Interview mit Jutta Kaiser

Autor: Martina
18.12.2007
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- Soulboater-Reporterin Martina traf sich im November mit der Rodeo-Weltmeisterin Jutta Kaiser zum Waffeln essen in Köln. Jutta war dabei so nett, einige neugierige Fragen zu beantworten:

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Du bist ja die Rodeo-Queen überhaupt, kriegst Du überhaupt noch alle Deine Titel zusammen? Wie wichtig sind diese Titel für Dich?
Jutta:
Also, mit ein bißchen Nachdenken fallen mir alle noch ein.
Alle?
Jutta:
Ja, bestimmt. Natürlich gibt es einige, die wichtiger sind als andere. Und diese stehen dann auch in der Erinnerung mehr im Vordergrund.
Doch insgesamt sind es eher nicht die Titel, sondern vielmehr die vielen positiven Erfahrungen, die sich in den letzten Jahren angesammelt haben, die wirklich wertvoll sind.
Gibt es einen besonders wichtigen Titel in diesem Zusammenhang?
Jutta:
Einige. Der erste Europameistertitel 2004 war wichtig.

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Der erste große Titel! Und danach dann gleich der Weltmeistertitel. Dieser ist im Nachhinein viel wichtiger gewesen, als ich erst gedacht habe.
Als ich die WM gewonnen hatte, in Australien, da war es erstmal „nur“ ein Sieg wie bei anderen Wettkämpfen zuvor. Aber dann kamen die Reaktionen von anderen Paddlern Und so kam das dann langsam, daß ich dachte, „Mensch, du bist wirklich Weltmeister und das ist ein ganz besonderer Titel“.
Vor allen Dingen vielleicht auch, weil das damals noch hauptsächlich ein Männersport war?
Jutta:
Jeder Outdoorsport ist immer eher männerdominiert. Es gibt ganz wenige Sportarten draußen in der Natur, wo man genauso viele Frauen findet wie Männer.
Es sind immer eher die Jungs, die zum Klettern gehen, zum Biken, zum Skifahren und die natürlich auch die wilderen Sachen machen.

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Wobei die Mädels da kräftig aufholen..
Jutta:
Ja, klar, man sieht da schon Entwicklungen. Es ist auch gut für Mädels, sich nicht abschrecken zu lassen, sondern zu sagen, ich mach das einfach genauso! Bloß nicht in irgendwelche Klischees/Rollen abdrängen lassen von wegen: „Mädels machen das nicht in dem Stil“

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Nee, dann gerade!
Jutta:
Ja, aber einfach auch das machen, was einem selber Spaß macht.

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Gibt es Leistungsunterschiede beim Rodeo/Freestyle zwischen Jungs und Mädels?
Jutta:
Ja, natürlich. Wie in vielen anderen Sportarten auch ist das Niveau bei den Herren deutlich höher als bei den Frauen. Die Frauen haben aufgeholt, diejenigen, die heute an der Spitze mitfahren, sind ab und zu auf kleineren Wettkämpfen, wenn in einem gesamten Starterfeld gestartet wird, auch durchaus vorne mit dabei.
Aber wenn man so das Gros anschaut, dann gibt es doch einen großen Leistungsunterschied.
Liegt das mehr an der Kraft oder an der Technik?
Jutta:
Mmmh. Ich denke, da spielen viele Faktoren eine Rolle. Zum einen ist es im Boot oft von Vorteil, mehr Kraft zu haben und da haben die Jungs einfach mehr als die meisten Frauen. Es gibt sehr wenige Mädels, die so richtig stark sind und die gleichzeitig diese Kraft übertragen können, so wie die Jungs das machen. Aber insgesamt ist es glaube ich auch eine Frage der Selektion: Es gibt eben nicht so viele Frauen, die Freestyle paddeln, wie Männer. Damit werden diejenigen, die Wettkampf fahren, aus einem kleineren Pool heraussortiert, als das bei den Männern der Fall ist. Und wenn man unter sehr viel mehr Paddlern diejenigen heraussuchen kann, die an der Spitze stehen, dann bekomme ich damit auch ein höheres Niveau.
Wenn Du bei den Jungs mitfahren würdest, wie würdest Du Dich da einschätzen. Leistungsmäßig?
Jutta:
Das hängt total von der Stelle ab. Manchmal denke ich: Da hättest du locker mitmischen können. Andererseits gibt es aber auch Stellen und Wettkämpfe, wo das Niveau so enorm auseinander klafft, daß man froh sein muß, wenn man bei den Junioren mitfahren könnte....
An Stellen, wo es wichtiger ist, mit ein bißchen mehr Gefühl zu fahren, haben Frauen oft bessere Karten als an Stellen, die sehr kraftbetont sind.

