Seenstrecke

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 Vassfaret - Klein Kanada in Norwegen

Wer dachte, die Zeit der Entdeckungen in Europa sei vorbei, der irrt sich, denn immer noch warten kleine Überraschungen vor der Haustür.

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 Grundgesteinspassage nach dem Høgfossen

Früh am Sonnabend waren Nils und ich aufgestanden und hatten uns auf den Weg gemacht, die ganze Vassfaret "from top to bottom" zu befahren. Vassfaret ist das Plateau, auf dem Åsli und Aurdøla ihren Ursprung haben. Es war und ist ein sehr dünn besiedeltes Gebiet, das zwischen dem Hallingdal und dem Begnadalen eingeklemmt liegt. Bereits vor der großen Pestwelle von 1349 lebten Menschen in dieser Gegend. Seit dem 17. Jahrhundert wurde ihr Waldreichtum verstärkt genutzt. Es entstanden insgesamt 12 Höfe. Der letzte von ihnen wurde 1921 aufgegeben. In den 60er Jahren endete auch die Forstwirtschaft. 1985 wurde das Vassfaret zum Naturschutzgebiet erklärt.

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Schlitz mit paddlerverschlingendem Rücklauf

Die Tour startet am Strøen-See bei einem Staudamm, welcher ursprünglich der Holztrift diente. Der Fluss heißt hier zunächst Strøselva. Gleich nach dem Start geht es schon die erste Rutsche hinab, auf die wenig später eine Niedrigklamm folgt. Das Gestein ist teilweise sehr scharfkantig, da das Flussbett stellenweise für die Trift ausgesprengt wurde. Alle Passagen können jedoch gut angesehen und evt. umtragen werden. An der nächsten Linkskurve sollte man rechtzeitig anlanden. Hier befindet sich ein möglicherweise bekagelbarer Wasserfall (Høgfossen), den wir jedoch (zu meiner großen Erleichterung) dieses Mal ausließen. Es folgt erneut eine Niedrigklamm. Am Ende sollte man unbedingt das letzte Kehrwasser erwischen, um einem miesen Grundgesteinsschlitz mit Killerrücklauf zu entgehen. Auch die folgende Rutsche ist unsauber und mit einigen großen Felsblöcken im Unterwasser garniert. Wieder eingebootet kommt man nach 150 Metern an eine große und vor allem lange Rutsche, die an der rechten Seite gut besichtigt oder umtragen werden kann. Der anschließende Katarakt ist etwas steinig, aber an sich problemlos zu befahren. Hier endet der absolute Oberlauf. Ruhig strömt der Fluss in den ersten See.

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 Lange Rutsche auf der Strøselva

 

Der erste, langgestreckte See heißt Suluvatnet. An der Stelle, an der sich der See verengt,  sieht man rechts die Buvasselvi hinabstürzen. Ein kleiner Abstecher hoch zum Fossen lohnt sich allemal. Über einen ruhigen Waldfluss geht es weiter zum Øvre Grunntjern, an dessen Ende sich den Grunntjernfossen befindet. Ob man die gewaltige Rutschenkombination befahren kann, hängt vom Wasserstand ab. Wir umtrugen das Ganze bequem über einen Pfad am linken Ufer. Es folgt der Nedre Grunntjern, an den sich die Durchfahrt zum nächsten See, dem Nevlingen, anschließt. Hier befindet sich eine schöne Stufe, die sich links gut auf Sicht befahren lässt.

 Am linken Ufer ragt der Vassfakollen auf. An seinem Fuss liegt der Vassfartplassen, der letzte, bis in die Zwanziger Jahre bewohnte Hof im Vassfaret. Heute führt ein Schotterweg am linken Ufer bis hierher, früher war ein Ruderboot die einzige Verbindung ins Tal.

