Wichtiges über den Brustgurt bei Schwimmwesten

Autor: Horst Fürsattel
11.11.2005
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Schwimmwesten Brustgurt

Brustgurt und Cowtail werden heute teilweise zu völlig anderen Zwecken eingesetzt als bei ihrer Entwicklung geplant und anfänglich auch praktiziert. Missverständnisse und Beinahe-Unfälle gibt es inzwischen genug, es ist an der Zeit die Informationen zu sortieren und die Konsequenzen zu ziehen.
Wie konnte diese Situation entstehen? Ein Blick in die Entwicklungs-Geschichte dieser Ausrüstung liefert die Erklärung:

Die Erfindung der Sicherheits-Weste:

Die erste Wildwasser-Weste mit Gurt kam 1981 auf den Markt. Sie wurde von einer Gruppe AKC’ler (*) konstruiert und über Schlegel Paddel vertrieben.
Das erste Bild einer Gurtweste war im September 1981 im Schlegel Paddel Katalog, der Fahrer ist Peter Lintner (ja, genau der - immer noch schwer aktiv – siehe www.bondle.de!)

Kurz zuvor tauchten schon modifizierte Klettergurte auf, die über einer normalen Schwimmweste getragen wurden. Diese ließen sich zum damaligen Zeitpunkt jedoch noch nicht unter Last öffnen.
An die abgebildete Schlegel-Weste wurde ein Jahr später eine Karabinertasche und eine Bergeleine montiert. Das war die Geburtsstunde der "Multi-Safe", der ersten Gurtweste mit integrierter Schleppleine.

Die erste "Multisafe"
Ziel der Schleppleine war, einen kraftlosen Schwimmer, der sich in einem reißenden Großfluss nicht mehr am Boot eines Retters festhalten kann, schnell ans sichere Ufer zu bringen. Dazu wurde gemeinsam geübt und die Techniken verfeinert. Schon ein Jahr später kam es zum ersten Ernstfall und einer erfolgreichen Rettung.
Für die Sicherung eines Helfers im Wasser ("Rettungsspringer") erwies sich die kleine Weichplastikschnalle der ersten Westen jedoch als zu schwach. Schon bei geringem Zug am Seil rutschte der Gurt durch die Klemme und der Retter war nicht mehr gesichert.

Zur selben Zeit fertigte °hf eine Serie von Rettungsgurten, die über den bestehenden Westen getragen werden konnten und sich bei Gefahr mit einem Handgriff abwerfen ließen. Dort gab es stabilere Klemmen und auch schon die Mehrfachumlenkung.
1986 kam dann von °hf die "Cordura Classic" auf den Markt. Es war die erste Wildwasser-Weste in Pull-Over-Form, die erste Weste aus Cordura und die erste Weste mit Mehrfachumlenkung.

Die Festigkeit des Cordura-Classic-Brustgurtes lag weit über der Bruchlast der üblichen Wurfsackseile.


Cordura-Classic 1986
In der Kette Seil / Karabiner / Brustgurt lagen damit erstmalig alle Elemente über 500 daN Bruchlast.

Die Idee des Brustgurtes mit Mehrfachumlenkung wurde in den Folgejahren von anderen Herstellern übernommen und ist heute noch Stand der Technik.
Im Vergleich mit den herkömmlichen Westen ohne Brustgurt boten die neuen Modelle viel mehr Möglichkeiten beim Rettungseinsatz. Allerdings war jeder Paddler sich damals aber auch der Schwächen des neuen Systems bewusst:

* Die Auslösung kann versehentlich geöffnet werden
* Die Auslösung kann im Notfall blockiert sein (Etwa wenn der Paddler mit der Brust gegen einen Stein gepresst wird und dann die Schnalle nicht öffnen kann)
* Die Reibung ist in häufig zu groß, trotz geöffneter Klemme läuft der Gurt nicht ab.
* Die Trennung funktioniert trotz offener Klemme nicht, z.b. wenn sich der Rettungsspringer im eigenen Seil verfängt.
* Die Auslösung funktioniert nur wenn das freie Gurtende nicht zu lang ist, u.a.m.

Durch die ständige Auseinandersetzung mit der neuen Technik war 1984 jedermann klar dass sie nicht zur Materialbergung gedacht ist. Deshalb musste damals auch nicht explizit darauf hingewiesen werden. Ein Boot am Haken, dann eine Eskimorolle, dabei das Seil um den Hals gewurstelt und bei jeder Welle ein kräftiger Ruck vom Schleppgut – ein solches Risiko wollte niemand eingehen.

In der AKC-Broschüre von 1984, dem unumstrittenen Klassiker in Sachen Sicherheit, wird ausführlich die Personenrettung besprochen, aber kein Wort von Materialbergung mit der Leine. Auch im °hf-Prospekt (im Bild die am Boot montierte Schleppleine, 1987) ist immer nur von Personenrettung die Rede.

