Kajakunfall auf der Loisach

Autor: Jan-Peter
10.10.2022
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Persönliche Gedanken zum Kajakunfall auf der Loisach

Am vergangenen Montag 03.10.2022, Feiertag in Deutschland und damit ideal für einen Kurzurlaub zusammen mit den vorherigen Wochenendtagen, kam es auf der Loisach bei gutem Wasserstand nach dem nächtlichen Starkregen ungefähr 200 Meter oberhalb des Doms zur Kenterung eines erfahrenen Wildwasserpaddlers, der beim anschließenden Schwimmer unglücklich in einem unter Wasser befindlichen Baum hängen blieb und auch durch sofort eingeleitete Kameradenhilfe nicht gerettet werden konnte.

Die unverzüglich zu Hilfe gerufenen Retter vom Bayerischen Roten Kreuz, auf Wildwasser spezialisierte Strömungsretter der DLRG und letztendlich die freiwillige Feuerwehr aus Garmisch-Partenkirchen benötigten schweres Gerät und über zwei Stunden zur Bergung des ertrunkenen Kajakfahrers.

Infos zu dem Unfall gingen schnell durch die Presse.

Als ich die ersten Meldungen dazu im Internet las, war ich persönlich sehr schockiert, denn es musste sich um denselben Streckenabschnitt der Loisach handeln, wo ich bei einer Solofahrt vor Jahren auch schon an einem Ast unter Wasser in einer Stufe hängengeblieben war.

Edwin Haas vom TSV Partenkirchen kennt die Gegebenheiten vor Ort und kann deshalb fundierte Details zur Situation vor Ort und vor allem der Unglückspassage geben:

Zum Unfall vom Montag 3. Oktober 2022: Die Unfallstelle liegt ca. 200m vor dem Dom, ca. 15 m oberhalb des Windspiels aus Bootsspitze und Paddel das an einen tödlichen Unfall vor ca. 20 Jahren erinnert.

Dort hatte sich über längere Zeit eine Verklausung zwischen dem Stein in Flußmitte und der linken Durchfahrt gebildet. Die Verklausung führte zu einem starken Eintrag von Geschiebe und Kies linksseitig (in Stromrichtung) und es bildete sich rechts eine Durchfahrt die sich in den Uferbereich eingegraben hat. Die rechte Durchfahrt war stets problemlos.

Die Verklausung brach vor einiger Zeit und wurde teils freigelegt. Sehr viel Holz war jedoch im Geschiebe eingegraben und nur teils so freigelegt, so dass ein Freischneiden nicht möglich war. Bei sommerlichen Niedrigwasserständen war dies stets sichtbar und die rechte Durchfahrt ersichtlich...

Dann kam das Wasser über das Wochenende, Trübung und teils Pegelstände über 150cm bzw. 25 m^3/sec und die Stelle wurde komplett überspült.

Orts- und situationsunkundige Paddler passierten die Stelle über das Wochenende zigfach teils ohne auf das Holz im Wasser aufmerksam zu werden...

Ich war selbst nicht vor Ort und kann zur Unfallsituation nichts sagen. Ein Schwimmer vor der Stelle in der linken Durchfahrt, ein Rollen davor oder darüber, ein sich vor den Stein quer stellendes Boot etc. all das kann Ursache sein. Ebenso kann es sein, dass sich mit der Zeit das Geschiebe herausgespült hat und weiteres Holz wie ein Rechen frei gelegt hat...

Fakt ist, dass das Holz und die Gefahr im Unterwasser nicht zu sehen war...

Wir werden die Stelle nach dem Rückgang vom Wasser Ende Woche in Bildern festhalten und komplett freizuschneiden...

Edwin Haas, Kanuabteilung TSV Partenkirchen

Insgesamt zeigt dieser Unfall leider erneut, dass Wildwasserfahren als Natursport immer Restrisiken birgt, die sich auch mit der besten Ausrüstung, Gruppe und Erfahrung nicht vollständig beherrschen lassen.