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Also stimmt das, das Mädels technisch begabter sind?
Jutta:
Ich glaube nicht, daß die Mädels technisch begabter sind, als die Jungs. Aber es gibt keinen Grund, technisch schlechter zu sein. Die Technik kannst du genauso gut können, aber...
Die Kraft kannst du nur begrenzt aufbauen..
Jutta:
Genau. Und deshalb habe ich eben nur in diesem einen Punkt die Chance, genauso fit zu sein.
Wir hatten ja vor einiger Zeit eine Diskussion bei soulboater über die Bewertung durch die Jury, die parteiisch gewesen sein soll. Ist das ein Problem beim Rodeo/Freestyle?
Jutta:
Ich denke, daß auf den großen Wettkämpfen die verantwortlichen Schiedsrichter darauf achten, daß so fair wie möglich gejudgt wird. Daß es immer wieder mal komische Entscheidungen gibt, liegt einfach daran, daß ich beim Rodeo keine objektiv meßbare Strecke oder Zeit habe, sondern einen subjektiven Eindruck. Und der kann nun mal bei jedem anders sein.
Wie beim Eiskunstlaufen...
Jutta:
Ja, das ist absolut vergleichbar. Eiskunstlaufen, Turnen, das sind  genauso Sportarten wie Kajak-Freestyle, wo es zwar technische Vorgaben gibt, an denen sich die Jury orientiert. Doch innerhalb der Ausführungen unterscheiden sich Athleten. Und dann gibt es da auch noch die Unterschiede in der Wahrnehmung. Da kann man einfach nie davon ausgehen, daß alle Schiedsrichter zum gleichen Ergebnis kommen.
Ein Problem ist beim Rodeo ja auch, dass  alles immer recht schnell geht bei den Läufen.
Jutta:
Ja, für einen Laien ist es völlig unmöglich, die einzelnen Figuren zu erfassen. Da brauche ich schon ein geschultes Auge und Kriterien, an denen man sich orientieren kann. Nicht nur hinzuschauen, sondern auch zu wissen: So muß ein Loop aussehen. Um am Ende sagen zu können: ist es einer oder nicht? Die Schiedsrichter haben diese Kriterien alle im Kopf und können relativ schnell entscheiden. Und schnelle Entscheidung ist wichtig, denn der Paddler hört ja nicht nach einem Trick auf, sondern macht in seinem Lauf bis zu 20 Figuren.
Ingesamt kann man beobachten, daß es zwar selten doch immer mal wieder zweifelhafte Entscheidungen gibt. Doch ich glaube nicht, daß bewußt und im großen Stil Bewertungen und damit Ergebnisse manipuliert werden.
Das hast Du mit Sicherheit auch schon mal gehabt, daß Du Dich benachteiligt gefühlt hast?
