Mögliche Sperrung einiger norwegischer Flüsse

Autor: Børge Moe
04.06.2006
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Mögliche Sperrung einiger norwegischer Flüsse aufgrund von Parasitenbefall

Kajakfahren auf norwegischen Flüssen erfreut sich wachsender Beliebtheit. Die wilden und anspruchsvollen norwegischen Flüsse ziehen in jedem Sommer zahlreiche Gruppen von Kajakfahrern aus Deutschland, Großbritannien und anderen Ländern an. Der sehr gute neue Norwegenwildwasserführer von Jens Klatt und Olaf Obsommer wird wahrscheinlich dafür sorgen, dass es in den nächsten Jahren sogar noch mehr werden. Allerdings ist das Kajakfahren auf norwegischen Flüssen, wie auch schon die Autoren des Wildwasserführers bemerken, durch einen kleinen Lachsparasiten gefährdet. Dieser Gyrodactylus salaris, kurz Gyro, genannte Parasit hat in mehreren norwegischen Flüssen Lachse befallen und bereits großen Schaden angerichtet. Zu diesen Flüssen zählt auch die legendäre Driva bei Oppdal. Lokalpolitiker in Oppdal erwägen ernsthaft, das Kajakfahren auf der Driva komplett zu verbieten. Die Politiker denken, dass Kajakfahrer und insbesondere ausländische Kajakfahrer den Parasiten weiterverbreiten könnten.

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Es gibt verschiedene Gründe, weshalb Politiker (und Repräsentanten des Angel- und Jagdverbandes) das Kajakfahren auf der Driva verbieten wollen. Wenn wir uns die verschiedenen Argumente betrachten, so klingt zumindest eines von ihnen plausibel. Die Desinfektion der Ausrüstung (Angel- oder Kajakausrüstung) ist eine effektive Methode, um eine Ausbreitung des Gyros zu vermeiden. Anders als im Angelsport existierte bis 2005 weder eine geregeltes System noch eine wirksame Methode, um Kajakausrüstung zu desinfizieren. Diese Tatsache sorgte für eine gewisse Unruhe bei den norwegischen Veterinärbehörden (Mattilsynet), was soweit ging, dass sie kurz davor waren, alle vom Gyro befallenen Flüsse für Kajakfahrer zu sperren. Der Norwegische Kanuverband strengte daraufhin eine Kooperation mit den zuständigen Behörden an und richtete 2005 zusammen mit dem örtlichen Kajakklub eine Desinfektionsstation an der Tankstelle in Oppdal ein. Es wurden Hinweistafeln an den Ein- und Ausstiegen der Driva ausgehängt, welche die Kajakfahrer dazu aufforderten, ihre Ausrüstung bei dieser Station zu desinfizieren. Die Desinfektionsstation besaß alle Voraussetzungen, um erfolgreich arbeiten zu können, woraufhin die Veterinärbehörden entschieden, kein allgemeines Verbot für das Befahren von Gyro-befallenen Flüssen auszusprechen. Das Kajakfahren auf diesen Flüssen und insbesondere die Benutzung der Desinfektionsstationen werden jedoch in den nächsten Jahren unter ständiger Beobachtung stehen. Aus diesem Grund wird der Fortbestand der Befahrungserlaubnis für die Driva davon abhängen, inwieweit die Desinfektionsstationen von den Kajakfahrern nach dem Paddeln genutzt werden.

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Kajakfahrer, welche die Driva und seinen Zufluss Grøvu, die Vefsna, Rauma oder Lærdalselva befahren, müssen deshalb unbedingt die auf den Hinweistafeln stehenden Anweisungen befolgen und nach Beendigung einer Paddeltour auf direktem Weg zur nächstgelegenen Desinfektionsstation fahren. Die Desinfektion schützt die Flüsse vor der Ausbreitung des Gyros und verhindert zugleich ein Befahrungsverbot. 