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 Zwischen den Seen

Der Nevlungen ist der erste von zwei großen Seen, die überquert werden müssen. Am Ende des nächsten kleinen Sees befindet sich ein langer Grundgesteinskatarakt, der angesehen werden sollte und der links gescoutet oder umtragen werden kann. Danach kündigt sich bereits der Aurdalsfjorden an. Hinter der nächsten Ecke erwartet den ausgelaugten Wildwasserfreund eine weite Aussicht und ein deprimierendes Stück Flachwasser. Als Alternative bietet es sich an, mit dem Auto bis an das obere Seeende zu fahren. Wir wollten jedoch nicht kneifen und gaben uns auch diese zähen 4 km.

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 Durststrecke auf dem Aurdalsfjord

Am Ende des Aurdalfjords befindet sich eine weitere Staumauer, an der früher Zuschusswasser für die Holztrift abgelassen werden konnte. Die Baumstämme trieben zunächst die Aurdøla hinab und schwammen dann via Urula in den Sperillen-See. Von hier aus ging es zu den Sägewerken in Hønefoss oder weiter Richtung Drammen und in die weite Welt.

Heutzutage wird die Aurdøla nur noch von Paddlern genutzt. Der Fluss stellt auf den ersten Kilometern, abgesehen von einzelnen Stromschnellen, sehr leichtes Wildwasser dar. Wenn man eine kleine Brücke erreicht, fängt die Aurdøla jedoch an, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Bei dem von uns angetroffenen Pegel war nur die erste Rutsche fahrbar. Auf der restlichen Strecke folgte Killerwalze auf Killerwalze und ein Anhalten zwischen den Stellen wäre nahezu unmöglich gewesen. Für diesen Abschnitt ist der Wasserstand passend, wenn die Urula Niedrigwasser führt und der Pegel 218,75-219,32 anzeigt. Aber auch dann ist der Bach immer noch ein Hammer. Eine Befahrung der gesamten, 3 km langen Strecke nimmt etwa sechs bis acht Stunden in Anspruch.

Wir mussten unsere Fahrt wohl oder übel abbrechen und begaben uns zu Fuß ins Tal, um per Anhalter zu unserem Wagen am Strøen See zurückzukommen. Die ganze Tour dauerte um die zehn Stunden. Dank Mitternachtssonne konnten wir jedoch unser Projekt einer Durchquerung des Vassfaret erfolgreich abschließen.

Kurzbeschreibung Vassfaret 

Einsatzstelle: Ausfluss des Strøen-Sees, über einen Bomweg vom Hedal aus erreichbar; bei Niedrigwasser müssen die Boote 2,5 km über einen gesperrten Privatweg flußab getragen werden.

 

Aussatzstelle: Je nach Wasserstand und Motivation an oder unterhalb einer kleinen Brücke 3,5 km oberhalb des Zusammenfluss von Aurdøla und Åsli, über Bomweg vom Hedal aus erreichbar.

Fahrtstrecke: 23 km, 8-10 Stunden.

Charakter: Landschaftlich einmalig schöne Seenkette, unterbrochen von schnell strömenden Wanderstrecken und  Wildwasserabschnitten unterschiedlicher Schwierigkeit.

Schwierigkeiten: Strøselva WW IV (V, VI, X), Seen Zahmwasser, Zwischenstrecken WW III bis VI, obere Aurdøla WW I-II (III), untere Aurdøla WW V-VI

Besonderheiten: guter Wasserstand auf der Strøselva bedeutet, dass die untere Aurdøla unfahrbar wird; Seen auch gut für Familientouren im Kanadier geeignet.

Text/Fotos: Ferry Wagenvoort, Nils Kagel

Vorige Beschreibung

Grosse Schlucht ab Pont dÁrc

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Stausee von La Pena bis Brücke bei Ste. Eulalia

Facts

Land Norwegen
Ort Einstieg Hönefoss
Ort Ausstieg
Klassifizierung Wildwasser
Kategorie Offener Wildbach
Schwierigkeiten
(nach Addison)
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