Geht halt darum, daß sich die Teilnehmer durch Erfahrung qualifizieren.

Apropos typisch Deutsch: Wie stehst du denn zu den Rheinfallbefahrungen? Meine persönliche Meinung dazu ist, daß diese Aktionen super sind. In Deutschland ist so viel verboten, wenn sich jeder an die Verbote halten würde, würde das doch furchtbar langweilig?

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Ja, solche Sachen braucht die Gesellschaft einfach.

Wie sieht das mit dem Vorbild-Gedöns aus? Was hältst du davon? Siehst du dich als Vorbild für alle Nachwuchspaddler?

Nö. Ich denke immer darüber nach, was ich früher für Vorbilder hatte. Beim Vorbild geht’s ja auch eher darum, daß man gut findet, was der macht und daß man das auch machen möchte.
Und ich steh voll hinter der Rheinfallaktion und hinter den Leuten. Find das auch super.

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Das Problem ist ja, die meisten können das gar nicht einschätzen. Die Anzahl an Leuten in Deutschland, die wirklich Ahnung von Wildwasser haben, ist ja verschwindend gering.
Also, wenn du grade die ganzen Wanderfahrer aus Nordrhein-Westfalen siehst...
Ich kenn die ja, ich bin ja hier aufgewachsen...
Die haben ja gar keine Ahnung.
Der Anando, wie heißt er denn jetzt, der Engländer, der ist den Rheinfall mit Handpaddel gefahren..und hat das gut gemacht.
Zu dem Thema Vorbild und daß man die jungen Leute zu erhöhtem Risiko verleitet:
Bin ich der Meinung das stimmt nicht. Man muß das so sehen: Letztendlich mußt du zu so einer Stelle hinkommen, egal ob das jetzt der Rheinfall ist oder der Raumafossen oder andere, kleinere Kaliber, kann ja auch nur die Loisach sein: Du mußt dich ja erst mal trauen! Das ist das Entscheidende.
Und die Entscheidung wird dann nicht getroffen, weil das andere schon gefahren sind.
Scheitern werden vor allem Leute, die Kontrollfreaks sind. Die werden ein bestimmtes Niveau erreichen, aber nie wirklich weit kommen. Natürlich schimpfen die dann immer über die anderen, die sich getraut haben.
Grade beim Rheinfall ist das so, daß das mit der Kontrolle sowieso etwas schwierig wird.
Wenn du da reinfährst, egal, wie du die Linie erwischst, kommt eine Phase, die weitgehend unkontrolliert ist. Da macht man nicht mehr viel. Da sieht man dann schon Leute, die kopfunter, rückwärts oder sonstwie runterfahren.

Also sind die Kontrollfreaks nur neidisch?

Ja, klar.
Das ist beim Klettern ja auch und beim Bouldern. Du mußt Dich irgendwann so frei machen können, daß du auch bereit bist, 3 Meter über der Matte ohne Seil zu hängen oder 10 Meter über dem letzten Haken.
Wenn du das nicht schaffst, auch wenn du technisch genauso gut oder besser kletterst, wirst du die Route nicht schaffen.

Zurück zu Pakistan. Ist das Land für Ottonormalpaddler als Paddelziel geeignet..?

Also...für Ottonormalpaddler...das ist jetzt die Frage, wie man das definiert.
Pakistan, um sich in dem Wildwasser da vergnügen zu können, sollte man schon WW IV-V paddeln können.
Man muß jetzt nicht die Rondu-Schlucht fahren, es gibt z.B. danach noch 400 Kilometer, die wir teilweise auch schon gefahren sind, die nicht ganz so extrem sind. So im IVer-Bereich und wenn du zur richtigen Jahreszeit da bist, dann ist das kein Problem.
Es ist aber etwas schwierig herauszufinden, was die richtige Jahreszeit (also Niedrigwasser) ist, weil es sehr schwierig ist, gute hydrologische Daten zu bekommen. Dann ist das auch schwierig mit dem Wetter: Im November z.B. hast du in den ersten beiden Wochen noch 30 Grad, dann kommt der Kipp-Punkt und Du bist ruckzuck bei 10 – 5 Grad Tagestemperatur.
Bei uns steigt der Wasserstand bei plötzlichen Temperaturanstiegen dann um einen Meter, umgerechnet auf die Verhältnisse in Pakistan

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10 Meter?

