Weiße Schlucht

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Griechenland 2006:

Acheron – Der Eingang zur Unterwelt

- Am 09.04.2006 gegen 12 Uhr Mittags legt unsere Fähre im nordgriechischen Hafen Igoumenitsa an und wir betreten bei strahlendem Sonnenschein das Land der Götter, der tiefen Schluchten und des guten Essens. Obwohl ich schon zig mal in Griechenland war, war dies der erste Griechenlandtrip, der als reiner Wildwasserurlaub ausgelegt war ... äh Moment, Urlaub war es ja gar nicht. Vielmehr ist es eine Wildwasserpilottour unserer Kanuschule bei der neben einigen guten Freunden auch viele nette Kursteilnehmer Griechenland als Paddelrevier erkunden möchten. Wir alle waren gespannt auf Griechenlands wilde Wasser.

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In den ersten Tagen erleben wir Griechenland von der urtümlichsten Seite. Viele kleine „Schwierigkeiten“ des Alltags mussten bewältigt werden. So finden wir zwar zum Beispiel ein wunderbares (wildes) Camp am Arachtos, nur gibt es weit und breit keinen Supermarkt, die Umsetzstrecken über weiße Straßen erweisen sich als wahre Offroadtouren und teilweise sind  fette Asphaltstraßen nicht in den Karten verzeichnet, die wir vor Ort erworben haben.

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Hat man sich allerdings an diese Umstände gewöhnt, so bietet Griechenland dem Naturliebhaber, der keinerlei Wert auf Ballermann-Tourismus legt, einen fantastischen Urlaub. Die Schluchten, die abgeschiedenen Campplätze und die Menschen sind wirklich toll.

Der Acheron
Insbesondere eine Schlucht hat es uns angetan. Die weiße Schlucht des Acheron. Der Acheron entspringt im Epirus-Gebirge und fließt hauptsächlich als leichter Wildfluss durch dieses Gebirge. Er mündet schließlich unweit von Igoumenitsa ins Mittelmeer.

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Den Höhepunkt einer Kajaktour auf dem Acheron bietet die weiße Schlucht. Diese Schlucht ist 12 Kilometer lang, hauptsächlich im mittleren Schwierigkeitsbereich (WW II bis III) mit einigen Stellen im IVer Bereich. Nur ein Teilstück ist unfahrbar und muss umtragen werden. Der Acheron ist ein reiner Drop & Pool Bach, hinter jeder Stelle kann gemütlich gerollt oder gekrault werden. Nur bei höheren Wasserständen ist der Acheron ein schwerer Wildbach, da die einzelnen Stellen dann nicht mehr angesehen oder umtragen werden können. Dann gibt es in Teilstücken keine Kehrwasser mehr, und der Acheron rauscht ungebremst dem Mittelmeer entgegen.

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Eingang zur weißen Schlucht

Das eindruckvollste am Acheron ist neben seiner unglaublich tiefen und schönen Schlucht die Geschichte, die einen bei dieser Kajaktour begleitet. In der griechischen Mythologie ist der Acheron der Fluss der Toten und zugleich das Tor zur Unterwelt. Dem Acheron wird nachgesagt, dass in ihm Trauer und Leid fließen. Der Fährmann Charon brachte die Toten über den Acheron zum Eingang des Hades (Gott der Unterwelt). Charon beförderte nur die Toten, die ein Begräbnis erhalten hatten und deren Überfahrt mit einer Geldmünze unter der Zunge bezahlt worden war. Die Toten, die kein Begräbnis erhalten hatten und denen Charon deshalb den Zugang verwehrte, mussten hundert Jahre am Acheron warten und an seinem Ufer als Schatten umher irren.