Jutta:
Klar, es gab schon mal Fälle wo ich gedacht habe: Warum habe ich denn den Punkt oder den Trick nicht bekommen? Aber nie in einem Bereich, wo ich wirklich sage, ich bin betrogen worden.
Ich denke, man ärgert sich immer vor allem über sich selbst! Weil man seine eigenen Erwartung nicht erfüllt. Und dann sucht man schnell nach Ursachen, die nicht in einem selbst liegen....
Du bist zur Zeit ja immer noch verletzt. Rotatorenmanschette im Eimer. Was ist das??
Jutta:
Ja, ich war an der Schulter verletzt, nachdem ich sie mir zwei Mal ausgekugelt habe.
Wie das?
Jutta:
Beim Trainieren auf die Weltmeisterschaft in Kanada und später dann nochmal in den Lammeröfen, also beim Wildwasserfahren auf dem Bach, ist die rechte Schulter aus dem Gelenk gesprungen. Dabei kann die Gelenkkapsel, bzw. die Sehnenplatte im Schultergelenk reißen. Das Loch, was dadurch entsteht, wird natürlich immer größer durch jede neue Luxation (Anmerkung der soulboater-Redaktion: Auskugeln). Ist die Rotatorenmanschette (diese Sehnenplatte, die mit den dazugehörigen Muskeln dazu dient, die Schulter zu stabilisieren und zu bewegen) erst einmal kaputt, passiert das Auskugeln immer öfter. Und da ist es dann schon sinnvoll, über eine Operation nachzudenken, um die Stabilität im Schultergelenk wiederherzustellen.
Das war also eine heftige OP?
Jutta:
Ja, insgesamt war es schon ein größerer Eingriff. Und jetzt wird es auch noch einige Zeit in Anspruch nehmen, bis alles soweit wieder geheilt ist. Die Operation an sich ist gut gelaufen, aber bis dann die Schulter alles das wieder kann, was sie vorher konnte, dauert es sechs bis neun Monate.
Bis Du auch wieder mental frei bist, die Schulter voll zu beanspruchen...
Jutta:
…. das dauert vermutlich sogar noch ein bisschen länger.
Ist so eine Luxation eigentlich eine typische Verletzung beim Freestyle?
Jutta:
Beim Paddeln können immer für die Schulter ungünstige Belastung auftreten. Das kann auch im Wildwasser passieren, wenn du mit dem Paddel weit hinter dem Körper arbeitest.
Doch Freestyle oder Rodeo-Fahren ist natürlich noch mal extremer in vielen Bereichen. Die Kräfte, die da auftreten, die Winkel, in denen die Arme geführt werden, die Position, in der das Paddel im Wasser ist,…. Viele dieser Faktoren sind noch einmal ungünstiger als beim normalen Wildwasserfahren.