Ja, genau. Bestes Beispiel: Der Richard Bangs, der schon 1979 in Pakistan gepaddelt ist, und auch einen Flußführer rausgebracht hat, war sehr viel im November da.
Da hast Du großartige tiefe Schluchten mit Wildwasser IV-V.

Leichter wird es aber nie?

Nee, also es gibt einzelne Abschnitte, aber dafür macht es wegen des Aufwandes keinen Sinn.
Da kannst du vielleicht 10 Kilometer WW III-IV fahren, mußt dafür aber 3.000,- bis 4.000,- EUR ausgeben, da fährt man eher nach Nepal oder nach Chile, wo es auch leichte Abschnitte gibt, als nach Pakistan.
Die Tour macht nur Sinn, wenn du die schweren Abschnitte auch fahren willst.
Du mußt ja auch immer Reserve haben, wenn du sowas machst.
Angenommen, du fährst einfach mal los und es kommt doch eine Ver Stelle, die du fahren mußt..

Schlecht..

Ja, genau, die Gefahr für dich persönlich ist dann viel höher.

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Pakistan ist ja als Land nicht so für seine friedliebende Bevölkerung bekannt, stimmt das so?

Nee, das ist ja wieder typisch für die westliche Medienberichterstattung.

Vorurteile?

Nee, die Berichterstattung stimmt schon, aber das ist ungefähr so, als wenn man jetzt sagen würde, nach Deutschland sollst Du nicht reisen, weil da Banditenbanden sind, Überfälle usw.
Und letztendlich ist das aber nur im Grenzbereich zum Jura so. Auf so einer Breite von ungefähr 50 Kilometer. Und sonst nirgendwo. Das ist da genauso.
Natürlich, aktuell hat sich einiges geändert z.B. durch diese Rote-Moschee-Aktion, deshalb ist jetzt das Militär in die nördlichen Regionen einmarschiert, natürlich auf Druck von Amerika, aber im Grunde sind trotzdem alle Bergexpeditionen da.
All diese Leute, die nach Pakistan kommen, um die Achttausender zu besteigen, die waren alle da. Aber du kommst auch gar nicht in die nördlichen Regionen.
Klar, es ist ein moslemisches Land, du kannst also jetzt nicht mit sechs Frauen dahin reisen und da eine Expedition machen.
Da hast du glaube ich ein Problem. Wenn du als Frau in Pakistan reist, würdest du nicht länger als 3 Tage an einem Ort bleiben.

Warum 3 Tage?

Damit die wissen, daß du auf der Durchreise bist.

???

Auf der Durchreise zu Deinem Mann.

????

Das geht da nicht, daß Du einfach so rumreist.

Ist das verboten?

Nee, aber dann bist du halt Freiwild.
Das Problem da sind die Männer. Die sind so erzogen worden. Wenn du jetzt im Extremfall typisch westlich da rumlaufen würdest, vielleicht noch nabelfrei, ohne Kopftuch und mit körperbetonter Kleidung, sagen die, das macht man nicht.
Frauen sollten dem Mann nicht ihre Reize zeigen.

Paddelklamotten und Neo als Reizwäsche?

Ist so eine Tour ein logistisches Großmanöver? Wie sah das bei euch aus?

Das hielt sich eigentlich in Grenzen. Du hast ja immer die zwei Möglichkeiten:
Du kannst einmal eine „englische“ Expedition machen...

???

Du reist in ein Land, mit relativ wenig Vorbereitung und guckst, daß Du vor Ort alles arrangierst.
Geht auch. Hat schon großartige Expeditionen dieser Art gegeben.
Ist in Pakistan auch kein Problem, z.B. war 1992 Rob Hind dort und ist auch die Rondu-Schlucht gefahren bis zu diesem Wasserfall von Astak. Und der ist halt hingereist, und hat alles vor Ort da erst klargemacht.

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Aber Boot und Paddelausrüstung hatte er schon dabei?