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Kurz nach dem Eingang

Nun zu unserer Tour. Morgens um 10 kommen wir am Ausstieg der sagenumwobenen Schlucht an. Viele Hinweisschilder deuten auf die Acheronquellen hin, die in der Sage als kalte Quellen des Todes beschrieben werden. Diese Quellen sind in der heutigen Zeit ein echter Touri-Magnet und deshalb gibt es hier am Ausstieg jede Menge Tavernen, einige bieten sogar Musikbeschallung vom Feinsten und entpuppen sich abends als echte Tanztempel.
Wir parken unsere Autos vor einer Taverne, vor der einige Kajaks stehen. Wir wollen uns bei den Besitzern der Taverne über den Wasserstand und über die Schlucht informieren. Unseren Informationen aus dem 15 Jahre alten Flussführer vertrauen wir nämlich nicht so wirklich, darin steht nur, dass der Acheron zu viel Wasser für eine Befahrung führt, wenn auf der ganzen Flussbreite am Ausstieg keine Kiesbank aus dem Wasser ragt. Wir sehen keine Kiesbank. Wir sprechen also mit dem Sohn des Tavernenbesitzers und stellen freudig fest, dass dieser fließend deutsch spricht und in Unna zur Schule gegangen ist. Er freut sich wiederum über unser Unna Kennzeichen am Auto und ruft direkt seinen Vater an, der uns sofort mit gutem Rat zur Seite steht: „Viel Wasser und ihr seit spät dran, die Strecke ist sehr lang und vielleicht schafft ihr es nicht mehr bevor es dunkel wird. Außerdem müsst ihr 50 Meter umgehen, also 150 Meter laufen“.

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Lutz am Acheron

Meine netten Kursteilnehmer gucken etwas erschrocken. Zu spät dran? Wir sind doch 3 Stunden früher am Bach als an den letzten Tagen. Viel Wasser?
Die Befahrung steht auf der Kippe. Trotzdem fahren wir zum Einstieg. „Und vergesst nicht, dass ihr 20 Meter umtragen müsst“ ruft uns der Junge von der Taverne hinterher. Aha!
Gut eine Stunde benötigen wir für die Fahrt zur Einstiegsbrücke, dort angekommen trauen wir unseren Augen kaum. Der Fluss fließt als Wald und Wiesenbach, nicht breiter als manches Sauerlandrinnsal daher. Das glasklare Wasser wirkt etwas spärlich, es sieht fast so aus, als müsse man sein Boot eher durch den Fluss tragen. Die Hochwasserangst ist schnell weg und alle sind hoch motiviert das Abenteuer Acheron auf sich zu nehmen.

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Wir steigen ein. Zirka zwei Kilometer schrabbeln wir im feuchten Flussbett rum, bis sich der Fluss plötzlich verengt und sich vor uns ein Felsspalt auftut. Vorsichtig paddeln wir unter Katarakt-Fahrweise dem Schlund entgegen. Als erster fahre ich in die Schlucht ein. „Das muss in der Sage das Tor zur Unterwelt sein“ denke ich mir. Der Flusscharakter ändert sich abrupt, der Fluss ist am Eingang zur Schlucht nur noch 2 Meter breit und man hüpft über eine kleine Stufe in den weißen Canyon. Alle meistern den Eingang perfekt, nun stehen wir in einer meterhohen, weißen Klamm, die Felswände senkrecht, die Stimmung angespannt. Ich paddle um die nächste Kurve und höre schon die nächste Stelle rauschen. Als ich sie vom Boot aus inspiziere weicht die Anspannung. Wohl alles Drop und Pool, nix schweres scheinbar.
Wir meistern die nächsten beiden Stellen in der wunderschönen Klamm und kommen um die nächste Kurve. Kein Rauschen ist mehr zu hören, die Wände wirken isolierend, nur das Gezwitscher von einigen Vögeln ist zu hören, sehr mythisch.

Nach wenigen Kilometern leichtem Wildwasser wird der Fluss wieder enger. Wir steigen aus und besichtigen das nächste Stück. Einige Bäume und ein blöder Siphon überreden uns zum Umtragen.

