Oderfall

Autor: Nils Kagel
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Eine harte Nuß ist geknackt
Die Erstbefahrung des Oderfalls am 27.1.2002
Ein einheitliches Grau bedeckt den Himmel. Nur ab und zu dringt ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke und läßt das moorig braune Wasser bernsteinfarben aufleuchten. Weit ausladend wölben sich uralte Tannen über die Gischt und lassen die Szenerie noch düsterer erscheinen. Zu dritt stehen wir am Ufer der "großen Ausflut", dem Überlauf des im 18. Jahrhundert für den Bergbau angelegten Oderteiches. Noch immer liegt der Schnee knietief und nur mühsam kommen wir bei unserer Besichtigung voran. Gute 10 cbm/sek. fließen in einem Tunnel unter dem alten Staudamm hindurch. Nach wenigen Metern nimmt das Gefälle zu und das Wasser schießt um eine scharfe Rechtskurve herum. Unregelmäßig geformte Felsplatten erzeugen hinterlistige Schrägwalzen und kleine Stufen, bevor der Bach eine 45° geneigte Rampe aus buckligem Grundgestein hinunterfällt. Dahinter staut ein Haufen aus Felsblöcken das Wasser und bildet so einen kleinen Kolk. An der linken Seite des Kolkes fließt das Wasser ab und fällt anschließend über einen kurzen Katarakt in das eigentliche Flussbett der Oder. Insgesamt überwindet der Bach auf einer Strecke von nicht einmal 100 Metern eine Höhendifferenz von etwa 15 Metern. Bereits mehrere Generationen von Harzpaddlern haben am Fuß dieses Kriteriums, das auch als "Oderfall" bekannt ist, gestanden. Niemand konnte sich jedoch bis dato überwinden, seine Befahrungspläne zu verwirklichen. Sollte die Nuß vielleicht am heutigen Tag geknackt werden? Der Wasserstand ist optimal und die perfekte Linie schnell gefunden. So fällt mir die Entscheidung nicht allzu schwer.

Nils bei der Erstbefahrung des Oderfalls. Foto by Jan-Peter (Gifanimation ca. 1MB)
Ich werde fahren. Klaus Koch, gestandener AKC-Recke aus Braunschweig, will mich sichern und postiert sich am Ufer des Kolks, um zu verhindern, daß ich eventuell die letzten, sehr steinigen Meter beschwimmen muß. Indes bezieht auch Jan-Peter Reichardt, ein berüchtigter Paddel-Paparazzo aus der Lüneburger Heide, am Fall Stellung. Es kann also losgehen. Leicht nervös lege ich mein Boot auf das gemauerte Ufer der "großen Ausflut". Noch einmal hole ich tief Luft, dann lasse ich mich über die Kante der Böschung gleiten. Jetzt gibt es kein zurück mehr, denn das nächste Kehrwasser liegt erst etliche Höhenmeter tiefer. Nur wenige Paddelschläge sind es bis zur Eingangskurve. Tatsächlich sind die vielen kleinen Walzen nicht ohne und erschweren die Einhaltung der Ideallinie ganz erheblich. Ich konzentriere mich darauf, die Mitte der Fallkante anzuvisieren, um im Unterwasser eine Kerbe, die auf beiden Seiten von spitzen Felsnasen flankiert wird, zu treffen. Kurz kann ich Klaus am Ufer stehen sehen, dann geht es mit einem Affenzahn hinab. Schon nach zwei Dritteln der Strecke werde ich vom herabfallenden Wasser verschluckt. Tief versenkt es mich im Kolk und Sekundenbruchteile später werde ich von einer weichen Wand zum Stillstand gebracht. Noch unter Wasser überschlägt sich das Boot und ich komme kopfüber mit dem Bug stromauf liegend an die Oberfläche geploppt. Die Rolle klappt auf Anhieb und ich erkenne, daß ich mich bereits in der ablaufenden Strömung befinde. Energisch versuche ich, das Boot wieder in Fahrtrichtung zu drehen. Dies gelingt mir nur teilweise, so daß ich den folgenden Katarakt mehr oder weniger quer befahre. Alles verläuft jedoch glimpflich und wenige Meter später habe ich ein Kehrwasser erreicht. Langsam beginnt die Anspannung von mir abzufallen und ein Gefühl der Zufriedenheit breitet sich in meinem Körper aus. Eine harte Nuß ist geknackt. Jetzt können andere folgen.
Nils Kagel, Soulboater.com
© Soulboater.com 2000-2002, Bilder by Jan-Peter

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Facts

Land Deutschland
Bundesland Niedersachsen
Ort Einstieg Torfhaus-Oderteich
Ort Ausstieg Torfhaus-Oderteich
Klassifizierung Wildwasser
Kategorie Sturzbach
Niederwasser 30 cm
Mittelwasser 60 cm
Hochwasser 90 cm
Schwierigkeiten
(nach Addison)
V|5|B - V|5|B