Ja, klar, das nimmst du natürlich mit. Das geht bei Fernreisen schon so, selbst wenn du nach Galizien fährst, könntest du ja dein Boot mitnehmen. Und so ist das in England gang und gäbe, wenn die z.B. ins Durance-Tal fahren, nehmen die alle ihre Boote mit.
Was in Pakistan besonders ist, ist das mit den Genehmigungen, die du brauchst, um in die verschiedenen Regionen zu kommen. Dafür gibt es dann immer so Militärkontrollpunkte. Aber diese Genehmigungen kriegst du auch ohne weiteres.
Du kommst also da an und das erste ist, daß du zum Tourismusministerium gehst. Da legst du dann die Reiseroute offen, was du vorhast und die geben dir dann die Papiere.
Gar kein Problem.
So machen es ja auch die ganzen Motorradreisenden, die in diese ganzen asiatischen Länder reisen.
Der nächste Schritt ist dann, daß du dich um die Logistik kümmern mußt.
Fahrer brauchst du ja, Minimum Auto und Fahrer und eventuell natürlich auch jemanden, der für dich kocht.
Das war dann zum Beispiel für uns der Schritt, daß wir eine Rundumbetreuung hatten, weil unser Ziel unter anderem auch war, einen Film zu produzieren. Und wir hatten natürlich auch ein bißchen selbst aufgebauten finanziellen Druck.
Da hast du dann natürlich nicht soviel Zeit für „Nebensächliches“.
Du mußt auch wegen der örtlichen Verhältnisse (ständig wechselnde Wasserstände z.B.) soviel Zeit sparen wie es geht.
Wenn du jetzt schon filmen und paddeln willst, stell dir vor, du wolltest dich jetzt auch noch abends hinstellen und kochen.
Und es ist ja nicht nur das Kochen. Dort gibt es nicht allzu viele Einkaufsmöglichkeiten. Und wenn, ist es auch oft so, daß das nichts für unsere westlichen Mägen ist.
Wir hatten ja einen ganzen Trupp von Küchenhilfen, die haben eigentlich alles für uns gemacht, aber dann hatten wir da auch noch einen Offizier, der ist wirklich bei der Armee, jedenfalls nennen die den da so, der hat das Ganze noch einmal von oben drauf kontrolliert. Der hat die dann auch immer ermahnt, sie sollen frisches Wasser nehmen, den Salat auch waschen, das hätten die sonst nicht gemacht.
So ein pakistanischer Mann oder Junge wird so erzogen, daß er immer alles darf.
Da ist es also zum Beispiel völlig normal, daß ein Junge ein Glas gegen die Wand schmeißt. Du würdest dem wahrscheinlich die Ohren langziehen, wenn das dein Kind wär, aber da sagt man, nee, das macht man nicht.
Und so lernen die halt, auch wenn sie etwas produzieren wollen – deshalb ist es so schwer, dort etwas zu produzieren – daß es reicht, wenn sie etwas machen, bis sie denken, daß es gut ist.
Für sie ist es dann gut, aber vielleicht nicht für dich...
Aber du mußt halt sehen, daß du bei so einer Tour Probleme möglichst ausschließt und du willst ja nicht unbedingt mit Durchfall auf eine Paddeltour dieser Schwierigkeit gehen. Deshalb haben wir das so gemacht, damit wir das Projekt auch so durchziehen konnten.

Pleiten, Pech und Pannen. Gab es doch sicher, oder?

Eigentlich nicht, muß man wirklich sagen.

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Also ist von A-Z alles gut gegangen?

Von A-Z... Na gut, also eine Sache war „lustig“:
Wir haben da ja auch noch eine Mine besucht. Die bauen in der Rondu-Schlucht Bergkristalle, Rubine, Topase und noch ein paar andere Steine ab. Ist aber auf der anderen Flußseite gewesen und da kommst du nur mit einem Flying Fox hin.
Und der ist sicher 30 Meter über dem Fluß.
Komisches dünnes Stahlseil, Holzstab mit Sitz dran, alles sehr windig und dann wirst du da rübergezogen.
Wir haben halt nachher erst gesehen, daß die Rolle, die oben drauf war, nur noch mit einem dünnen Draht gesichert war. Da hatten sie halt statt eines richtigen Splints nur einen Draht durchgezogen.

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Das war echt alles?

Also sonst war eigentlich nichts. Nichts mit Tieren hatten wir, keinen Steinschlag, war fast unspektakulär kann man schon sagen. Das Erlebnis war natürlich schon spektakulär, aber es ist irgendwie nichts total Verrücktes passiert.

Muß ja auch nicht sein...

