Playspotbau: Der Umbau des Wiesenwehrs der Erft

Autor: Ansgar Schnurr
14.12.2007
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 „Wiesenwehr“ goes future – oder die Empörung der Desperados

 - Das Wiesenwehr ist umgebaut worden und sorgt nun in einschlägigen Paddlerforen für Begeisterung der Einen und Empörung der Anderen. Um die Diskussionen zu versachlichen, kommt hier die ganze Geschichte:
 
Paddeln - das sind unberührte Schluchten, kristallklares Wasser, Einsamkeit, nur das athletische Ringen mit den Wellen, Natur pur. Paddeln - das heißt, Desperado zu sein, selbstbestimmt und fern jeden gesellschaftlichen Zwangs und bürokratischer Ordnung - kein Gedanke an solch nichtige Dinge, nur paddeln: Der Bug schneidet das Wellental, das Paddel sticht in Walzen, in denen nie ein Mensch zuvor rührte, das Boot löst sich spielerisch von der Wasseroberfläche, schraubt sich gekonnt in die Höhe, einmal, zweimal, dreimal, vier....


Leider zerplatzen die schönsten Tagträume, wenn sie zu unrealistisch werden. In der Realität nahe der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt sieht es hingegen so aus: Paddeln - das ist das nicht so klare Wasser der Erft, das träge durch ihr begradigtes Bett fließt, auf das von der ganzen Region stark frequentierte Wiesenwehr zu, einem 50 cm hohen Wehr mit kleiner Spielwalze.


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Neubau des Wiesenwehrs


Das sportliche Spielen mit dem Wasser ist längst nicht nur eine Sache zwischen Paddler und Naturgewalt: Es wäre naiv zu übersehen, dass die Art und Weise, wie, wo und wie viel das Wasser über welche Stufen fließt, keine gottgegebene Tatsache der Natur ist.

Die Wahrheit ist, dass förmlich jeder Stein von Menschenhand gestaltet und von Menschenhirn verwaltet wird.

In dieser Verwaltung spielen Paddler eine Rolle – eine neben den mächtigen Stimmen von Verbänden, Politik und Behörden, Naturschützern, Tagebaubetreibern und anderen Interessensgruppen. Die selbstbestimmten Desperados der oben genannten Tagträume müssen sich mit folgenden Problemen befassen:


1. Problem:

Anders als bei unberührten Gebirgsflüssen fällt das Wasser der Erft im wahrsten Sinne des Wortes nicht vom Himmel. Zwei Drittel der Durchflussmenge speisen sich nicht aus den natürlichen Niederschlägen und Quellen, sondern aus Sümpfungswässern der Braunkohleindustrie. Diese pumpt jährlich 300 Millionen Kubikmeter Grundwasser aus den Gruben, um sie schließlich der Erft zuzuleiten. Nun ist es so, dass der Braunkohletagebau in NRW zurückgefahren und schließlich 2045 komplett eingestellt wird. Für uns Paddler heißt das, dass immer weniger Sümpfungswässer eingeleitet werden und daher der Pegel der Erft kontinuierlich fällt! Um dauerhaft maximalen Spaß beim Paddeln zu haben, macht es also Sinn, das Wiesenwehr so zu bauen, dass die Walze bei Niedrig- bis Mittelwasser gut läuft.


 Die Einleitung von Sümpfungswasser ist übrigens auch der Grund für die auffallend hohen Wassertemperaturen. Über die durchschnittlichen 15 Grad Wassertemperatur im Winter (!) freuen sich nicht nur kälteempfindliche Winterpaddler, sondern auch die berüchtigten exotischen Piranhas, die, wohl aus Aquarien stammend, in den letzten Jahren wiederholt im Fluss gefangen wurden. Ob mancher Kratzer beim Wheelen wohl doch nicht auf Steinkontakt zurückgeht…? – der Trend geht ganz klar zum Ganzkörper-Kettenhemd.
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2. Problem:

Die Erft hat einen Chef, der immer das letzte Wort hat, und dieser Chef heißt „Erftverband“. Der Verband verwaltet alles, was mit der Erft auf einer Fläche von 4200 km² zwischen und Bad Münstereifel und Neuss zusammen hängt. Das ist natürlich auch der bauliche Zustand der Wehre.

Das Wiesenwehr galt offiziell als baufällig. Jeder, der in den letzten Jahren dort war, weiß, dass auf eine halb zerfallene Wehrkrone von Paddlern kunstvoll Steine gesetzt wurden. Für uns war das ok - einem Gewässerverwalter kann das nicht gefallen. Bekanntermaßen muss hierzulande alles, was baufällig ist, entweder weg geschaufelt oder anständig in Stand gesetzt werden. Die Lösung des Erftverbandes wäre gewesen, das Wiesenwehr „ordentlich“ abzutragen. Die Spielwalze drohte Geschichte zu werden.


Um diese und andere für uns katastrophale Maßnehmen (im Gespräch war eine totale Sperrung der Erft) zu verhindern, haben sich vor sieben  Jahren 17 lokal ansässige Kanuvereine zu der „Kanugemeinschaft Erft“ zusammengeschlossen. Sie vertritt unsere Interessen gegenüber dem Erftverband und sichert damit weiterhin den Kanusport auf der Erft. Seitdem macht der „Chef“ die Dinge nicht im Alleingang, sondern überlässt es der Kanugemeinschaft, die notwendigen Baumaßnahmen selbst vorzunehmen. Auf diese Weise konnten seit dem drei Abschnitte der unteren Erft als offizielle Kanustrecke speziell für Slalom-, Abfahrt- und Rodeopaddler zu Trainingszwecken umgebaut werden.

