Solo-Paddeln - wie man es besser nicht machen sollte -

Autor: Martina
12.06.2008
0 / 0

Eine Solo-Befahrung des Unteren Gallego bei Hochwasser – oder „Wie man es besser nicht machen sollte“

Im Mai 2008 gab es in der Region Aragon in den spanischen Pyrenäen extremes Hochwasser. Es fiel an Niederschlägen dreimal soviel wie normalerweise im Mai.

gallego_9_500

Gallego 2008

244_espagne_2007_gallego_500

Gallego 2007

Der Kajak-Kurs, an dem ich eigentlich teilnehmen wollte, fiel kurzfristig ins Wasser und die Gruppe verzog sich nach Österreich.

gallego_3_500

Gallego 2008

266_espagne_2007_gallego_500

Gallego 2007

Da wir das nicht mitmachen wollten und unseren Urlaub in Spanien und Frankreich schon fest geplant hatten, blieben wir dort und ich schob Frust, weil ich alleine nicht paddeln konnte.

gallego_11_500

Oder kann ich das doch?

Da war doch noch der untere Teil des Gallego ab Murillo, der im letzten Jahr max. WW II gewesen war…?
Also fuhren wir – mein nichtpaddelnder Mann und ich – nach Murillo zum Scouten.

Der Gallego war bis zum Überlaufen voll und die Normalstrecke aus 2007 sah ziemlich gruselig aus:

gallego_1_500_01

Gallego 2008

236_espagne_2007_gallego_500

Gallego 2007

einstieg_gallego_500

Einstieg 2008 am Einlaß aus dem Stausee

245a_espagne_2007_gallego_einstieg_500

Einstieg 2007

einstieg_gallego_2_500

Einstieg 2008

247_espagne_2007_gallego_500

Einstieg 2007

Die Strecke ab Murillo sah aber – mal abgesehen von der Wasserfarbe und der Strömung – durchaus auch für mich machbar aus.

Ich versuchte zuerst noch, einen Guide bei der örtlichen Raft-Station zu ergattern, die Spanier waren aber zu busy, um mir so kurzfristig jemanden mitgeben zu können.

Also: Alleine fahren oder nicht? Mein Mann ist total dagegen und hält es für zu gefährlich.
Wir sehen uns noch mal die Ausstiegsstelle an und die Einstiegsstelle an der Brücke nach Murillo und ich beschließe, trotzdem alleine zu fahren.


Kannte ich die Strecke doch noch vom letzten Jahr und weiß genau, dass es keine erwähnenswerten Schwierigkeiten gegeben hatte. Wir hatten damals für die relativ kurze Strecke von ca. 8 Kilometern ewig gebraucht und uns waren vom Wanderpaddeln fast die Arme abgefallen..

Also: Testboot Prijon Soca abladen, umziehen und los gehts.
Dabei vergesse ich vor lauter Vorfreude und Anspannung leider, die Paddelbrille mit dem Brillenband anzuziehen..

Schon beim Rausfahren aus dem Monsterkehrwasser in die überraschend schnelle Strömung falle ich mit dem mir nicht so vertrauten Boot - und auch noch ziemlich unaufmerksam - fast um und werde sehr schnell sehr munter..

Unter der Brücke bilden sich unglaubliche Pilze und Verschneidungen, die das flache Heck des Soca so gar nicht mag und ich muss gleich richtig arbeiten.

Eigentlich will ich mir die Strecke gemütlich von diversen Kehrwässern aus ansehen.
Die sind bei dem Wasserstand aber leider verschwunden und durch Uferzonen mit völlig überspülten Bäumen und Sträuchern ersetzt worden.
Also auf Sicht fahren. Auch das ist nicht so einfach, weil das Wasser derartig schnell herunterzieht, dass man sich sehr schnell entscheiden muss, wo man langfahren will.

Schließlich eine nicht einzusehende Rechtskurve an einer Felswand – an die ich mich von der letzten Tour überhaupt nicht erinnern kann!

Das einzige Kehrwasser links vorher lasse ich auch links liegen, weil ich die Pilze mittlerweile nicht mehr ausstehen kann – also um die Kurve herum und:
Schon aus 40 Metern sichtbar: Eine Stufe im Bach mit anschließender sich leicht überschlagender Monsterwelle, Farbe dunkelgrau, weil die Sonne in diesem Augenblick weg ist…

Meine Gedanken überschlagen sich:

SCHEISSE! Anhalten! Ansehen! Umfahren! SCHEISSE!! Geht nicht, kein Kehrwasser vorher! Welle geht über die gesamte Breite!! SCHEISSE!!! Besser links? SCHEISSE, kriege die Seite nicht mehr rechtzeitig!! SCHEISSE!!!!!! Muß mitten durchfahren!!! SCHEISSE, SCHEISSE, SCHEISSE!!!!!!!

Ich finde mich damit ab, zu kentern und mit dem ungewohnten Boot, mit dem ich noch nicht ein Mal eine Rolle probiert habe, rollen zu müssen….
Aber – warum auch immer – ich kentere nicht!!!!! Stattdessen gebe ich Vollgas und paddle mit der höchsten mir möglichen Geschwindigkeit aus der Gefahrenzone…

GLÜCK gehabt!!!

Anschließend weiter Vollgas und – huch, da ist ja schon die Ausstiegsstelle!!!!
Gerade noch rechtzeitig komme ich rechts an den Weg, auch hier kann man kaum anhalten, weil alles völlig überspült ist, das hatten wir von der anderen Seite vom Auto aus nicht gesehen.

Beim Raustragen haue ich mir noch einen Dorn Marke extra-large in den Daumen und merke beim Ausziehen des Helms, dass ich die falsche Brille - ohne Brillenband - anhabe.
Die wäre beim Rollen sicher nicht auf der Nase geblieben… Und das bei einem Sehvermögen, das dem eines Maulwurfs nicht unähnlich ist ( -8 Dioptrien)….
Für die Tour habe ich gerade mal eine halbe Stunde gebraucht….

Was habe ich daraus gelernt?

1. Niemals nur dem Blick von oben auf den Bach trauen, auch die Sicht aus Paddlerperspektive ist wichtig
2. Sich niemals auf Erfahrungen aus dem Vorjahr verlassen
3. Immer die Ausrüstung sorgfältig anziehen und kontrollieren
4. Nicht bei extremem Hochwasser fahren
5. auch die Ausstiegsstelle GENAU ansehen
6. Unter den oben gegebenen Voraussetzungen besser NICHT ALLEINE FAHREN – Solotouren sollten nur bei normalem Wasserstand und bei genau bekanntem Wildwasser von erfahrenen Bootfahrern unternommen werden, in einer Gruppe oder mit einem Guide ist es dennoch viel sicherer.

gallego_12_500

Martina

Voriger Artikel

Wer hat Lust auf einen coolen Kajak-Event?

Nächster Artikel

50 neue Playspots in Deutschland