Obwohl, es gibt doch noch eine Geschichte: Die Autos da sind natürlich nicht in einem Zustand, wie wir das hier gewohnt sind.
Da ist also auf der Hinfahrt die Bremsleitung gerissen, die vordere. Du hast im Auto ja zwei Bremskreisläufe. Wenn der eine ausfällt, hast du immer noch den anderen.
Die wichtigere vordere Bremsleitung ist also gerissen. Die haben sie dann einfach totgelegt. Die haben einen Nagel, den sie aus einem Schuh herausgezogen haben, in die Leitung reingehämmert und dann war die Leitung tot.
Und die Polizei stand daneben....
Es war schon dunkel, die Polizei hat uns angehalten und mit uns gequatscht, sich alles angesehen und uns weiterfahren lassen.
Oh, und jetzt kommen die ganzen Geschichten: Was Weltklasse war, war in Islamabad das Abschleppen von Autos.

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Wenn Du da also falsch parkst, haben die Gabelstapler, so Industriegabelstapler, mit denen fahren die unter die Autos, fahren die Autos hoch und fahren dann so in die Stadt. Und haben keine Beleuchtung. Wir haben die nachts gesehen...
Da siehst du sie dann mit ihren beladenen Gabelstaplern neben dir stehen...
So ist es da aber überall. So Normen, Sicherheitsstandards und sowas gibt’s da alles nicht.

Habt ihr von solchen Aktionen Fotos gemacht?

Nee, leider nicht, man konnte einfach nicht alles einfangen. Sonst hätte man da permanent mit Kamera auf dem Kopf rumlaufen müssen...
Bei der Sache mit den Gabelstaplern war es einfach zu dunkel und du konntest da auch nicht aussteigen.
Aber das waren auch so die wildesten Geschichten.

Wird es neue Großprojekte von Dir geben, was hast Du als nächstes vor?

Ja klar, das ist mein Job, ich muß ja...
Aber das ist nicht so schlimm..
Ja, wir wollen in 2008 zum Kongo.
Wir wollen die Kongo-Stromschnellen fahren. Der Kongo ist der zweitgrößte Fluß der Welt. Lt. Outside-Magazine (große amerikanische Zeitschrift) ist das so die letzte große Herausforderung im Wildwasserbereich. Wird, glaube ich, schon eine großartige Geschichte. Wir haben schon ein tolles Team zusammen, mit sechs oder sieben verschiedenen Nationen und da freue ich mich schon drauf.

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Apropos Großprojekte: Das adidas-Sickline-Race, das ja 2007 wegen Hochwassers nicht stattfinden konnte, wird 2008 neu starten?

Ja, das haben wir vor. Diesmal 2 Wochen später und wenn es dann wieder nicht klappt, wird es das Rennen aber nie wieder geben. Wir hatten ja eine Versicherung für den Wasserstand...zum Glück war das so, sonst wäre das ganze ein finanzielles Fiasko geworden. Und die Versicherung hat uns den Zuschlag gegeben, weil die sich über einen Jahresbericht über die üblichen Wasserstände informiert hatten. Wir hatten eine Genehmigung bis 1,90 m. Und eine höhere Genehmigung hätte auch keinen Sinn. Auch bei 1,90 m ist die Strecke auch so schon anspruchsvoll. Klar sind Leute die auch schon bei höheren Wasserständen gefahren, aber wir wollten ja ein Rennen durchführen.
Und da mußt du auch Sicherheit gewährleisten und bei 2,15 m kannst Du keine Sicherheit mehr gewährleisten.

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1,90 m ist da schon die äußerste Grenze. Deshalb haben wir gesagt, wir gehen einfach zwei Wochen später, haben ein bißchen das Programm umgestellt, machen es länger, es gibt noch einen Kajak-Cross, das Finale des Kajak-Cross ist auf der Slalomstrecke unterhalb der Wellerbrücke. Es gibt auch offizielles Training mit Sicherheit auf den Strecken jeweils auf der ersten Quali-Strecke und nachher auf der Wellerbrücke, damit alle auch einen fairen Wettkampf haben.

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Das Testival wird es auch wieder geben. Werden es aber ein bißchen umstellen. Wir werden es nicht mehr zu den Preisen von diesem Jahr machen können.

Was meinst Du genau?

Wir hatten Kurse zu 50,- EUR mit Halbpension, das macht keinen Sinn.