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Dann ist die Klamm zu Ende und der Fluss öffnet sich. Einige leichte Stellen laden zum Relaxen ein und man kann die eindrucksvolle Schlucht mit riesigen Platanen und üppigem Bewuchs am Rand bewundern.
Wir erinnern uns an die Beschreibung des Flussführers. Nach einer Blockstrecke mit riesigem Siphon wird der Bach wieder leichter.... War die von uns umtragene Stelle schon die Blockstrecke mit dem tödlichen Siphon? Im Flussführer steht auch, dass die Stelle von einer zerfallenden Mühle gekennzeichnet sein... haben wir nicht gesehen... naja, vielleicht schon ganz zerfallen.

Wir plätschern also weiter auf leichtem Wildwasser dem Mittelmeer entgegen, plötzlich wird das Rauschen wieder lauter, von rechts mündet ein kleiner, schneller Bach, Moment mal, war da nicht was im Flussführer? Ich schaue nach oben und sehe eine Ruine, „das ist doch keine Mühle, oder?“ Ich fahre lieber mal an das Ufer da und gucke. Brav folgen alle. Wir schauen uns die nächste Klamm an und sind froh, ausgestiegen zu sein. Der Bach stürzt in den nächsten 50 Metern zwischen Unterspülungen und Siphonen umher. Wir beschließen zu umtragen. Nach 50 Metern immer noch Klamm. Auf einem kleinen Felsvorsprung am Klammboden können wir einsetzten.... Sollten wir jetzt 20, 50 oder 150 Meter umtragen? Das waren jetzt 50....

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Leicht angespannt paddeln wir in die Klamm. Ab hier sollte laut Flussführer nichts mehr kommen. Ich fahre vor und sehe die nächste Stelle. Eine unterspülte Felswand an der es links vorbeigeht, kein Problem. Dann sehe ich in die nächste Stelle ein und erschrecke ein wenig. Das Wasser prallt nach einer kleinen Rutschbahn frontal auf einen dicken Felsen. Links strömt es in ein nettes Kehrwasser, rechts fließt das Wasser durch eine Höhle, die aussieht wie ein großer Siphon. Bernd und ich klettern einige Meter am Ufer entlang, können aber leider nicht sehen, ob die Höhle nach hinten hin enger oder breiter wird. Umtragen? Sieht nicht gut aus. Nur mit Seilalarm und riesigem Gemurkse möglich. Wie spät ist es denn, oh schon nicht mehr wirklich früh... Nach kurzen Grübeln laufe ich zu Uwe zurück und verkünde freudig: „Nur n Zweier, wir müssen einfach immer nach links fahren, nur nicht nach rechts, da sieht es nicht so gut aus. Ich stelle mich da links ins Kehrwasser, fahrt einfach alle zu mir“. Uwe nickt und sieht echt relaxt aus, „Er hat die Höhle ja auch nicht gesehen“, denke ich mir.
Ich paddle also runter, rauf auf die Stromzunge, vorbei an der Höhle und ab ins Kehrwasser. Nicht ganz leicht, aber gut zu schaffen. Und von hier sieht die Höhle auch gar nicht so böse aus. Das Wasser strömt gut durch, es sieht nicht so aus als läge Holz in dem Schlitz und hinten scheint es doch breiter zu sein als vorne. Im besten Fall passt man also mit Boot durch...

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Uwe bekommt, nachdem ich mit Wurfsack auf einem großen Stein stehe, ein OK* (*griechisch ola kalor, deutsch: Oskar Krause).
Uwe fährt. Völlig relaxt... zu relaxt für meinen Geschmack. Uwe treibt in die Stelle, bemüht sich dann aber doch noch um einige Paddelschläge und dümpelt dann in die Mitte vor den großen Stein. „Oh“, denke ich. Uwe kantet fein zum Stein und rutscht mit großen Augen in das Kehrwasser zu meinen Füßen... alles klar, das kann ja lustig werden. Bernd steht noch mit Helmut, Robert und Sandra im Kehrwasser oberhalb der Stelle. Bernd hat das Spektakel mit mir zusammen angesehen und weiß was kommt. Mit guter Mine zum mittelbösen Spiel weist er die anderen ein uns schickt sie einzeln runter. Alle erreichen das Kehrwasser ohne Probleme. Ein wenig böse sehe ich Uwe an. Uwe macht eigentlich selten Fehler, ich überlege mir, ob er mich wohl ärgern wollte, denn er war ja eigentlich das Maß, an dem ich die Stelle messen wollte, und ich wäre weit weniger angespannt gewesen, wenn er als erster problemlos ins Kehrwasser gefahren wäre.

