Hotel bis Mündung in den Inn

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La Brancla - eine ruppige Schönheit gibt ihr Geheimnis preis

Text: Nils Kagel
Fotos: Bernhard Mauracher

Bei manchen Bächen besteht tatsächlich die Frage, inwieweit es sich lohnt, sie zu beschreiben. Zu dieser Kategorie von Gewässern zählt auch die Brancla. Nach einigem Überlegen habe ich mich aber doch dazu entschlossen, etwas über sie zu berichten, da zumindest die landschaftliche Kulisse beeindruckend ist.

Die Brancla fließt durch das im Engadin gelegene Val Sinestra, den größten Teil davon in einer tiefen, unzugänglichen Schlucht. Bei Ramosch tritt sie urplötzlich zwischen senkrechten Felswänden hervor, um einen Kilometer später, kurz unterhalb von Sur En in den Inn zu münden. Die Zufahrt erfolgt von der Ortschaft Sent aus über eine eigentlich gesperrte Strasse. Nach drei Kilometern kommt ein altes, schlossartiges Kurhotel in Sichtweite. Wenig später besteht die Möglichkeit, bei einem auf Flusshöhe stehenden Haus, noch vor einigen kleinen Gefällbremsen einzusetzen. Hierbei sollte jedoch bedacht werden, dass die Brancla bei den Einheimischen weniger für ihr schönes Wildwasser, sondern vor allem für ihre berüchtigten Hochwasser bekannt ist. Wenn im oberen Val Sinestra schwere Regenfälle niedergehen, wälzen sich bisweilen gigantische Mengen an Schlamm und Geröll durch die Schlucht. Eine Befahrung unter diesen Bedingungen ist nicht zu empfehlen. Beträgt der Durchfluss hingegen 7-10 cbm/sek., kann es beruhigt weitergehen.


Gut gebooft ist halb befahren. Franz Puckl in Action.

Auf der Folgestrecke lassen die Schwierigkeiten nicht lange auf sich warten. Schon nach einem halben Kilometer gräbt sich der Bach immer tiefer in die Schlucht ein. Ein steiler Katarakt mit anschließender Zweimeter-Stufe zeigt dem Brancla-Aspiranten, was ihn ab jetzt erwartet.


Kleine Stufe am Beginn der Schlucht. Noch genießt Bernhard Mauracher die Brancla.

Ähnlich wie in der Heiligkreuz-Schlucht der Venter Ache geht es permanent bergab. Das meiste lässt sich auf Sicht fahren, einige Stellen sollten allerdings genauer inspiziert werden. Die ausgesprochen zahlreichen Baumhindernisse können nämlich schnell für eine unangenehme Überraschung sorgen. Zwei Passagen mit höheren Stufen können, wenn sie holzfrei sind, evt. befahren werden. Das Umtragen ist fast immer möglich, wenngleich beschwerlich. Häufig bestehen die Ufer aus feinem Schutt, der bei Feuchtigkeit die Konsistenz von flüssigem Zement annimmt. Das lockere Gestein der Umgebung birgt zudem selbst bei trockener Witterung eine hohe Steinschlaggefahr.


Fiese Baumhindernisse aller Orten ...


... erfordern ein biegsames Rückrat ...


... oder ausgefeilte Bergetechniken.


Knechten über loses Geröll - fast so spannend wie Paddeln.

Im letzten Drittel der Schlucht steht man auf einmal vor einer Abbruchkante, die beiderseits von beinahe senkrechten Felswänden flankiert wird. Über eine drei Meter hohe Stufe fällt das Wasser in einen unterspülten Tumpf, der praktisch nicht abzusichern ist. Etwa 30 Meter später folgt eine noch höhere Stufe, deren Unterwasser man ohne aufwendige Kletteraktion nicht einsehen kann. Ob diese Stelle fahrbar ist, weiß ich nicht. Zum Zeitpunkt unserer Befahrung klemmten zusätzlich einige Bäume in der Klamm, so dass wir gezwungen waren, unsere Boote am linken Ufer 100 Meter aufzuseilen und anschließend durch den Hangwald wieder zum Fluss abzusteigen.


Auch im unteren Teil der Schlucht wird es garantiert nie langweilig.


Enge und verwinkelte Durchfahrten machen den sportlichen Reiz der Brancla aus.

Hat man die schweißtreibende Umkletteraktion hinter sich gebracht, geht es auch weiterhin flott zur Sache. Einige kleine Stufen und Felsgässchen machen Spaß, einige Baumhindernisse weniger. Die spannende Frage, was wohl hinter der nächsten Kurve liegt, bleibt bis zum Schluss bestehen. Irgendwann sieht man die Burgruine von Ramosch hoch über dem Schluchtrand thronen und nur wenige hundert Meter später geht es bereits unter der Straßenbrücke hindurch. Unmittelbar dahinter kann man bei einem Sägewerk am rechten Ufer bequem ausbooten oder der Vollständigkeit halber bis zum Inn weiterpaddeln.


Benjamin Mauracher im Eingangskatarakt.

Kurzbeschreibung Brancla:

Einstieg: Steg beim Kurhaus Val Sinestra.
Ausstieg: Brücke der Kantonsstraße bei Ramosch (Sägewerk).
Fahrtstrecke: 4 km, mindestens 5 Stunden.
Pegel: Keiner bekannt, ca. 7-10 cbm/sek. dürften ideal sein.
Gefälle: Durchschnittlich 80 °/oo
Charakter: Unzugängliche Wald- und Felsschlucht mit klammartigen Passagen, lange,
verblockte Katarakte sowie einige höhere Stufen.
Schwierigkeiten: WW 4-5 (5, X)
Besondere Gefahren: Baumhindernisse, Steinschlag, zu hoher Wasserstand.

Nils Kagel

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Bodeschlucht

Facts

Land Schweiz
Ort Einstieg St.Moritz
Ort Ausstieg
Klassifizierung Wildwasser
Kategorie Sturzbach Klamm
Niederwasser 40
Mittelwasser 70
Hochwasser 90
Schwierigkeiten
(nach Addison)
IV|3|C - V|4|C