Das hört sich wirklich günstig an..

Jaja, schon, ist aber wenig angekommen. Das lag wohl daran, daß die Leute einfach nicht viel lesen.
Wir hatten natürlich schon vorgegeben, daß man sich per E-mail anmelden muß bei mir. Wir wollten nicht, daß plötzlich spontan 50 Leute ankommen und wir hätten gar keine Kursleiter für so viele gehabt. Wenn Du auf der Ötz führst, brauchst Du eigentlich bei einer Fünfergruppe zwei Guides, wo willst Du die dann alle herkriegen.

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Die Resonanz war eigentlich überwältigend von allen Athleten, obwohl das Rennen dann gar nicht stattgefunden hat...
Aber so von dem Rahmenprogramm waren alle eigentlich begeistert.

Es hat ja auch negative Kommentare z.B. in einem österreichischen Kajak-Forum gegeben...

Ja, das sind doch immer wieder die gleichen Leute, und wer die Leute kennt....
Ich antworte mittlerweile in Foren überhaupt nicht mehr. Wenn Du natürlich fragst, wo die Musik aus einem Film herkommt, kriegst Du natürlich schon eine Antwort....
Ich finde das Verhalten der Leute in den Foren echt feige und hinterhältig.
Die würden nie mit einem Menschen so reden, wenn sie ihm gegenüberstehen würden.
Wenn Du so ein Event organisierst, brauchst Du natürlich auch Sponsoren.

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Klar kannst du sagen, daß das konsumorientiert ist, klar ist das auch eine Werbung für die Firmen, die daran beteiligt waren.
Leute, die gegen Kommerz und Konsum sind, können dann natürlich nicht zu so einer Veranstaltung kommen.

Aber genau das Engagement solcher großen Firmen dient doch dazu, gerade die unbekannteren Sparten des Kajaksports bekannter zu machen..

Klar, wir hätten ja sogar schon 10 Minuten im ZDF gehabt. Wir hatten auch schon super Sendezeiten. Ich bin auch davon überzeugt, daß es eine großartige Werbung geworden wäre.
Ist auch ein bißchen verrückt: Beim Fußball regt sich doch auch niemand auf. Da zahlen sie wer weiß wie viele Euros für eine Karte. Oder wenn sie Sportsendungen sehen, regen sie sich ja auch nicht über die Werbeunterbrechung derartig auf.
Man muß halt auch sehen, daß sich so eine Tour wie Pakistan oder wie die geplante Kongo-Tour kaum selbst finanzieren läßt.
Und es sieht dann so aus, daß man am Ende des Jahres immer pleite ist.
Wenn du aber so eine Reise finanziert bekommst, ist sogar am Jahresende mal was übrig..
Ist ja auch mal angenehm was übrig zu haben, als pleite zu sein...
Aber es ist ja immer so, wenn erst mal Geld ins Spiel kommt, kommt sofort Neid und Mißgunst auf, egal, ob das jetzt im Sport ist oder woanders.

So, jetzt die offizielle letzte Frage: Was gibt’s Nettes über Köln zu sagen?

Also, ich war gestern im Kölner Zoo. Hat mir sehr gut gefallen...

Nicht das Schokoladenmuseum??

Nee, das steht noch aus..
Ich will ja eigentlich einen Film über den Rhein machen, von der Quelle bis zur Mündung..

Inklusive Rheinfall?

Nö, der ist ja schon dokumentiert..
Und selber reizt es mich gar nicht mehr so. Bin auch nicht mehr fit genug dafür. Und wenn Du nicht fit genug bist, fehlt Dir auch die mentale Stärke.
Bin auch viel zu sehr abgelenkt durch meine Arbeit. Früher konnte ich mir eine Auszeit nehmen (hab Gehalt angespart und mir dann unbezahlten Urlaub geben lassen), aber heute geht das nicht mehr.
Und wenn du dann nicht mehr richtig abschalten kannst – Du mußt Dich für sowas ja auch richtig fokussieren.

Soulboater: Olaf, vielen Dank für das Interview, wir wünschen Dir viel Erfolg für Deine zukünftigen Projekte und freuen uns schon auf die nächsten Filme!!!!

Das Interview mit Olaf Obsommer führte Martina Pohl-Elser

Bilder : Manuel Arnu, Gustav Duttlinger, Archiv SB, Olaf und Martina

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