Umso wichtiger ist es, sich Gedanken zu machen über das Was wäre wenn…“ und entsprechende Vorkehrungen zu treffen.

Das beginnt damit, sich über den Flusscharakter und Wasserstand zum Zeitpunkt der Befahrung zu informieren. In unserer Beschreibung der Loisach wird schon vor über 20 Jahren auf die Gefahr von Baumhindernissen und die Vielzahl an Unfällen auf dem Bach ausdrücklich hingewiesen!

Ideal wäre es, wenn von den lokalen Paddlern auf neu entstandene Gefahrenstellen hingewiesen würde z.B. am Ein- und Ausstieg und natürlich in den einschlägigen Internetforen.

An der Loisach eignet sich dafür ideal die „Pinnwand“ beim Bootshaus am Ausstiegsparkplatz.

Noch besser wäre es, wenn von allen Wildwasserfahrern mit angepackt wird, um neu in den Fluss gefallene Bäume so schnell wie möglich aus dem Bachbett zu entfernen und dies nicht den Paddlern vor Ort zu überlassen.

Am Fermersbach gab es dazu schon früher eine vielbeachtete Aktion mit Motorsägen und ich weiß von Paddlern aus dem Salzkammergut, die regelmäßig Bachbegehungen mit schwerem Gerät durchführen, um die Flüsse sicherer zu machen.

Wasserdichte Handys zählen heutzutage schon fast bei jedem Kanufahrer zur Standardausrüstung, aber sind auch mehrere Autoschlüssel auf die Gruppenmitglieder verteilt, um im Notfall schnell von außen helfen zu können?

Schwimmen im Wildwasser ist nach einer Kenterung immer die gefährlichste Lösung, optimal ist das Beherrschen einer sicheren Kenterrolle aus allen Lagen, um gar nicht erst ins Schwimmen zu kommen.

Klar weiß ich, dass es aus den unterschiedlichsten Gründen mit der Rolle mal nicht klappen kann, aber ohne diese Grundtechnik überhaupt aufs Wildwasser zu gehen, halte ich auch für Anfänger für grob fahrlässig.

Die Boote müssen zum Einsatzzweck passen: Wer mit einem kantigen Spielboot schon mal an einem Stein in einer Verblockung quer gehangen hat, weiß wovon ich spreche.

Und ob mit einem Slice-Kajak einem Schwimmer wirksam geholfen werden kann, sollte nicht erst im Ernstfall getestet werden.

Es geht aber noch deutlich weiter, auch wenn viele Wildwasserpaddler das gerne verdrängen:

Bitte teilt euren Angehörigen mit, was für einen Sport ihr betreibt und was dabei im schlimmsten Fall passieren kann.

Bei einem tödlich verlaufenen Kajakunfall ist die Katastrophe für das Opfer selbst schon vorbei, für die Angehörigen beginnt sie erst mit den Folgen im Leben!

Es sollte unbedingt eine Absicherung der Hinterbliebenen da sein, auch wenn diese bei Risikosportarten wie Wildwasser- oder Freestylekajak nicht ohne Grund teuer ist.

Und im Ernst: Hat jeder Paddler mit minderjährigen Kindern wirklich schon sein Testament gemacht bevor er auf den Bach geht?

Die meisten Wildwasserfahrer sind körperlich fit und gesund, wer hat sich aber auch schon über Organspende Gedanken gemacht und trägt einen entsprechenden Ausweis mit sich, um posthum anderen noch helfen zu können?

Wie in der Überschrift schon angedeutet sind dies nur meine ersten persönlichen Gedanken zu dem tragischen Unfall auf der Loisach. Es wäre schön, wenn sich auch andere Gedanken zu diesem so wichtigen Thema machen und vor allem eine Diskussion dazu entsteht mit dem Ziel:

Unfälle im Wildwasser gar nicht erst entstehen lassen.

Dank für die Bilder an Edwin Haas

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