Interview mit Jens (Jensen) Klatt - Teil 1

Autor: Martina
19.11.2008
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 - Auf der Rückfahrt von Lienz nach NRW stolperte soulboater-Reporterin Martina ganz zufällig über eine der schillerndsten Figuren des Kajaksports: Jensen alias Jens Klatt.
Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Jensen nahm sich eine Auszeit von einer Hochzeitsfete, um mir ganz exklusiv für Soulboater.com dieses Interview zu geben…  ;o))

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 - Wir trafen uns in Rosenheim in einem hervorragend gemütlichen Café und beim Schlürfen von koffeinhaltigen Getränken fragte ich ihn dann Löcher in den Bauch:

Martina: Hallo Jensen, supernett, dass du uns zuliebe das Hochzeitsessen und -trinken unterbrochen hast. Man hört ja gar nichts mehr von Dir in Sachen spektakulärer Cartwheel-Aktionen auf internationalen Sturzbächen! Bist du etwa – was wir nicht hoffen wollen – ins Lager der gemäßigten Paddler gewechselt?

Jensen: Lacht. Schöne Frage! Könnte man fast so sagen, ja. Zum einen komme ich nicht mehr so viel zum paddeln, weil ich mich letztes Jahr selbständig gemacht habe und mich ein bisschen um meine kleine Firma kümmern muss.

Also Fotografieren, ein bisschen Schreiben, Grafik-Jobs und so weiter. Gerade für das La Ola Sportcamp habe ich viel gemacht und dadurch kam ich halt nicht mehr so dazu. Will heißen, wenn du wegen zuviel Arbeit nicht mehr viel paddelst, musst du es dir auch nicht mehr so doll besorgen. Das passt schon.

Auch wenn ich jetzt nicht mehr so viel Zeit auf dem Wasser verbringe, nehme ich die Zeit, die ich dann auf dem Wasser verbringe, viel intensiver wahr. In meinen besten Zeiten hatte ich im Jahr so 200 Paddeltage, hatte zusätzlich den Druck zu fotografieren und das hat mir auch ein bisschen die Motivation genommen.

Deswegen war dieser Wechsel jetzt auch für mich nicht so schlimm. Drei, vier Jahre Vollgas und jetzt ist es auch ok ein bisschen runterzukommen. Ich war die letzten Jahre eigentlich auch mehr Skifahren als paddeln.

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Martina: Naja, hat ja noch ein bisschen mit Paddeln zu tun – Bewegung halt auf gefrorenem Wasser… aber Snowkajak ist nicht angesagt?

Jensen: Nee, das hab ich immer nur fotografiert – das können die anderen machen...(grinst).

Nee, ich fahre richtig Ski. Alpin-Freeride. Ich finde den Sport tatsächlich auch ein bisschen paddelnah. Man ist draußen im in den Bergen und hat die ganze Ausrüstung inkl. Sicherheitsausrüstung dabei. Freeride-Skifahren ist ebenso ein Gruppensport wie Wildwasserfahren, man muss sich auf seine Begleiter verlassen können.

Dies alles zusammen hat eine ähnliche Dynamik, das Abenteuer ist für mich das Gleiche. Man brauch ja immer ein wenig Abwechslung, und nur vom Paddeln ist ja bekanntlich noch keiner schlauer geworden.

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Martina: Skifahren dann genauso „extrem“ wie vorher paddeln?

Jensen: Jein. Also schon sehr alpines Gelände, aber ich muss es mir jetzt auch nicht so richtig geben. Also 5-Meter-Cliffs reichen mir beim Springen.

Ich bin viel mit dem Matze Brustmann und Olli und Ingrid unterwegs. Matze fährt übrigens auch so Ski wie er paddelt – ähnlich steil.

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In diesen Fällen bin ich dann auch mehr der Fotograf…

Martina: Alles klar, können wir uns vorstellen... Er hat sich bei seinem Ausgleichssport aber noch keine Knochen gebrochen?

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Jensen: Nee, der hat den Papst in der Tasche.. und hat sich dabei auch noch nie wirklich wehgetan.

Martina: Wie sieht das bei Dir aus? Hast Du irgendwelche Folgeschäden durch Deine früheren Extremaktionen davongetragen?

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Jensen: Man merkt’s definitiv am Rücken. Ich bin schwere und spektakuläre Sachen nur gefahren, wenn ich mir meiner Sache sehr sicher war und wenn ich meine Linie gesehen hab. Deswegen habe ich mich - glaube ich - auch nie verletzt. Natürlich, wenn man längere Zeit schweres alpines Wildwasser fährt, hat man schon mal Steinkontakt oder du musst 5, 6 Meter flach landen. Das rumst dann schon. Auch die ganzen Freewheel-Sachen, das geht schon auf die Dauer massiv ins Kreuz.