Autor:
Børge Moe, Berater des Norwegischen Kanuverbandes

Kontakt:
Norwegischer Kanuverband: www.padling.no  (email: SvenN.Anderssen@nif.idrett.no)
Oppdal Kayak-Club: www.oppdalkajakklubb.no (email: trygve@vpg.no)

Einige Fakten:

Was ist der Gyro?
Der Gyro (Gyrodactylus salaris) ist ein kleiner Parasit (etwa 0,5 mm lang), der sich an die Haut des Lachses heftet. Der Parasit führt zu einer hohen Sterblichkeitsrate bei den Fischen und richtet große substanzielle Schäden in der Lachspopulation an. Der Gyro wurde Anfang der 70er-Jahre von schwedischen Lachsen eingeschleppt, die von den Naturschutzbehörden nach Norwegen eingeführt wurden, um die in einigen Flüssen durch die Wasserkraft verursachten Schäden auszugleichen. Seit seiner Einschleppung hat sich der Gyro in weiteren Lachsflüssen ausgebreitet. Die Ausbreitung kam durch die Wanderung von Lachsen aus befallenen Flüssen durch das Brackwasser der Fjorde in benachbarte Flüsse zustande. Es könnte jedoch auch andere Gründe für die Ausbreitung gegeben haben. So könnten Angler und Kajakfahrer unfreiwillig dazu beigetragen haben, dass der Parasit in neue Flüsse gelangte. Der Gyro könnte sich möglicherweise im Wasser auf der Angel- oder Kajakausrüstung befunden haben und bei einer erneuten Benutzung der Ausrüstung ins Wasser der nicht befallenen Flüsse gekommen sein. Obwohl das Risiko, den Gyro mit Kajakfahren zu verbreiten, gering ist, sind die Konsequenzen fatal. Neben einer negativen Beeinflussung der Lachspopulation stehen die ökonomischen Folgen. Aus diesem Grund ist die Desinfektion der Ausrüstung notwendig, um die Ausbreitung des Gyros zu verhindern.       

Wie wird desinfiziert?
An den Desinfektionsstationen (Tankstellen oder andere Orte) wird eine Desinfektionsflüssigkeit (Virkon-S) verwendet, um alle Parasiten zu töten, die sich möglicherweise im Wasser auf der nassen Ausrüstung befinden. Sprühe die Flüssigkeit auf die Innen- und Außenseite deines Kajaks und auf die übrigen nassen Ausrüstungsteile (inkl. Spritzdecken und Jacken). Warte anschließend ungefähr 10 Minuten, bevor du alles gründlich mit Wasser abwäschst. Frage an der Desinfektionsstation nach Latex oder Kunststoffhandschuhen, weil die Flüssigkeit leicht Hautirritationen hervorrufen kann. Falls die Flüssigkeit aus Versehen in die Augen kommen sollte, spüle sie mit sauberem Wasser aus und suche einen Arzt auf. Das Desinfizieren kostet an der Tankstelle in Oppdal etwa 3,50 Euro. Dies ist der Preis, den wir zahlen müssen, wenn es uns weiterhin erlaubt bleiben soll, die Driva und andere Lachsflüsse zu befahren.

Bis 2005 wurde vom Norwegischen Kanuverband die „Selbstdesinfektion“ mit einer verdünnten Chlorlösung empfohlen. Chlor ist genauso wirksam wie die Flüssigkeit an den Desinfektionsstationen. Allerdings bietet die „Selbstdesinfektion“ keine Möglichkeit, der Öffentlichkeit zu demonstrieren, dass Kajakfahrer ihre Ausrüstung desinfizieren. Deshalb sollten auf jeden Fall die Desinfektionsstationen benutzt werden!   

Welche Flüsse in Norwegen sind vom Gyro befallen?
Der bei weitem größte Teil der norwegischen Flüsse, die von Kajafahrern genutzt werden, ist nicht befallen. Es können nur Flüsse, in denen Lachse leben, befallen werden. Im Moment sind insgesamt 20 Lachsflüsse in Norwegen betroffen. Von diesen Flüssen werden nur die Driva, Vefsna, Rauma und Lærdalselva von Kajakfahrern genutzt. Auf diesen Flüssen sind nur die Abschnitte, in denen Lachse leben, befallen. Alle Zubringer, die in diese Flussabschnitte münden, sind in der Regel ebenfalls betroffen (z.B. der Drivazubringer Grøvu). Lachse können keine hohen Wasserfälle überwinden. Daher sind die oberen Abschnitte der Driva, Vefsna, Rauma und Lærdalselva nicht befallen.     

Übersetzung: Nils Kagel

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