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Vor allem, wenn die Spots heftige Walzen mit großem Wasserdruck sind?
Jutta:
Ja, natürlich. Die Kräfte, die da entstehen, sind einfach manchmal größer, als das, was die Schulter im allgemeinen gerne macht und aushält....

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Welches ist denn für Dich das schwerste Rodeo, von der Location her? War das Kanada, wo Du Dich dann verletzt hast?
Jutta:
Die Welle in Kanada, „Bus-Eater“, gehört wohl zu den anspruchsvollsten Wettkampf-Spots überhaupt. Zum einen muß man sich erst mal an die Dimensionen und an die Geschwindigkeit dieser riesengroßen Welle gewöhnen, zum anderen war aber auch eine riesengroße Walze daneben, in die man nicht unbedingt rein wollte.
Und für die WM wurde es auch dadurch noch einmal anspruchsvoller, dass diejenigen, die dort gestartet sind, nur einen Tag Training auf der Welle hatten.
Das war aber wenig..?
Jutta:
Ja, das lag daran, daß die Veranstalter nicht mehr Wasserzuschuß bekommen haben.
War ja dann ein klarer Vorteil für die Locals, die sich da auskannten...
Jutta:
Natürlich, ganz klar. Bei den Frauen hat dann ja auch die Ruth Gordon gewonnen, die quasi neben der Welle groß geworden ist.
So, damit lag es dann dort gar nicht an der Jury, sondern daran, daß die Locals die Stelle besser kannten...
Jutta:
Klar, irgend jemand hat immer den Heimvorteil. Und die Bus-Eater-Welle in Kanada ist auf jeden  Fall ein sehr anspruchsvoller Spot, an den man sich erstmal gewöhnen muss. Dass geht nicht so schnell…. und wenn dann jede Nation nur eine Stunde Training hat….
WAS?!!
Jutta:
Eine Stunde für 20 Leute...
Na super, 3 Minuten für jeden...muß man sich das so vorstellen, daß die Uhr lief und nach drei Minuten wurde man dann aus der Welle gepfiffen?
Jutta:
Naja, die meisten fallen schon früher raus. Nur wenige können 3 Minuten in der Welle bleiben.
Aber das konnte man dann ja wohl nicht als Training für eine Weltmeisterschaft bezeichnen?
Jutta:
Nein, das waren keine optimalen Bedingungen. Insgesamt gab es bei dieser Weltmeisterschaft viele organisatorische Probleme. Wirklich schade! Alle hatten sich schon darauf gefreut, endlich mal auf einer großen Welle zu paddeln. Und die Kanadier hatten im Vorfeld versprochen, eine ganz tolle Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Vor allem haben sie garantiert, daß sie Wasser haben, auch um diese Jahreszeit. Und dann haben sich viele von den Erwartungen, die da geschürt worden sind, im Endeffekt nicht bestätigt.
Das hat natürlich für viel Unmut und eine nicht so schöne Stimmung dort gesorgt.
Schade
Jutta:
Ja, klar. Die Woche davor waren schon viele da, wollten trainieren, hatten aber kein Wasser. Und dann war es lange nicht klar, wann und wo der Wettkampf überhaupt stattfindet.
Am Ende ist die ganze WM zeitlich zusammengekürzt worden. Für einen Athleten, der sich lange darauf vorbereitet, war das schon eine Enttäuschung.
Und dann hast Du Dich auch noch verletzt...
Jutta:
Ja, das war mein persönliches Pech. Gut vorbereitet angereist und dann gar nicht starten können – ziemliches schade! Doch zumindest hatten die organisatorischen Probleme für mich dann keine weiteren Auswirkungen mehr.
Du bist ja auch Kajaklehrerin und veranstaltest Kurse. Worauf liegt Dein Fokus dabei?
Jutta:
Jeder der Kurse macht, hat seine eigenen Schwerpunkte. Ich versuche vor allem meine Teilnehmern zu vermitteln, daß Paddeln nicht nur bedeutet, sich ins Boot zu setzen und ein bißchen was mit den Armen zu veranstalten. Sondern daß sich ganz viel im Kopf abspielt und daß man selbst sehr viel dazu tun kann, mehr Spaß am Bootfahren zu haben. Ich glaube, das ist die Botschaft, die ich in meinen Kursen vermittle: besser werden, aber sich nicht ständig unter Druck setzen, immer gefährlichere Sachen machen zu müssen. Jeden Paddeltag so gestalten, daß ich mich immer neu herausfordere, aber trotzdem mit viel Spaß und ohne Angst dabei bin.

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Vor allem ohne Angst, das ist gut. Das heißt also, Du machst so richtiges Angstbewältigungstraining?
Jutta:
Ja, ich mache zum Teil Angstbewältigungstraining mit NLP (Neurolinguistisches Programmieren). Hier gibt es viele Möglichkeiten, mit denen man Ängste der Art, wie sie beim Paddeln auftreten können, ganz gut angehen kann.