Mal den Ellenbogen dick hauen, dass passiert schon mal. Aber so richtig was getan, hab ich mir nie. Was viel schlimmer für meinen Rücken ist, ist das viele Am-Schreibtisch-Sitzen….. 

Nee, echt! Es ist die Kombination: Viel paddeln, viel am Schreibtisch sitzen, viel Auto fahren – das ist alles gaaanz schlecht für den Rücken. Aber ich muss sagen, in den letzten Jahren ist es besser geworden – hab mir jetzt auch einen neuen, besseren Bürostuhl gekauft… ha ha.

Martina: Du hast verlauten lassen, daß Du an der Salza! paddeln warst. Was war das denn für ein Einsatz?

Jensen: Das war eine Mischung aus Job und Urlaub. Früher war ich fast immer auf Wasserfällen unterwegs und ich hab die Kamera nur ausgepackt, wenn irgendwas Spektakuläres zu fotografieren war. Solche Sachen kann man aber nur schlecht verkaufen – wenn man es rein wirtschaftlich betrachtet. Dafür ist der Kajakmarkt zu klein und es gibt zu wenig Magazine.

Außerdem fotografiert jeder, der Wildwasser paddelt, seine Heldentaten. Und jeder schickt seine Fotos dann zum Kanumagazin. Jeder schickt seine Loops zum Kanumagazin. Was aber nur wenige zum Kanumagazin schicken – zumindest nicht in einer ordentlichen Qualität – sind Bilder und Berichte z.B von einem Normalo-Bach wie der Salza.

Paddler, die da hin fahren, fahren da nicht hin um Fotos von  sich zu machen – die wollen da entspannt paddeln gehen.

Die ganzen Wildwassercracks, die halt auf Wildwasser V und darüber unterwegs sind, die fotografieren alle selber. Aber das ist eigentlich für das Kanumagazin gar nicht so interessant.

Denn Leute, die so was machen, sind weniger als 5 % der Wildwasserpaddler. Und Wildwasserpaddler wiederum sind wieder nur etwa 20 % der gesamten Paddler.

Deswegen sagen die vom Kanumagazin zu mir: “Jens, wenn du uns Artikel bringst von Wildwasser III, schön fotografiert, bringen wir das sofort.“ Deswegen fahre ich jetzt auch gezielter mal an Bäche wie die Salza. Vornehmlich zum Urlaub machen, aber die Kamera ist dann schon dabei.


Es ist schon ein Unterschied, ob du nur für dich paddelst oder die Kamera dabei hast. Denn das, was auf den Bildern so schön rüberkommt, ist schon richtig Arbeit. Stellen zweimal fahren und warten im Kehrwasser bis die Kamera steht, das ist Alltag. Darauf haben Normalpaddler wenig Lust.

Und die meisten von meinen Kumpels wollen Wildwasser V paddeln, nicht Wildwasser III. Es ist nicht immer leicht, passende Models zu finden. Über Spaßpaddeln geht das schon manchmal hinaus. Da muss man dann fiese Tricks anwenden, beispielsweise aufstrebende Kajaktalente zum Sponsoring verhelfen und dann sagen: “Jungs, dafür müsst ihr mit zur Salza kommen und modeln .

Martina: Also gezieltes Posen beim Kajakfahren…??

Jensen: Ja, schon. Gute Bilder muss man in Szene setzen, die fallen nicht immer vom Himmel. Dann die ganzen Kleinigkeiten, von der intakten Paddelausrüstung über passende Farben bis hin zum Boofschlag auf der richtigen Seite. Man merkt das auch bei Leuten, die schon viel für die Kamera gemacht haben. Die kennen schon die Kleinigkeiten, z.B. dass man den Boof-Schlag länger hält und sein Gesicht nicht bedeckt.

Gute Fotos entstehen nur in enger Zusammenarbeit zwischen Fotograf und Paddler. Ich sag, was ich an welcher Stelle haben will, z.B. an dieser Stelle hätte ich gerne einen Links-Boof

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oder an einer anderen Stelle einen Rechts-Boof, und frage ob sie das umsetzen können. Wir sprechen genau ab, welche Linie sie fahren wollen, damit ich die Bilder genau planen kann.

