Hochwasser auf der Murg – oder: Dumm gelaufen und das Beste draus gemacht

Autor: Max Schreiner
03.12.2007
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 - Es gibt immer wieder Tage, an denen alles stimmt: Wasser, Wetter und die Mitpaddler. Vor 10 Jahren wurde so ein Tag einmal KAVU-Day genannt und es gab sogar ein Video über diese Ausnahmetouren.
Wir möchten euch mit diesen Bildberichten dazu anregen, einmal in euch zu gehen, wann ihr euren letzten richtig schönen Paddeltag hattet. Und wenn ihr Lust habt, auch darüber zu berichten, mailt uns einfach ein paar Zeilen mit euren Eindrücken und sendet uns die passenden Bilder dazu. Wir veröffentlichen es gern. Egal, welcher Schwierigkeitsgrad, egal ob Genusstour einen Fluss hinab oder ein schöner Nachmittag am Playspot. Alles ist willkommen, was unter den Oberbegriff „Soulboating“ fällt, denn nicht von ungefähr trägt diese Website den Namen Soulboater.com.

Max Schreiner war vor ein paar Wochen an der Murg, als dort nach einigen Stunden Dauerregen die Wassermassen ins Tal donnerten und die Paddler begeistert auf dem Bach mit dem Boot unterwegs waren oder schwimmend versuchten, aus der reissenden Strömung doch noch sicher ans Ufer zu kommen.

Hier sind seine Eindrücke von diesem Ausnahmetag:

Hochwasser auf der Murg – oder: Dumm gelaufen und das Beste draus gemacht

Die Murg im Nordschwarzwald läuft bekanntlich nicht sehr oft im Jahr.
Und wenn es vorkommt, dann kann man davon ausgehen das dies - wenn überhaupt - ungünstigerweise auch noch unter der Woche passiert.

Noch unwahrscheinlicher ist es, dass das Murgtal vorhersehbar vor Wasser überläuft, es Wochenende ist und die Außentemperaturen sich nicht jenseits der Null-Grad-Marke bewegen.

Umso schöner, wenn es genau so eintritt…

Der aufmerksame Paddel-Genosse wurde bereits nach längerem Andauern der regnerischen Tiefdruckwetterlage am Ende der Woche unruhig und wurde am Freitag auf der Internetseite der Hochwasser-Vorhersage-Zentrale tatsächlich bestätigt, dass am Sonntag was gehen würde!

Die Wasserstandsvorhersage für die Pegel Murg/Schwarzenberg und Rotenfels zeigte eine stark ansteigende Kurve für Sonntag den 11.11.2007 an und auch bei Soulboater.com gab es bereits den ersten Foreneintrag.

Alles klar, dachte ich mir, dann gleich mal die Kumpels anrufen und sie informieren, dass am Wochenende endlich mal die Murg läuft.
Leider bekam ich am Freitag noch keine Zusage und am Samstagnachmittag stand das Debakel fest:
Aufgrund eines Dachträger- und Winterreifenproblems sowie allgemeiner Unlust auf eine längere Autofahrt kommen weder die Kumpels, noch die zu Hause gelagerte Kajakausrüstung in den Schwarzwald.
Dieser Schock musste erst einmal verarbeitet werden.
Naja, jammern bringt nichts und da ich eigentlich selbst schuld war, dass ich keine Ausrüstung vor Ort hatte, entschloss ich mich, mir die Sache zumindest anzusehen und bei dieser Gelegenheit auch die Strecke des Hundsbaches (Raumünzach) abzugehen.

Bereits am Samstag war die Wassersituation für Sonntag vorauszusehen.
Nach bereits längeren Regen- und Schneeschauern hatte es in Freudenstadt bis Samstagmorgen 30cm Neuschnee gegeben, bei einem Temperaturanstieg von -2°C auf +5°C von Samstag auf Sonntag und gleichzeitig starken, anhaltenden Regenfällen bis in den Sonntag.

Die Gleichung is so simpel wie genial:
30cm feuchter Neuschnee + warmer Regen am Vortag = enormer  Wasserstand!

Dass es auf der Mittleren Murg zum späten Abend (20:00) hin ca. 165m3/sec und auf der unteren ca. 300m3/sec werden, konnte jedoch vermutlich niemand erwarten.

Um 15Uhr in Kirschbaumvasen angekommen, lies sich die Situation bereits ersehen. Brüllende Wassermassen über alle Schütze brechen in das Tosbecken.