Spannend. Das habe ich bisher noch von keiner anderen Kanuschule oder Kursanbietern gehört. In der Regel sehen die Kurse ja eher anders aus, in Richtung: Möglichst die nächsthöhere Wildwasserstufe erreichen.
Jutta:
Prinzipiell kommt es immer darauf an, was man will: Will ich mich eher einen Fluß runterguiden lassen, dann wäre z.B. ein Kurs beim Olli Grau super. Will ich eher nur technisch besser werden, dann bin ich in jeder guten Kajakschule, die Kurse anbieten und mir die Technik gezielt beibringen, am besten aufgehoben.
In meinen Kursen ist mir wichtig, daß die Teilnehmer feststellen, welche Aspekte beim Paddeln ihnen Spaß machen und versuche sie zu motivieren, genau diese Sachen dann auch verstärkt und bewusster zu tun.
Und nicht immer nur an das zu denken und darüber zu jammern, was man nicht kann oder was nicht klappt. Damit verdirbt man sich und anderen schnell den Spaß am Paddeln.
Ja, das kenne ich von mir, daß ich öfter schlechte Laune auf dem Bach habe, weil Sachen nicht klappen, weil ich mich manches nicht traue, was ich wohl könnte und auch darüber wieder sauer bin..
Jutta:
Da mußt du dir erst mal klarmachen: Was sind die Dinge, die du machen willst.
Z.B.: Ich sehe eine super Walze/Spielestelle, aber ich fahre nicht rein, weil ich denke, na, das könnte schiefgehen.
Jutta:
Damit, dass es etwas nicht so läuft, wie man gerne möchte, muss man rechnen, wenn man neue Dinge ausprobiert. Doch wichtig ist die Frage: Was sind die Konsequenzen?
Wenn die Walze an diesem Tag gerade am Einstieg ist und man danach noch mehrere Stunden paddeln müßte, dann ist es klar, dass man weniger Lust hat, etwas „Riskantes“ auszuprobieren.
Doch man kann die Ausgangssituation verändern: d.h., an dem Tag fährst du nicht in die Walze, sondern man kommt extra mal an die Stelle, um nur in dieser Walze spielen zu gehen.
Denn dann gibt es das Argument nicht mehr, man wäre danach zu nass, zu kalt, zu kaputt um weiter zu paddeln. Da kannst du dann jederzeit Pause machen und dich aufwärmen.
Mein Konzept basiert darauf, die Situation so zu verändern, dass das, was du machen/lernen willst, im Vordergrund steht.