Bequemlichkeit vor Vernunft
Natürlich erkannten Kanulehrer und Fahrtenleiter schnell die Möglichkeit mit Brustgurt und Cowtail auch gekenterte Boote bequem an Land zu ziehen. In gefahrlosen Situationen wurde dies ja auch toleriert, jedenfalls wenn es sich um erfahrene Experten beim Kursbetrieb auf leichten, offenen Flüssen handelte.
Doch letztlich liegt im falschen Vorbild der Experten von damals eine Ursache für heutige Probleme: Die nächste Generation Kanufahrer lernte Brustgurt und Cowtail vor allem zur Materialbergung kennen und wendete diese Technik später natürlich auch selbst an. Die ursprüngliche Bedeutung der Schleppleine gerät immer mehr in Vergessenheit. Dies belegt auch an ein weiteres Beispiel, der Kajak-Karabiner:

Kajak-Karabiner
Bei den Übungen mit der Schleppleine im unruhigen Wildwasser wird schnell klar wie schwierig ein herkömmlicher Kletterkarabiner bei einem kraftlosen Schwimmer einzuhaken ist.

Das traf es sich günstig dass die Kletterer (Beginn der Freikletter-Ära) ebenfalls auf der Suche nach einem neuen Karabiner waren. In Zusammenarbeit mit Kong brachte °hf 1988 den ersten Kajakkarabiner auf den Markt, der sich dank seiner überstehenden Fangnase besser einhaken lässt.

Doch die Nachfrage nach diesem Karabiner ging rapide zurück als ein Paddel-Karabiner auf dem Markt erschien. Der Paddel-Karabiner ist groß genug um auch einen Paddelschaft aufzunehmen. Es interessierte nicht mehr, dass der Paddelkarabiner im Ernstfall bei einem Schwimmunfall ebenso problematisch ist wie die alten Kletterkarabiner. Die Kanufahrer legen beim Karabinerkauf heute mehr Wert auf das Abschleppen des Paddels als auf die Eignung für den Notfall.
(°hf Cowtails werden seit 1988 mit diesem „Fangnasen-Karabiner“ ausgeliefert, aber Kanuhändlern berichten dass ihre Kunden oft schon im Laden den original Karabiner gegen einen Paddelkarabiner umtauschen)

Was jetzt?
Die Schwachstellen und Gefahren des Brustgurtes an einer Wildwasserschwimmweste waren schon vor 20 Jahren bekannt und trotzdem ist in all den Jahren keine bessere Lösung aufgetaucht. Im Gegenteil – die Risiken sind unverändert, aber das Wissen um diese Risiken scheint immer mehr aus aus den Köpfen der Paddler zu verschwinden. Deshalb möchte ich als Hersteller dieser Ausrüstung hier noch einmal in aller Deutlichkeit auf die Risiken hinweisen:

Die Kombination news/brustgurt/Cowtail wurde nicht zur Materialbergung konstruiert. Wenn Sie dennoch dazu benutzt wird, dann wird (siehe oben) auf die besonderen Risiken hingewiesen. Wer news/brustgurt/Cowtail trotz dieser Hinweise zur Materialbergung einsetzt, der übernimmt auch die Verantwort für seine Entscheidung. Eine Haftung des Herstellers bei Materialbergung ist deshalb ausgeschlossen.

Der Verschluss des Brustgurtes mit Klemmdeckelschnalle und Mehrfachumlenkung ist heute allgemeiner Standard. Brustgurte mit diesem Verschluss bieten geschulten Kanufahrern zusätzliche Möglichkeiten für die Personenrettung. Wer diese Möglichkeiten nutzen möchte, der muss vorher eine intensive Ausbildung bei einem kompetenten Fachmann absolvieren. Dort müssen auch die Risiken dieser Techniken umfassend erklärt und verstanden werden. Eine praktische Schulung unter kompetenter Anleitung ist ebenfalls zwingender Bestandteil einer solchen Ausbildung.

Jede Anbringung von Cowtails, Seilen oder ähnlichen Konstruktionen ohne diese vorherige Ausbildung kann lebensgefährliche Folgen haben und ist deshalb zu unterlassen.


Bitte geben Sie diese Informationen auch an Ihre Kameraden weiter – Vielen Dank!

Wenn es gelingt mit dieser Information gefährliche Situationen zu verhindern und so den Spaß am Kanufahren für alle zu erhalten, dann ist das Ziel erreicht. Mit diesen Zeilen möchte ich einen Beitrag dazu leisten.
In diesem Sinne – viel Spaß am Bach!

Horst Fürsattel
hf Kajaksport / paddle-people.com

(*) Fredi Höll, Ingo Kiewel, Werner Hönig, Volker Hartwich, Holger Machatschek

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