An der Salza ist das natürlich nicht ganz so schlimm, aber gerade, wenn ich mit den adidas-Leuten unterwegs bin, wird da schon sehr professionell gearbeitet. Beim „Ticket to Norway“ waren 3, 4 fette Kameras dabei, Tonleute, Regisseur etc. Bis das ganze Equipment steht und jeder auf seinem Posten ist, vergeht schon einige Zeit.

Dann muss jeder ein paar Mal fahren, weil es beim ersten Mal nicht hundertprozentig perfekt war. Da schafft man auf dem Bach gerade mal einen Kilometer am Tag.. mehr geht nicht.

Martina: Wie sieht denn Dein Schwerpunkt bei der Wildwasserfotografie aus, liegt der beim Fotografieren von „leichterem“ Wildwasser?

Jensen: Das ist für mich so ein Zwiespalt. Ich habe angefangen mit der Fotografiererei mit schwerem Wildwasser, immer auf der Suche nach dem perfekten Wasserfall. Wenn man dann seine besten Bilder vielleicht an Kalender los wird, dann ist dann aber trotzdem nicht so viel Geld.

Du bekommst für so ein Bild im Kanumagazin-Kalender ca. 200,- EUR, beim DKV sind es 100,- EUR. Davon zahlst du noch Steuern und so weiter, dann hab ich netto gerade das Spritgeld raus für den Weg zum Bach.

Meine Leidenschaft ist schon immer noch dieser sportliche Aspekt, also das schwere Wildwasser, aber um auch von der ganzen Sache leben zu können, muss man eben auch Wanderpaddeln ablichten. Denn da fotografieren nur ganz wenige. Die ganzen Poser (is nicht böse gemeint, ich bin ja auch einer.. ), die paddeln nur schweres Wildwasser.

Martina: Klar, die wollen so was wie die Sülz bei Köln nicht fahren…

Jensen: Ja, nur das ist aber das, was die Leute vom Kanumagazin interessiert, das „Tagesgeschäft“. Aus diesem Bereich rekrutiert sich die Mehrheit der Leser.

Die Wildwassercracks brauchen eh kein Kanumagazin, die kennen sich alle untereinander und tauschen gegenseitig die Infos aus.

Auch so ein Norwegenbuch, wie ich es gemacht habe, ist finanziell eigentlich eher dämlich. Die Zeit, die ich da rein gesteckt habe, hätte ich aus wirtschaftlicher Sicht definitiv besser mit etwas anderem verbringen können. So etwas läuft bei meinem Steuerberater unter Liebhaberei...

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Martina: Wie umfangreich ist deine Fotoausrüstung?

Jensen: Zwei Kameras, vier Festbrennweiten, ein Telezoom, Blitzanlage, Stative, Fernauslöser, Reflektoren. Auf dem Bach natürlich so wenig wie möglich. Da nehme ich eigentlich nur ein Tele und ein Weitwinkel mit. Und natürlich ne Kamera…

Martina: Digitale Spiegelreflex..

Jensen: Klar.

Martina: Wie transportierst du das alles?

Jensen: Pelicase. 1400er.

Martina: Das ist die Große, das heißt du musst auch mit den entsprechenden Booten rumfahren, in die das Ding auch noch reinpasst?

Jensen: Ja. Früher hat die Pelicase hinter dem Sitz unter den Süllrand gepasst. Das Ding hab ich dann hinter mir festgeklebt, damit es nicht herumfliegt und gleichzeitig noch relativ nah am Körper ist.

Dadurch ist das vom Gewicht her nicht ganz so schlimm. Die drei Kilo zusätzlich merkst du beim Paddeln, sobald die ihre Position verändern, nach hinten wandern oder von rechts nach links rutschen.

Die neueren Creekboote haben alle tiefer gezogene Süllränder, da sich Leute im Rücken wehgetan haben. Somit ist es für Fotografen schwieriger geworden ist, die Ausrüstung zu verstauen.

Deshalb nehme ich die Ausrüstung in letzter Zeit meist zwischen die Beine. Natürlich abhängig vom Schwierigkeitsgrad. Bis Wildwasser IV ist das nicht so das Problem – ja ja ich weiß, das entspricht nicht den aktuellen Sicherheitsstandards und bla bla.

Was soll man machen? Ne Beschwerde an den DKV schreiben? Bei allem was drüber ist, steige ich aus - wenn’s geht - und bringe die Ausrüstung zu Fuß runter. Das Ganze zwischen den Füßen zu haben ist schon nicht so schön.

