Rabioux, oberhalb von Chateauroux

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Rabioux - Der rasante Franzose

"Sieht verdammt trocken aus!" bemerke ich bei einem Blick in die untere Guilschlucht, und Ralf muß mir zustimmen. Es ist der letzte Tag unseres Osterurlaubs in Südfrankreich, und wir suchen einen geeigneten Abschlußbach. Jörg und Ina sind heute lieber zum Snowboarden nach Risoul gefahren, haben uns jedoch freundlicherweise ihren Bulli überlassen. Da wir keine Lust auf eine Beschrubbelung haben, beratschlagen wir an der Staumauer von Maison du Roy, was zu tun ist. Zum Mittleren Guil? Den haben wir bereits gestern bei Bombenwasserstand befahren. Die Durance? Zu langweilig. Was bleibt also? Ein Blick in den Paddelführer soll Abhilfe schaffen. "Rabioux" klingt rabiat, entspricht also irgendwie unseren Vorstellungen. Ohne zu zögern starten wir in Richtung Embrun.

Bei Chateauroux kriegen wir den Rabioux das erste mal zu Gesicht. Von der alten Brücke der N94 schauen wir ins Flußbett, das mit ca. 5-6 cbm/sec. einigermaßen gut gefüllt ist. Oberhalb erblicken wir jedoch eine häßliche Gefällebremse, offenbar nagelneu und brandgefährlich. Glücklicherweise läßt sie sich umtragen, und so machen wir uns auf die Suche nach einem Weg zur Einsatzstelle. Der Paddelführer sagt, daß es orographisch gesehen links hinauf geht. Auf meiner Karte ist jedoch eine Straße auf der anderen Flußseite eingezeichnet. Die muß es sein, denke ich mir, und gebe Ralf das Startsignal. Durch zahlreiche Serpentinen quält sich der Bulli den Berg hinauf. Irgendwann läßt die Steigung nach. Dafür ist die mittlerweile zum Feldweg mutierte Straße mit zahlreichen Schlaglöchern übersät. Wir werden ordentlich durchgeschüttelt, und an einer Stelle ist ein großer Teil der Fahrbahn abgerutscht. Um Haaresbreite holpern wir am Abgrund vorbei. Mittlerweile befinden wir uns auf Parallelkurs zum Rabioux. Tief unter uns fließt er durch seine Schlucht, und ab und zu erblicken wir einen silbrigen Wasserstreifen durch die Bäume. Langsam beginnt sich die Straße wieder dem Fluß zu nähern. Bevor sie noch schlechter wird, entschließen wir uns, den Wagen zu parken und den letzten Rest zu tragen. Die Sonne steht im Zenit, und unser Flüssigkeitsausstoß steigt auf Maximum. An einer Brücke erreichen wir endlich den Rabioux.

Kristallklares Wasser rauscht über runde Felsblöcke durch ein enges Bachbett. Das Gefälle scheint nicht unerheblich zu sein. Der Paddelführer redet sogar irgendetwas von 100°/oo auf den folgenden 1,5 Kilometern. Ralf guckt leicht skeptisch. Ich überzeuge ihn schließlich, indem ich anmerke, daß man vor kritischen Stellen ja anhalten und notfalls umtragen könnte.
Im Katarakt nach der Brücke liegt ein Baum quer. Direkt dahinter können wir einsteigen. Die ersten Meter sind zwar rasant aber fair. Dann taucht die erste unübersichtlich Stelle auf. Ab ins Kehrwasser und.... Wo ist das Kehrwasser? Keines da, also geht´s im Blindflug hinunter. Erst 100 Meter weiter habe ich Gelegenheit zu verschnaufen. Auch Ralf sieht ein wenig gestreßt aus. Langsam entpuppt sich der Rabioux als eine Rinne mit gewissen Risiken. Das Aussteigen zum Besichtigen bleibt ein Wunschtraum, und manch klemmgefährlicher Schlitz läßt deshalb ein ungutes Gefühl beim Durchfahren aufkommen. Paddelschläge können nur rudimentär angewendet werden. Die Devise lautet: Augen zu und gerade durch! Besonders unangenehm ist, daß viele Unterwasser nicht ganz sauber sind, und langsam beginnt das Gesäß aufgrund der zahlreichen Grundberührungen zu schmerzen. Für die wunderschöne Landschaft mit ihren Pinienwäldern, die teilweise an Korsika erinnern, haben wir bald keinen Blick mehr übrig. Hin und wieder ist jetzt ein Kehrwasser zu entdecken, das sofort genutzt wird, um die nächsten Meter zu inspizieren. Obwohl das Gefälle abzunehmen scheint, poltert der Rabioux unentwegt bergab. Zuweilen fächert er sich auf, und man hat fast den Eindruck, eine Mure statt einen Fluß zu befahren. Etliche Male schultert Ralf wutentbrannt sein Topo und schlägt sich zur nächstbesten Einsatzstelle durch. Anfangs fahre ich noch alles, aber allmählich sinkt auch bei mir der Spaßfaktor auf Null. Zum Schluß wähle ich ebenfalls den Landweg. Kaum haben wir un-sere Boote wieder zu Wasser gelassen, taucht plötzlich eine Abbruchkante vor uns auf. Die erste einer Reihe von unfahrbaren Gefällebremsen ist erreicht. Am linken Ufer umtragen wir auf einem mit Dornengestrüpp überwucherten Fahrweg bis hinter die zweite Gefällebremse. Da mindestens noch vier weitere folgen, entschließen wir uns, den Fluß zu queren und die Schlucht auf einem steilen Forstweg zu verlassen. Oben angekommen, werden wir erst einmal von Stechfliegen gepiesackt. Zumindest wärmt die Abendsonne ein wenig. Ralf meldet sich freiwillig zur Joggingeinheit und stratzt los, um den Bus zu holen.
Nachdem die Boote verzurrt sind, beeilen wir uns, Richtung Risoul zu kommen. Wir werden dort schon sehnsüchtig von Jörg und Ina erwartet, die uns von einem wunderschönen Tag auf dem Snowboard erzählen. Unsere Gedanken hängen währenddessen weniger am Paddeln, sondern eher am Abendessen. So bleibt uns der Rabioux in zwiespältiger Erinnerung. Irgendwie sportlich, irgendwie schön, aber viiiel zu anstrengend!


Kurzbeschreibung Rabioux
Einsatz: An einer Brücke 1,5km oberhalb von Chateauroux
Aussatz: Entweder an der Brücke der N94 oder schon oberhalb der Gefällebremsen. Eine Weiterfahrt bis in die Durance ist möglich.
Fahrstrecke: 1,5 km, alles in allem 3 Stunden.
Befahrungszeit: Frühjahr bis Sommer bei 5 - 8cbm/sec.
Charakter und Schwierigkeiten: Steiler Geröllbach in unzugänglicher Waldschlucht, kaum Kehrwasser, WW 4 und 5.
Besondere Gefahren: Klemmgefährliche Stellen, plötzlich auftauchende Baumhindernisse.

Beschreibung: Nils Kagel

Vorige Beschreibung

Mittlerer + Unterer Esteron

Nächste Beschreibung

Obere, Mittlere und Untere Roya

Facts

Land Frankreich
Ort Einstieg Embrun
Ort Ausstieg
Klassifizierung Wildwasser
Kategorie Sturzbach
Schwierigkeiten
(nach Addison)
IV|2|B - V|3|C