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Wie machst Du das denn nun in einem Kurs, wenn Du so eine Situation hast?
Jutta:
Die Leute sagen ja immer: Ich will was machen, aber ich tu’s nicht weil....
Da gilt es dann erstmal heraus zu arbeiten, was ist dieses „ich tu’s nicht weil...??? Z.B., weil die Welle dauernd besetzt ist. Das kann man regeln.
Oder „ich tu’s nicht, weil...sich so viele da im Kehrwasser knubbeln“. Dann muß man eben zu einer Zeit an die Stelle fahren, wenn nur wenige da sind, z.B. morgens um acht. Da sage ich dann, ok, laß uns morgen früh aufstehen und dann fahren nur wir zwei an diese Stelle und üben da.
Hört sich super an.
Jutta:
Wichtig ist mir auch, die Teilnehmer in den Kursen zwar zu fordern, doch vor allem in Bereichen, in denen sie sich selbst trauen und wo dann auch ein Lernprozess möglich ist.
Und dann rechtzeitig aufzuhören.
Erfolgserlebnis haben – runter vom Bach.
Nicht dann immer nochmal probieren und nochmal, so nach dem Motto: “Das hat jetzt endlich einmal geklappt, dann muß es auch noch ein zweites, ein drittes, ein zehntes Mal gehen...“
Irgendwann bist du dann platt und dann geht es eben nicht mehr...
Und dann merkt man sich das Nichtklappen...
Jutta:
Genau. Du merkst dir dann: “Mist, die letzten sieben Mal hab ich’s nicht geschafft!“
Taktik: Einfach früher aufhören. Immer nach einem Erfolgserlebnis aufhören. Ich achte im Kurs auch darauf, dass wir zu einem Abschluss kommen, bevor alle völlig mit ihren Kräften am Ende sind. Denn ein Mißerfolg am Ende ist kein gutes Ergebnis für so einen Tag.
Das heißt, Du gestaltest Deine Kurse auch recht flexibel, sagst also nicht fest, heute paddeln wir das und das?
Jutta:
Ich habe keine Standardkurse. Ich habe ein paar Leute, die regelmäßig Kurse buchen und von denen ich genau weiß, auf was für einem Level sie sind, was sie paddeln wollen und die auch genau sagen können, was sie erwarten.
Ansonsten ist das immer wieder anders, natürlich auch abhängig vom Kursgebiet.
Also nicht so wie in den standardmäßig von Kanuschulen angebotenen Kursen? So mit Sicherheitstraining und so? Sowas machst Du dann eher nebenbei?
Jutta:
Von „der Stange“ ist keiner der Kurse, doch das Thema Sicherheit ist fast immer mit dabei. Dazu gibt es spezielle Workshops zu diesem Thema: wie z.B. beim letzten Soca-Testival, wo wir den Schwerpunkt „sichere Ausrüstung“ beleuchtet haben oder beim Sickline-Race im Ötztal, wo ich gemeinsam mit Wolfram Bock den Umgang mit Wurfsack, Seilaufbauten und Reanimation zum Thema gemacht habe.
Aber normalerweise baust Du das in Deine Kurse mit ein?
Jutta:
Ja, grundlegende Dinge gehören mit dazu. Und wenn es wichtig ist für die Teilnehmer, dann kann man auch tiefer in das Thema einsteigen. Doch ob die Grundlagen sitzen, merkt man im Kurs spätestens dann,  wenn einer schwimmt und niemand ihm helfen kann. Das ist natürlich schlecht....
Hehe, ja, so Leute, die den Wurfsack senkrecht in die Luft schmeißen..hehe..
Jutta:
Sowas, genau...
Kursgebiete: Hast Du Standardreviere für Deine Kurse?
Jutta:
Naja, öfter bin ich an der Soca oder an der Saalach, doch ich habe auch schon in Frankreich Kurse gegeben.
Ist das dann auch abhängig vom Niveau der Kursteilnehmer oder von deren Wünschen?
Jutta:
Ja, klar, wenn ich vier, fünf Leute habe, die sagen: Wir wollen einen Kurs machen und unser Level ist halt ungefähr WW III, dann geht es erst einmal darum, ein Revier finden, in dem diese Teilnehmer optimal paddeln können. Wenn sie spezielle Wünsche haben, kann man dann auch individuell etwas ausmachen.
Osttirol ist z.B. ebenfalls ein Supergebiet. Da habe ich auch schon viele Kurse gemacht.
Ha, machst Du da zufällig nächstes Jahr einen Kurs...?
Jutta:
Zufällig nächstes Jahr... na ja, momentan habe ich nur einen an der Soca schon definitiv geplant. Denn im Moment weiß ich noch nicht, ab wann ich wirklich schon wieder fit bin.
Ich habe ja im letzten Jahr fast alle meine Termine absagen müssen. Über den ganzen Sommer verteilt hatte ich Kurse angeboten….
..und mußtest die alle absagen..
Jutta:
Ja, größtenteils. Leider!
Und deine Termine für 2008 haben sich mit Deiner Verletzung quasi ebenfalls erledigt?
Jutta:
Zunächst schaue ich jetzt die nächsten 2-3 Monate, wie meine Reha verläuft. Und sobald ich wieder Pläne machen kann, wird’s Termine auf der homepage www.juttakaiser.de geben.