Wenn ich meinen Mafia von DragoRossi fahre, den mit der Luke hinten, kann ich die Kamera dort verstauen. Nachteil: Sie ist vom Gewicht relativ weit hinten. Das merkst du ganz klar beim Fahren.


Bei Produktionen wie dem „Ticket to Norway“ beispielsweise steige ich fast gar nicht ins Boot. Da renne ich am Ufer rum. Ich bin schon mehr vom Paddler, der auch fotografiert, zum Fotografen mutiert, der am Ufer lang läuft und die ganze Ausrüstung mit sich rumschleppt (Stativ, Blitz usw.).

Martina: Welchen Wert erreicht denn die ganze Ausrüstung?

Jensen: So 10.000,-  bis 12.000,- EUR kommen da schon zusammen.

Martina: Welche Objektive hast du da zum Beispiel?

Jensen: Meine Lieblinge sind das 2,8/70-200mm L mit Bildstabilisator von Canon und mein 10mm-Fishauge von Sigma.

Martina: Kein 300er?

Jensen: Ich hab eins, aber ich bin gar nicht so der Tele-Fan. Ich finde es schöner, wenn man auch was von der Umgebung des Paddlers sieht. Die meisten Fotografen (hab ich eigentlich früher auch so gemacht) nehmen einfach das Tele halten drauf.

Wenn du aber schon 10.000 Close-ups hast, merkst du irgendwann, dass alle gleich aussehen. Man sieht auch gar nicht, ob das in Norwegen, Kalifornien oder auf Korsika aufgenommen wurde. Dann kommst du auf den Trichter auch mal die umgebende Landschaft mit in Szene zu setzen.

Martina: Es wird etwas langweilig, wenn du so ein Kalenderbild hast, wo du einen Monat lang auf einen Paddler starrst, der gerade über eine Stufe booft…

Jensen: Ja, deswegen hat sich auch meine Fotografie so ein bisschen geändert. Früher hab ich auch viel mehr mit dem 300er gemacht. Und jetzt schon ewig nicht mehr.

Außerdem: Dadurch dass sich die Technik bei der Umstellung auf Digital verändert hat, also die Chips im Gegensatz zum Dia kleiner geworden sind (nein, ich habe keine Vollformat), hat sich die Brennweite eh verändert. Was früher ein 200er war, ist ja quasi bei einem kleineren Chip ein 300er.

Martina: Was hast du denn für ein Kameragehäuse?

Jensen: Hab mir gerade die Canon 50d gekauft, vorher die 20d.

Martina: Hast du schon mal ne Kamera versenkt?

Jensen: Eigentlich eher die Objektive. Die müssen dann aufwendig gereinigt werden, bzw. waren hinüber.

Ein Kumpel von mir hat sich letztens ein Objektiv geliehen und ist damit 5 Meter in einen Pool abgestürzt. Wollte halt einen Wasserfall fotografieren und ist ausgerutscht…und tschüß…

Aber zum Glück hatte er eine Haftpflichtversicherung, also war das nicht ganz so schlimm. Was im Dauergebrauch aber viel schlimmer ist für die Ausrüstung sind die ganzen kleinen Erschütterungen.

Objektive haben einen Schneckengang, zum Zoomen und scharfstellen. Wenn der ausnudelt haben die Spiel und das wiederum bedeutet, das Bild sieht im ersten Moment scharf aus, ist aber nur in der Mitte scharf und nach oben und unten hin wird es unscharf. Das passiert bei mir bei den Objektiven auf die Dauer schon.

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Martina: Wieviel kostet denn so ein Tele?

Jensen: 1.800,- EUR.

Martina: Uff..

Jensen: Ja, da willst Du solche Effekte eigentlich nicht…hehe…

Deswegen laufe ich – wenn ich weiß, dass ich viel fotografieren werde – eben eher neben dem Bach her. Und melde mich freiwillig zum shutteln. Wenn ich den Bach kenne, weiß ich ja auch, wo die interessanten Stellen sind und wie lange die Paddler ungefähr brauchen, bis sie an die  Stellen kommen.

Dann laufe ich da hin, baue die Ausrüstung auf und bin damit viel flexibler, als wenn ich selbst im Boot sitze. Es ist wirklich so, dass ich momentan eher ein Fotograf bin, der auch schon mal paddelt als umgekehrt.

Ende Teil 1, Fortsetzung folgt....

Interview: Martina

Fotos: Archiv Jens Klatt, Claus Suchanek, Michi Neumann, Ansgar Linder, Uwe Fischer, Jan-Peter Reichardt

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