Um eine endgültige Zerstörung der Spielwalze am Wiesenwehr zu verhindern, musste die Kanugemeinschaft Erft nun das Wiesenwehr komplett in einen soliden und dauerhaft akzeptablen Zustand umbauen.


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3. Problem:

Eine weitere Aufgabe des Erftverbandes ist es, den Fluss gemäß der EU-Wasserrahmenrichtlinien umzugestalten. Konkret sollen die Wehre der Erft mit Fischtreppen versehen werden, um für die wandernden Fischen, die durch den zunehmend sauberen Rhein aufsteigen, durchlässig zu sein. Auch wenn skeptische Paddler im Fluss schon seit langem keine Fische mehr vermuten – ein entsprechendes Gutachten muss uns eines Besseren belehren. Das Wiesenwehr braucht also eine Fischtreppe – da kann man nicht mit dem Chef diskutieren. Andererseits sollten wir mit Fragen des Naturschutzes leben können. - Paddeln ist schließlich eine Natursportart und wir paddeln hier nicht im Dutch Water Dreams.
[erft7_500  das alte Wiesenwehr


erft9_500  das neue Wiesenwehr


Es bestand also Handlungsbedarf: Der Erftverband kündigte an, das Wiesenwehr auszubaggern, wenn bis Jahresende keine dauerhafte Konstruktion mit Fischtreppe gebaut sei. Anfang November nahm stellvertretend für die Kanugemeinschaft der WSVB  – ein Düsseldorfer Kanuverein mit Schwerpunkt im Wildwasser- und Rodeobereich - die Dinge in die Hand und baute das Wiesenwehr um. Dazu wurden sechs Tonnen Naturstein und zwei Drahtkäfige von 15 Leuten und einem Kleinbagger im Fluss platziert.


Jeder, der schon einmal an einer Welle oder Walze herumgeschraubt hat, weiß, dass minimale Veränderungen große Auswirkungen haben. Daher wurden für die Geometrie des neuen Wiesenwehrs im Vorfeld genaue Überlegungen angestellt, um eine möglichst gute Walze zu bilden. Ein Problem, das gelöst werden musste, war die Fischtreppe. Eine Fischtreppe leitet immer einen Teil des Wassers über eine Rutsche ab. Es ist eine einfache Rechnung, dass dieses Wasser beim Wiesenwehr nun zwangsläufig der Walze fehlt. Das neue Wiesenwehr wurde schmaler konstruiert, damit sich trotz der Fischtreppe eine druckvolle Walze bildet.


Keine Spielstelle läuft bei jedem Pegel. Auch das Wiesenwehr konnte nicht so gebaut werden, dass man sowohl bei den üblichen niedrigen Wasserständen, als auch bei hohem Pegel maximalen Spaß hat.

Mit einem Auge auf die zukünftig weiter sinkenden Wasserstände der Erft haben wir uns entschlossen, das neue Wiesenwehr für mittlere und niedrige Wasserstände zu optimieren, so dass man an den meisten Tagen super paddeln kann. Das bringt jedoch mit sich, dass an den wenigen Tagen im Jahr mit hohem Pegel die Walze nun etwas weniger gut hält. Beides geht nicht – das ist Physik.


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Bei niedrigem Wasserstand hat man sich bisher am Wiesenwehr regelmäßig den Kopf am Grund angeschlagen. Da das dauerhaft wenig angenehm ist, haben wir bei der Umbauaktion einen Haufen Steine aus dem Unterwasser geräumt und damit eine größere Wassertiefe geschaffen. Eure Helme werden es danken! Sollte es ab jetzt Verletzungen geben – das sind die Piranhas!


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In den letzten Wochen gab es teilweise großes Geschrei unter Paddlern, die bei Hochwasser zum neuen Wiesenwehr gefahren sind und es nun doof finden. In den Paddlerforen mailen sich hier und da selbsternannte Desperados zusammen, um mit Bauplane und Beton das Wiesenwehr in ihrem Sinne umzubauen.

Auch wird nun wöchentlich die Fischtreppe mit Steinen zugesetzt, um ein paar Kubikzentimeter mehr auf die Walze zu lenken – was im Übrigen nichts verbessert, denn die Walze ist ja extra für die Fischtreppe optimiert!

All das bleibt nicht unerkannt, denn der Erftverband (Chef) hat ein kritisches Auge auf das neue Wiesenwehr und droht offen an, das Ganze endgültig gerade zu ziehen, wenn die Fischtreppe nicht funktionstüchtig bleibt! Übrig bleiben dann bestenfalls kümmerliche Reste von leicht bewegtem Wasser wie auf dem folgenden Bild, das während der Umbauarbeiten entstand, als das Wehr zwischenzeitlich fast abgebaut war. Diesen Zustand riskieren alle, die die Dinge gegen alle Vernunft selbst in die Hand nehmen wollen. So wird´s aussehen, Desperados: Schaut euch das Bild in Ruhe an und geht noch mal in euch!


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Erft ohne Wehr


Also bitte, liebe Paddler: Lasst die Steine wo sie sind und baut nicht die Fischtreppe zu! Und lasst uns Erfahrung mit dem neuen Wiesenwehr sammeln. Ja, es fühlt sich etwas anders an. Nach einer kurzen Umgewöhnungsphase kommt man aber wirklich gut zurecht und weiß die Vorteile zu schätzen. Die Zeit wird zeigen, ob wir noch Details verändern müssen, um es noch besser zu machen. Aber bitte macht hier nichts in Eigenregie. Das geht nach hinten los und gefährdet die Existenz des Playspots.

Ansgar – mit besten Grüßen vom

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