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Noch ein anderes Thema: Du bist ja nicht nur Paddlerin, sondern kletterst auch. Ich habe z.B. hier in Köln in der Kletterfabrik ein Bild von Dir gesehen...
Jutta:
Wirklich? Ich habe hier in Köln studiert, bin dann jedoch weggezogen, bevor es die Kletterfabrik gab. Aber ich kenne den Gregor Jäger ganz gut, den Betreiber der Halle.
Ansonsten bin ich früher viel im Chimpanzodrome in Frechen geklettert. Während meiner Studienzeit war das damals mein Haupttrainingsziel für schlechte Tage.
Wie oft hast Du da trainiert?
Jutta:
Es gab Zeiten, in denen ich jeden Tag klettern war.
Das heißt, Du warst dann schon im oberen Schwierigkeitsbereich unterwegs?
Jutta:
Mmhh, ich bin so im 9. Schwierigkeitsgrad geklettert. Dazu habe ich auch viele Wettkämpfe gemacht,…
Wow, Wettkämpfe auch?
Jutta:
Ja...
Und das Paddeln hast Du in dieser Zeit sträflich vernachlässigt?
Jutta:
Ja, das war die Studiumszeit und da bin ich tatsächlich zwei, drei Jahre relativ wenig gepaddelt und ganz viel geklettert.
Wie bist Du auf’s Klettern gekommen?
Jutta:
Durch das Studium. Das war damals für mich eine neue Sache: doch als Sportstudent probierst Du viele verschiedene Dinge aus. Freunde von mir haben gesagt, daß sie klettern wollen und da bin ich einfach mal mitgegangen. Und mir hat es von Anfang an viel Spaß gemacht.
Ist ja nicht ungewöhnlich, daß Paddler auch klettern.
Jutta:
Ja, das liegt z.T. daran, daß man in Gegenden, wo man gut paddeln auch gut klettern gehen kann. An der Soca zum Beispiel...
Yep, so hat das bei mir auch angefangen....
Jutta:
...oder Südfrankreich, da ist es einfach gigantisch. Sei es jetzt an der Ardèche oder an der Durance, da gibt es sowohl tolle Flüsse als auch Klettergebiete.
Stimmt, das Durance-Tal ist voller Klettergebiete.
Warum hast Du dann denn aufgehört mit dem Klettern, wenn Dir das so viel Spaß gemacht hat?
Jutta:
Am Ende war es mir zu einseitig. Ich hab teilweise sechzehn Stunden am Tag nichts anderes gemacht, als mich mit Klettern zu beschäftigen. Ich habe meine Diplomarbeit über das Klettern geschrieben, ich hab damals mein Geld mit Klettern verdient, mein Freund war Kletterer und er hat seine Doktorarbeit über das Klettern geschrieben. Wir waren täglich klettern. Dann war ich durch zuviel Training immer mal wieder verletzt an den Fingern, und irgendwann kamen plötzlich alte Freunde wieder, und erzählten, daß sie nach Norwegen zum Paddeln fahren. Und da habe ich dann ein Jahr gehabt, in dem ich wieder mehr im Boot gesessen bin und das war’s dann.

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Und jetzt hast Du ein besseres Timing, so daß Dir das Paddeln nicht auch langweilig wird?
Jutta:
Ich mache jetzt wirklich sehr viel mehr unterschiedliche Dinge, als ich das damals gemacht habe. In den letzten Jahren habe ich zwar sehr viel Zeit in das Paddeln investiert, doch das ändert sich in Zukunft ja vielleicht auch wieder einmal. Zum Beispiel in Richtung „mehr seriöse Arbeit machen“.
„Seriöse Arbeit“ ist für Dich was?
Jutta:
Ich arbeite als selbständiger Trainer für Kommunikation, Teamentwicklung, Verkauf etc. Ich mache Trainings in und mit vielen verschiedenen Firmen in ganz Deutschland.
Seien wir mal wieder unseriös: Was hältst Du denn vom Snow-Kajak? Warst Du da dieses Jahr?
Jutta:
Nein, zu dem Zeitpunkt war ich in Südamerika.