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Christian Zicke

Nach dieser Anspannung geht es weiter durch die steile und enge Klamm. Vorsichtig fahre ich vor, die anderen folgen mit Abstand. Ein großer Fels versperrt die Sicht, wir fahren rechts vorbei und kommen um die nächste Kurve. Es rauscht höllisch. Ich stelle mich mental auf die nächste Stelle ein, immer wieder der Gedanke daran, dass wir vielleicht doch 150 Meter umtragen und nach der Klamm hätte einsetzen müssen. Das Rauschen wird lauter, doch ich gleite auf völlig ruhigem Wasser daher. Ich sehe weder Abrisskante noch Felsen, noch nimmt die Strömung zu. Meine Blicke schwenken zu den senkrechten Klammwänden. Was ist denn das? Unter den Wänden brodelt es, ganze Bäche kommen von den Seiten der Klamm in den Acheron gesprudelt. Der Anblick ist fantastisch.  „Das sind die kalten Quellen des Todes“. Immer mehr Wasser sprudelt in den Fluss, das Volumen des Flusses steigt kontinuierlich an. Wie aus Wasserhähnen strömen Wasserstrahlen im hohen Bogen aus der Felswand. Ein wirklich beeindruckendes Schauspiel.

Nach einigen hundert Metern öffnet sich die Klamm. Immer noch strömen unter den Felsen am Ufer kleine Bäche in den Acheron. Dann kommen die ersten Tavernen „Acheron-Springs“ steht auf den Schildern. Wir paddeln weiter bis zum Ausstieg, die Tavernen sind bei dem schönen Wetter gut gefüllt. Hübsche Griechinnen winken uns.

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Die Taverne am Ausstieg

Wir kommen am Ausstieg an. Der Unneraner Grieche empfängt uns mit seinen Kindern „Wie war es? Wir haben uns schon Sorgen gemacht, ihr habt ganz schön lange gebraucht“.
Wir trinken ein leckeres Mythos-Bier, nutzen die Tavernen-Dusche und machen uns schließlich auf den Weg zurück zu unserem Camp.

Das war ein wirklich eindrucksvoller Tag in der wohl schönsten Schlucht, die ich je gepaddelt bin.

Acheron Kurzbeschreibung:
Mittelschwerer Fluss in grandioser Schlucht. Bei Niedrigwasser ca. WW II bis III mit einer Stelle WW IV. Zirka 50 Meter müssen umtragen werden, die Umtragestelle erkennt man an einer Steinbrücke, die über den Fluss geht. Auch mündet hier von rechts ein Bach und man sieht rechts bei der Mündung dieses Baches eine alte Ruine.

Einstieg:
An der Straßenbrücke nördlich von Vrysula (hier auf dem Schild heißt der Fluss Acheronas)

Ausstieg:
An der Taverne an der Straßenbrücke bei Glyki (vom Boot aus: nach der Brücke rechts). Hier kann man auch kostenlos übernachten sowie Dusche und WC nutzen.
Man sollte allerdings nicht vor der Taverne sein eigenes Bier öffnen und vielleicht sollte man auch das Abendessen in der Taverne einnehmen. Man bekommt hier Wunderbares vom Grill, griechischen Salat, Zaziki, Ouzo und andere leckere griechische Spezialitäten.

Christian Zicke

http://www.outdoordirekt.de

 

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Facts

Land Griechenland
Ort Einstieg Kanalaki
Ort Ausstieg
Klassifizierung Wildwasser
Kategorie Offener Wildbach Klamm
Schwierigkeiten
(nach Addison)
II|2|B - IV|4|C