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Staumauer Kirchbaumvasen bei knapp 100m3/s

Dann wieder ab in Richtung Raumünzach und zwischendrin noch an ein paar geeigneten Stellen in den Bach schauen…
Schnell war klar das diese Verhältnisse nichts mehr mit einem normalen Wasserstand auf der Murg zu tun haben.
Wie immer kommt das Gefälle und die Wucht auf Photos meist nicht so spektakulär rüber wie in der ersten Reihe, aber die Größe der Walzen und Löcher von der Straße aus in Relation zur Flussbreite ließen den klaren Schluss zu:
Wer die Murg kennt und sicher im Sattel sitzt, wird heute seinen Spass haben!

Die Stimmung an diesem Tag war Murg-typisch: Immer wieder einsetzende, starke Regenschauer und Außentemperaturen knapp über Null Grad.
Die gesamte Atmosphäre war geprägt von Dunst und Nebel, der von den rauschenden Wassermassen emporstieg …
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Angekommen in Raumünzach erst mal auf die Murgbrücke mit Blick auf die Raumünzachstufe.

Im Vergleich hierzu ein Bild aus der Flussbeschreibung der Mittleren Murg bei MW (2. Bild):
Gleiche Stelle, gleiche Brücke – hier wird der Unterschied richtig deutlich!
Man beachte beiden Bäume am linken Bildrand, hier stehen diese bereits im Wasser, unten ragen stehen sie schätzungsweise knapp 2m oberhalb der Wasseroberfläche …


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Mann, ich könnt mich echt in den Ar.... beißen, ein Riesen-Wasserstand und keine Ausrüstung..

Naja, however, weiter gings zum Hundsbach ---

Sofort war zu erkennen, das auch der Hundsbach einen sehr guten Wasserstand hatte,
so etwas lässt sich nur immer schwer abschätzen, aber ich denke schon das es ca. 10m3/sek waren.

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Im oberen Teil der Strecke des Unteren Hundsbaches (Raumünzach)

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kurz vor der Schwarzenbachmündung

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im Kernstück an der Schwarzenbachmündung (Eingangsstufe)


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An der Schwarzenbachmündung

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An der Schwarzenbachmündung

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An der Schwarzenbachmündung


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Kernstück am Steinbruch


Bei diesem Wasserstand ist der Hundsbach eine wirkliche BANK,
auch die Paddler die ich dort getroffen habe, hatten im letzten Kernstück am Steinbruch kapituliert! - Bei diesem Gefälle und einer bereits erheblichen Wasserwucht war das für mich durchaus verständlich *g*

Dann um 17:00 nochmals ein kurzer Blick auf die Raumünzachstufe, an der man erkennen konnte, dass das Wasser nochmals ein Stück gestiegen ist!
Die Walze auf dem 5. Photo war nun nur noch eine brechende Welle...

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Raumünzachstufe um 17:00h, ca. 115m3/s ?!

Scheinbar hatte es an diesem Tag auch einige Schwimmer sowohl auf der Mittleren, als auch auf der Unteren Murg gegeben. Zum Glück ist alles glimpflich ausgegangen, selbst die verlorene Ausrüstung wurde zumeist am Stausee in Forbach wieder herausgefischt…

Ob so etwas nun an mangelnder Einschätzung des eigenen Könnens, Unwissenheit über die Schwierigkeiten des Flusses passiert ist, oder ob es einfach mal dumm gelaufen ist :
(wenn man einfach extrem von einer rückläufigen Walze aufgemischt wird kann das jedem mal passieren.. *g*)

Jedem sollte klar sein, dass jeder schwere Fluss, der enormes Hochwasser führt, sicherlich Spaß bringt, jedoch kann daraus auch schnell bitterer Ernst werden …
Umso erfreulicher, dass alles ein gutes Ende genommen hat!

Fürs nächste mal kann ich nur hoffen, dass meine Leute aus Bayern + Ausrüstung zu mir kommen, damit auch WIR mal in den Genuss dieses Schwarzwaldklassikers kommen !!

Bis dahin viel Spaß beim Bootfahren,
Grüße

Max


P.S.:

Für alle Erdkunde und Metrologie-Begeisterten die genauen Umstände, die eine derartige Wasserführung verursacht haben: 
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Schneehöhe Freudenstadt (801m), SA 10.11.2007, 13:00 MEZ:  31cm
72h Niederschlag Freudenstadt (801m), SO 11.11.2007  bis 07:00 MEZ: 108mm

 

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Verwendete Wetter- und Pegeldaten:
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- WetterOnline.de
Hochwasser-Vorhersage-Zentrale Baden-Württemberg
http://www.hvz.baden-wuerttemberg.de/

Text und Photos: Max Schreiner

Layout und Bearbeitung: Jan-Peter

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