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Wäre Snowkajak was für Dich gewesen?
Jutta:
Ach, ich finde das schon witzig. Wobei ich aber wirklich Angst hätte, mich zu verletzen.
Die Gefahr, sich dabei richtig weh zu tun, schätze ich als recht hoch ein...
Ja, wenn man denkt, daß die da so 15-Meter-Sprünge mit dem Kajak gemacht haben...
Jutta:
Klar, das Landen ist nicht so toll für den Rücken und wenn man da auch noch gemeinsam durch so enge Rinnen fährt...ich glaube schon, daß man die eine oder andere Blessur davon trägt. Zumal die meisten hinterher nicht ehrlich erzählen, was ihnen auch noch länger weh tut...
Vor allem haben sie den Kurs für nächstes Jahr ja auch noch verschärft...
Jutta:
Anscheinend ja. Steiler, schneller..
Autschie...
:o))
Jutta:
Ich finde, das ist schon eine interessante Veranstaltung. Aber zu sagen, ich müßte bei dieser Gelegenheit unbedingt nächstes Jahr das erste Mal wieder ins Boot steigen...das wäre wirklich vermessen. Aber dieses Jahr hätte ich schon Lust gehabt, da mitzumachen. Da war ich eben auch noch nicht verletzt. Durch die Verletzung und die damit verbundenen Schmerzen wird man ein bißchen vorsichtiger.
Im Moment tut mir die Schulter schon weh, wenn ich bloß Leute Schlittenfahren sehe...also gar kein Gedanke daran, mit dem Boot im Schnee herumzurutschen..
..oder zu fliegen..
Jutta:
Klar, das Fliegen tut noch nicht weh, aber das Landen...
;o))
Was macht Dir denn paddelmäßig am meisten Spaß: Rodeo oder Wildwasser?
Jutta:
Ganz klar beides. Ich freue mich im Frühjahr schon, wieder zu meinen Spielstellen zu fahren, Wasserstände auszunutzen, einfach an eine Stelle zu fahren, eine Stunde herumzuspielen und müde und ausgepowert wieder nach Hause zu fahren.
Aber genauso toll finde ich es, mit einer netten Gruppe an die Soca zu fahren. Paddelurlaub zu machen, meine Lieblingsflüsse zu fahren, also momentan wirklich beides.

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A propos Lieblingsfluß: Du hast mal gesagt, der Guil wäre Dein Lieblingsfluß. Ist das immer noch so?
Jutta:
Ja, der Guil gehört nach wie vor zu meinen Favoriten. Er ist ein unheimlich faszinierender Fluß. Nicht riesig, doch er hat so viele unterschiedliche Abschnitte.
Hast Du ein Lieblingsboot beim Freestyle?
Jutta:
Ganz wichtig für mich war mein Triple X. Das war das erste richtige Rodeo-Boot für Mädels. Und in der Folge natürlich mein EZG 42, das Boot in dem ich die WM gewonnen habe.
Du bist ja klein und leicht, da gibt’s ja sowieso immer Probleme ein gescheites Boot zu finden..
Jutta:
Ja, doch beim EZG hat so ziemlich alles genau gepasst.
Wie ist das mit Creekern, was geht da bei kleinen, leichten Paddlern?

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Jutta: Der kleine Diesel ist hier meine erste Wahl. Ich fahre auch den Habitat, der ist aber fast eine Nummer zu groß für mich. Der Diesel 65 paßt besser. Da bin ich quasi schon alles mit gefahren: Südamerika: Chile, Argentinien, ganz anspruchsvolle Geschichten.
Was hältst Du denn von der neuen Sicherheitstendenz in Sachen Boote? Also nicht mehr mit Spielbooten, sondern mit fetten Creekern zu fahren?

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Jutta: Leider war es eine ganze Zeit lang total cool, mit Spielbooten Wildwasser zu fahren. Doch das ändert sich zum Glück gerade wieder ganz massiv. Es ist heutzutage mehr Sicherheitsbewußtsein da. Im Moment stellt man sich eher die Frage: ein kleines Boot mit wenig Volumen – was bringt das im Wildwasser?
Wenn es wirklich schwer wird, dann spiele ich sowieso nicht mehr. Und dann bringt mich so ein Boot in Situationen, die ich eigentlich nicht haben will und womit mein Paddeltag auch nicht sympathischer wird. Also kann ich doch gleich besser mit einem größeren Boot diese Strecken fahren.
Mittlerweile ist es auch wieder schick...
...in einem dicken Schiff zu sitzen...
Jutta:
Ja, eine Zeitlang war das total uncool. Aber das ist heute anders.

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Jutta, wir danken Dir für das Interview und wünschen Dir gute Besserung und alles Gute für 2008!
Martina

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